Do, 18:34 Uhr
24.09.2009
Ein Leben für den Sport
Ulla Donath im Gespräch mit Ewald Mertens, um 1955 (Foto: Sammlung Dietrich Mertens)
Er war aus meiner Sicht einer der großen Trainerpersönlichkeiten der deutschen Leichtathletik, sagte der Nordhäuser Olympiateilnehmer von 1964 in Tokio und 1972 in München, Jürgen May, über Ewald Mertens. Heute wäre der erfolgreiche Leichtathlet und verdienstvolle Trainer 100 Jahre alt geworden. Anlass für die nnz, das Leben und Wirken dieser Sportlerpersönlichkeit einmal näher zu beleuchten.Ewald Mertens, Sohn des Schuhmachermeisters Friedrich Mertens, besuchte die Volksschule in Tangermünde und absolvierte danach eine Schuhmacherlehre. Bereits sehr frühzeitig entwickelte sich bei ihm ein überdurchschnittliches Interesse am Sport. 1931 kam Mertens nach Nordhausen, weil er hier bessere Möglichkeiten sah, sich beruflich weiterzuentwickeln. Allerdings fand er hier keine gleichwertigen Mittelstreckler und so ließ er sich zum KTV Wittenberg versetzen, wo unter Leitung von Trainer Arthur Lampert eine Staffelgemeinschaft entstand, die fast zehn Jahre in Deutschland ungeschlagen blieb. Dort lernte er auch seinen weiteren Wegbegleiter Rudolf Harbig kennen.
Mit der Berufung 1933 in die Ländermannschaft Deutschlands verbuchte er seinen ersten großen sportlichen Erfolg. Ewald Mertens nahm an fünf Länderkämpfen und an zehn Deutschen Meisterschaften teil. Hinter Rudolf Harbig galt Mertens in den 1930er-Jahren als der beste Mittelstreckler Deutschlands. Zweimal war er Deutscher Staffelmeister, mehrmals belegte er zweite und dritte Plätze bei den Deutschen Einzelmeisterschaften. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin bildete den Höhepunkt in seiner aktiven sportlichen Laufbahn. Er startete über 800 m und schaffte es bis ins Viertelfinale.
1938 heiratete er in Wittenberg die Nordhäuserin Erna Schönleiter (ihr Onkel Willi war Mitbegründer des Fußballclubs Wacker 05). Ein Jahr später siedelte er nach Nordhausen über. Mit den Sportfreunden Karl Reinhardt, Erich Rulf und Karl Liesegang gelang es ihm nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1947 die Leichtathletiksparte der Sportgemeinschaft Nordhausen auf ein hohes Niveau zu bringen.
Aufgrund seiner hervorragenden Tätigkeit und Kompetenz wurde Mertens 1952 damit beauftragt, die Mittelstreckler der DDR-Kernmannschaft zu trainieren. Er begründete mit seiner wissenschaftlichen Arbeit den Weltruf des DDR-Mittel- und Langstreckenlaufs. Für seine Leistungen wurde ihm 1955 der Titel Verdienter Meister des Sports verliehen. Seit Bestehen der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft bis zu seinem Tod war er der verantwortliche Mittelstrecken-Trainer, u. a. bei den Olympischen Spielen in Melbourne 1956 und Rom 1960.
Neben dieser Tätigkeit übernahm er 1952 den Leichtathletik-Schwerpunkt in Halle/Saale. Dort wirkte Merten fünf Jahre. Aus der Läufergemeinschaft in Halle gingen u. a. Ulla Donath (1954 Weltrekord über 880 Yards) und Siegfried Hermann (1965 Weltrekordhalter über 3000 m) hervor. 1957 trainierte Mertens als Cheftrainer die Mittelstreckler des SC Turbine Erfurt, wo er u. a. auch die Ausnahmeathleten Jürgen May und Manfred Matuschewski betreute. Mit Hochdruck bereitete er seine Schützlinge auf die Olympischen Spiele 1964 in Tokio vor. Eine schwere Erkrankung ließ seine Teilnahme in Japan nicht mehr zu.
Obwohl Ewald Mertens fast ständig unterwegs war, von Wettkampf zu Wettkampf in alle europäischen Stadien eilte und seine Familie in Nordhausen nur selten besuchen konnte, blieb er seiner Wahlheimatstadt stets verbunden. So oft es ihm seine Zeit erlaubte, informierte er sich über die Fortschritte und Erfolge in der Nordhäuser Leichtathletik und gab wertvolle Tipps und Anregungen.
Wenige Wochen vor dem sportlichen Großereignis in Tokio forderte die Krankheit ihren Tribut. Er kam ins Regierungskrankenhaus in Berlin, das er nicht mehr verlassen sollte. Ewald Mertens starb am 7. Februar 1965.

