Mi, 11:51 Uhr
18.03.2009
Zum 80. Geburtstag
Christa Wolf wird heute 80 Jahre alt. Grund genug für Heidelore Kneffel in der nnz an eine Begegnung der Wolf mit der Limlingeröder Dichterin Sarah Kirsch zu erinnern.
Zwei Autorinnen, zwei Bücher, zwei Sichten auf einen Sommeraufenthalt in Mecklenburg 1975
Sarah Kirsch nimmt 1975 eine Einladung Christa Wolfs an, einige Zeit des Sommes mit ihrem Sohn Moritz, der sich selbst Moses nennt, nahe des Häuschens der Wolfs im Mecklenburgischen zu verbringen. Eigentlich wäre die junge Dichterin gern mit ihrem damaligen Liebsten, dem Schriftsteller Christoph Meckel, der in Westberlin lebt, gen Süden gefahren, aber die Gesetze ihres Ländchens lassen das nicht zu.
Also, auf nach Mecklenburg! In diesem Landstrich hat sich die Familie Wolf in Meteln in einem alten Bauernhaus ein Domizil eingerichtet, um besonders des Sommers mit den Kindern auf dem Land sein zu können. In der Nähe wohnen Freunde, z. B. Carola, mit einem Griechen verheiratet, zu der die Kirschs ziehen.
In dem Christa-Wolf-Band Ein Tag Im Jahr, 2003 erschienen, erfährt man über den Mann: Später stellte sich seine Mitarbeit für die Staatssicherheit heraus ...
Über diesen Jahrhundertsommer-Aufenthalt 1975 gibt es zwei Bücher, das eine von Christa Wolf, Sommerstück, von ihr allen Freunden jenes Sommers gewidmet, das zweite von Sarah Kirsch, Allerlei-Rauh/Eine Chronik, mit dem Hinweis: Alles ist frei erfunden und jeder Name wurde verwechselt. Das bedeutet bei der Dichterin – alle Namen sind echt.
Bei der Wolf heißt es am Schluss des Prosabandes: Alle Figuren ... sind Erfindungen der Erzählerin, keine ist identisch mit einer lebenden oder toten Person. Ebensowenig decken sich beschriebene Episoden mit tatsächlichen Vorgängen.
Das Buch der Kirsch erschien 1988, das der Wolf ein Jahr später, also vor 20 Jahren. Beim Lesen beider Werke macht man aufschlussreiche Entdeckungen über das literarische Verarbeiten von Erlebtem, von Empfundenem. Diese vergleichende Lektüre sei empfohlen!
Christa Wolf benennt Sarah Kirsch als Bella und stellt ihrem Sommerstück Verse von ihr voran: Raubvogel süß ist die Luft/ So kreiste ich nie über Menschen und Bäume/ So stürz ich nicht noch einmal durch die Sonne/ Und zieh was ich raubte ins Licht/ Und flieg davon durch den Sommer!
Der Einstieg der Wolf lautet: Es war dieser merkwürdige Sommer. Später würden die Zeitungen ihn ‚Jahrhundertsommer’ nennen ... damals, so reden wir heute, haben wir gelebt.
Die Kirsch erinnert sich, zur Zeit der Niederschrift mit 144 sogenannten Seelen in Tielenhemme/Schleswig/Holstein lebend, 30 Kilometer von der Nordsee entfernt: Wo wir einst lebten, mag wieder Weltfriedenstag sein und sämtliche Schulen nehmen nach einem gleichzeitigen Fahnenappell den Unterricht auf ... Dann stellt sie das Leben in ihrem jetzigen Zuhause vor und plötzlich heißt es : Oftmals im Lauf ... der Jahre fällt mir Carola ein; von gleicher Art werden Luft und Firmament auch in Mecklenburg sein ... wie in jenem bezauberndem Sommer kann ich jederzeit mit Hülfe phantastischer Flügel in Carolas Küche mich schwingen ... was war das für ein besonderer Sommer, wir warfen uns ein immerwährendes Tonband mit Theodorakis-Endlosgesängen an. An anderer Stelle: Was war das fürn phantastischer Sommer, der glühend und schwer über Mecklenburg lag. Sie nennt ihn auch hitzebrütig. Mit frisch gebackenem Apfelkuchen zogen sie, ihr Kind Moses und die Carola-Freundin zu den Wolfs, die mit ihren Kindern und Kindeskindern im benachbarten Dorf ihren Sommersitz hatten, an einem geringen kreisrunden Teich gelegen, den sechs ehrwürdige Kopfweiden umstanden.
Dort war man unter Freunden, deren Freunde, sehr vielen Kindern, die alle in der Halbwelt Berlin ansässig waren. Man saß auf den Stühlen verschiedener Epochen um einen freigiebigen Tisch großer Ausdehnung ... wir sprachen viel von den zukünftigen Zeiten, ihren schwerlichen Reisen oder den Vorteilen Preußischer Zensurengesetzgebung, weil sie, da festgeschrieben, zu umgehen doch war und danach sangen wir mehrfache zweistimmige Lieder, Christa und Gerhard wussten stets alle Strophen.
Über diesen mecklenburgischen Sommer gibt es noch ein anderes Zeugnis, Fotos der bekannten Fotografin Helga Paris, häufig reproduziert. Sie waren auch in einer Kunstausstellung in Limlingerode im Geburtshaus der Kirsch im Sommer 2003 ausgestellt. Ein Bild zeigt die Freunde um den vor dem Haus stehenden großen Tisch versammelt, ein anderes Christa Wolf und Sarah Kirsch im Gespräch vertieft, ein nächstes die Wanderung zu den Wolfs ins Nachbardorf, auf dem Carola das Blech mit dem Kuchen trägt.
Heidelore Kneffel
Autor: nnzZwei Autorinnen, zwei Bücher, zwei Sichten auf einen Sommeraufenthalt in Mecklenburg 1975
Sarah Kirsch nimmt 1975 eine Einladung Christa Wolfs an, einige Zeit des Sommes mit ihrem Sohn Moritz, der sich selbst Moses nennt, nahe des Häuschens der Wolfs im Mecklenburgischen zu verbringen. Eigentlich wäre die junge Dichterin gern mit ihrem damaligen Liebsten, dem Schriftsteller Christoph Meckel, der in Westberlin lebt, gen Süden gefahren, aber die Gesetze ihres Ländchens lassen das nicht zu.
Also, auf nach Mecklenburg! In diesem Landstrich hat sich die Familie Wolf in Meteln in einem alten Bauernhaus ein Domizil eingerichtet, um besonders des Sommers mit den Kindern auf dem Land sein zu können. In der Nähe wohnen Freunde, z. B. Carola, mit einem Griechen verheiratet, zu der die Kirschs ziehen.
In dem Christa-Wolf-Band Ein Tag Im Jahr, 2003 erschienen, erfährt man über den Mann: Später stellte sich seine Mitarbeit für die Staatssicherheit heraus ...
Über diesen Jahrhundertsommer-Aufenthalt 1975 gibt es zwei Bücher, das eine von Christa Wolf, Sommerstück, von ihr allen Freunden jenes Sommers gewidmet, das zweite von Sarah Kirsch, Allerlei-Rauh/Eine Chronik, mit dem Hinweis: Alles ist frei erfunden und jeder Name wurde verwechselt. Das bedeutet bei der Dichterin – alle Namen sind echt.
Bei der Wolf heißt es am Schluss des Prosabandes: Alle Figuren ... sind Erfindungen der Erzählerin, keine ist identisch mit einer lebenden oder toten Person. Ebensowenig decken sich beschriebene Episoden mit tatsächlichen Vorgängen.
Das Buch der Kirsch erschien 1988, das der Wolf ein Jahr später, also vor 20 Jahren. Beim Lesen beider Werke macht man aufschlussreiche Entdeckungen über das literarische Verarbeiten von Erlebtem, von Empfundenem. Diese vergleichende Lektüre sei empfohlen!
Christa Wolf benennt Sarah Kirsch als Bella und stellt ihrem Sommerstück Verse von ihr voran: Raubvogel süß ist die Luft/ So kreiste ich nie über Menschen und Bäume/ So stürz ich nicht noch einmal durch die Sonne/ Und zieh was ich raubte ins Licht/ Und flieg davon durch den Sommer!
Der Einstieg der Wolf lautet: Es war dieser merkwürdige Sommer. Später würden die Zeitungen ihn ‚Jahrhundertsommer’ nennen ... damals, so reden wir heute, haben wir gelebt.
Die Kirsch erinnert sich, zur Zeit der Niederschrift mit 144 sogenannten Seelen in Tielenhemme/Schleswig/Holstein lebend, 30 Kilometer von der Nordsee entfernt: Wo wir einst lebten, mag wieder Weltfriedenstag sein und sämtliche Schulen nehmen nach einem gleichzeitigen Fahnenappell den Unterricht auf ... Dann stellt sie das Leben in ihrem jetzigen Zuhause vor und plötzlich heißt es : Oftmals im Lauf ... der Jahre fällt mir Carola ein; von gleicher Art werden Luft und Firmament auch in Mecklenburg sein ... wie in jenem bezauberndem Sommer kann ich jederzeit mit Hülfe phantastischer Flügel in Carolas Küche mich schwingen ... was war das für ein besonderer Sommer, wir warfen uns ein immerwährendes Tonband mit Theodorakis-Endlosgesängen an. An anderer Stelle: Was war das fürn phantastischer Sommer, der glühend und schwer über Mecklenburg lag. Sie nennt ihn auch hitzebrütig. Mit frisch gebackenem Apfelkuchen zogen sie, ihr Kind Moses und die Carola-Freundin zu den Wolfs, die mit ihren Kindern und Kindeskindern im benachbarten Dorf ihren Sommersitz hatten, an einem geringen kreisrunden Teich gelegen, den sechs ehrwürdige Kopfweiden umstanden.
Dort war man unter Freunden, deren Freunde, sehr vielen Kindern, die alle in der Halbwelt Berlin ansässig waren. Man saß auf den Stühlen verschiedener Epochen um einen freigiebigen Tisch großer Ausdehnung ... wir sprachen viel von den zukünftigen Zeiten, ihren schwerlichen Reisen oder den Vorteilen Preußischer Zensurengesetzgebung, weil sie, da festgeschrieben, zu umgehen doch war und danach sangen wir mehrfache zweistimmige Lieder, Christa und Gerhard wussten stets alle Strophen.
Über diesen mecklenburgischen Sommer gibt es noch ein anderes Zeugnis, Fotos der bekannten Fotografin Helga Paris, häufig reproduziert. Sie waren auch in einer Kunstausstellung in Limlingerode im Geburtshaus der Kirsch im Sommer 2003 ausgestellt. Ein Bild zeigt die Freunde um den vor dem Haus stehenden großen Tisch versammelt, ein anderes Christa Wolf und Sarah Kirsch im Gespräch vertieft, ein nächstes die Wanderung zu den Wolfs ins Nachbardorf, auf dem Carola das Blech mit dem Kuchen trägt.
Heidelore Kneffel

