Mo, 09:10 Uhr
14.11.2016
Der Dichter Georg Trakl
O Einsamstehn vor Wassern still und weiß...
Der österreichische Dichter Georg Trakl, geboren 1887 in Salzburg, gestorben im 1. Weltkrieg bereits am 3. November 1914 im Garnisonsspital in Krakau, wird von den Mitgliedern des Sarah-Kirsch-Hauses in Limlingerode am Samstag vorgestellt...
Eine eindeutige Zuordnung seines poetischen Werkes zu einer Strömung der Literaturgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts ist schwer möglich und auch nicht nötig, denn Trakl ist ein Solitär. Wer seine Verse liest oder hört, vergisst sie nicht wieder, selbst, wenn nicht alle Zeilen ihr Geheimnis sofort enthüllen. Er lebte in Österreich in der Zeit des Umbruchs und des Niedergangs der Monarchie, aber diese Welt spiegelt sich nicht vordergründig in seiner Lyrik.
Fühmann (Foto: Karin Kisker)
Auf ihn aufmerksam wurden die Mitglieder des Fördervereins schon vor einiger Zeit durch den vielseitigen deutschen Poeten Franz Fühmann (Bild/1922-1984). Trakls Dichtung begleitete diesen seit Kriegsende viele Jahre und er unternahm es dann 1975, eine Gedichtsammlung des Ausnahmepoeten zusammenzustellen, die bei Reclam erschien.
Etwas Erstaunliches, denn Trakl passte mit seinem Werk so gar nicht in das Schema des von der Staatsführung der DDR propagierten sozialistischen Realismus. Eine kühne Tat Fühmanns, die ihm wie so oft in seinem Leben harsche Kritik einbrachte. Unbeirrt ergründete er Trakl weiter und nach Wirren mit dem Reclam-Verlag erschienen dort 1981 in einem Schuber zwei Bände:
Der erste enthält einen Fühmann-Text über Trakl mit dem Titel: Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz, worin er über Trakls besonderes Werk reflektiert und seinen Zugang zu diesem darstellt. Im 2. Band stehen Trakls Gedichte, Dramenfragmente und Briefe. Hinzugefügt ist ein schmales Bändchen mit Bildern des österreichischen Künstlers Egon Schiele (1890-1918), auch ein Mann, der den DDR-Funktionären überhaupt nicht in ihr politisches Schema passte. Fühmann stellt ihn mit seinem rigorosen Kunstwillen und seiner schmerzvollen Selbstoffenbarung in ausgewählten Beispielen zu Recht dem Dichter Trakl zur Seite.
Er hatte für diese Publikation seinen Trakl-Essay stark kürzen müssen, wollte ihn aber, da er darin grundsätzliche Fragen über das Schreiben von Lyrik dargestellt hatte, zur öffentlichen Diskussion stellen. Wieder folgten ideologische K(r)ämpfe, jedoch 1982 kam Vor Feuerschlünden, Erfahrungen mit Georg Trakls Gedicht bei einem anderen Verlag, bei Hinsdorff, heraus. Bis heute sind diese 236 Seiten ein Standardwerk der Sekundärliteratur über Georg Trakl und auch für den Nachmittag in Limlingerode ein Ratgeber.
Trakls Vater war ein wohlhabender Eisenwarenhändler, die Mutter widmete sich einer umfangreichen Antiquitätensammlung, nicht den Kindern, litt unter psychischen Problemen, die auch mit dem Missbrauch von Medikamenten verbunden waren. Der Junge verbrachte mit mehreren Geschwistern eine nur materiell gesicherte Kindheit. Eine Gouvernante aus dem Elsass vermittelte Georg das Interesse an moderner französischer Literatur, was seine Dichtung beeinflusste.
Mit seiner vier Jahre jüngeren Schwester Margarethe verband ihn eine enge Beziehung, was sich in Gedichten ausdrückt. Schon in der Schule hatte er mit Chloroform Erfahrungen gesammelt, das Drogenproblem setzt sich in seinem Leben fort, er pendelte zwischen Euphorie und Verzweiflung. Nach einem Pharmaziestudium dient er in einer Sanitätsabteilung des Militärs. Freunde unterstützen ihn bei der Veröffentlichung seiner Gedichte und 1913 gab der Leipziger Kurt Wolff Verlag den Band Gedichte heraus.
Trakl arbeitete an seinem zweiten Band Sebastian im Traum, den er selbst noch zusammenstellte, das Erscheinen aber nicht mehr erlebte. In den 1. Weltkrieg wurde er als Militärapotheker einberufen und erlebte die furchtbare Schlacht bei Grodek, wovon Gedichte zeugen. Er hatte fast einhundert Schwerverwundete unter schlechten Bedingungen allein und ohne zureichendes Material zu versorgen und keine Möglichkeit, den Sterbenden zu Hilfe zu kommen, was ihn in Verzweiflung stürzte, einen Nervenzusammenbruch verursachte und sein Ende beschleunigte.
In einem Nachruf schrieb ein Freund: In den Gedichten empfand ich ihn als die Erscheinung eines Sehers. Zu ihm redet die Welt in Bildern, aus ihm tönt sie in Bildern zurück... Zuweilen steigt er in seine Seele hinab, er versinkt in sich selber; aber auch das Unirdische erlebt er in Bild und Zeichen. Die Dichterin Else Lasker-Schüler hatte Trakl 1914 in Berlin kennengelernt. Als sie von seinem Tod erfuhr, schrieb sie: Georg Trakl / GeorgTrakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt. So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.
Heidelore Kneffel
Dichterstätte Limlingerode, 19. November 2016, ab 14.30 Uhr
Autor: redEine eindeutige Zuordnung seines poetischen Werkes zu einer Strömung der Literaturgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts ist schwer möglich und auch nicht nötig, denn Trakl ist ein Solitär. Wer seine Verse liest oder hört, vergisst sie nicht wieder, selbst, wenn nicht alle Zeilen ihr Geheimnis sofort enthüllen. Er lebte in Österreich in der Zeit des Umbruchs und des Niedergangs der Monarchie, aber diese Welt spiegelt sich nicht vordergründig in seiner Lyrik.
Fühmann (Foto: Karin Kisker)
Auf ihn aufmerksam wurden die Mitglieder des Fördervereins schon vor einiger Zeit durch den vielseitigen deutschen Poeten Franz Fühmann (Bild/1922-1984). Trakls Dichtung begleitete diesen seit Kriegsende viele Jahre und er unternahm es dann 1975, eine Gedichtsammlung des Ausnahmepoeten zusammenzustellen, die bei Reclam erschien.
Etwas Erstaunliches, denn Trakl passte mit seinem Werk so gar nicht in das Schema des von der Staatsführung der DDR propagierten sozialistischen Realismus. Eine kühne Tat Fühmanns, die ihm wie so oft in seinem Leben harsche Kritik einbrachte. Unbeirrt ergründete er Trakl weiter und nach Wirren mit dem Reclam-Verlag erschienen dort 1981 in einem Schuber zwei Bände:
Der erste enthält einen Fühmann-Text über Trakl mit dem Titel: Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz, worin er über Trakls besonderes Werk reflektiert und seinen Zugang zu diesem darstellt. Im 2. Band stehen Trakls Gedichte, Dramenfragmente und Briefe. Hinzugefügt ist ein schmales Bändchen mit Bildern des österreichischen Künstlers Egon Schiele (1890-1918), auch ein Mann, der den DDR-Funktionären überhaupt nicht in ihr politisches Schema passte. Fühmann stellt ihn mit seinem rigorosen Kunstwillen und seiner schmerzvollen Selbstoffenbarung in ausgewählten Beispielen zu Recht dem Dichter Trakl zur Seite.
Er hatte für diese Publikation seinen Trakl-Essay stark kürzen müssen, wollte ihn aber, da er darin grundsätzliche Fragen über das Schreiben von Lyrik dargestellt hatte, zur öffentlichen Diskussion stellen. Wieder folgten ideologische K(r)ämpfe, jedoch 1982 kam Vor Feuerschlünden, Erfahrungen mit Georg Trakls Gedicht bei einem anderen Verlag, bei Hinsdorff, heraus. Bis heute sind diese 236 Seiten ein Standardwerk der Sekundärliteratur über Georg Trakl und auch für den Nachmittag in Limlingerode ein Ratgeber.
Trakls Vater war ein wohlhabender Eisenwarenhändler, die Mutter widmete sich einer umfangreichen Antiquitätensammlung, nicht den Kindern, litt unter psychischen Problemen, die auch mit dem Missbrauch von Medikamenten verbunden waren. Der Junge verbrachte mit mehreren Geschwistern eine nur materiell gesicherte Kindheit. Eine Gouvernante aus dem Elsass vermittelte Georg das Interesse an moderner französischer Literatur, was seine Dichtung beeinflusste.
Mit seiner vier Jahre jüngeren Schwester Margarethe verband ihn eine enge Beziehung, was sich in Gedichten ausdrückt. Schon in der Schule hatte er mit Chloroform Erfahrungen gesammelt, das Drogenproblem setzt sich in seinem Leben fort, er pendelte zwischen Euphorie und Verzweiflung. Nach einem Pharmaziestudium dient er in einer Sanitätsabteilung des Militärs. Freunde unterstützen ihn bei der Veröffentlichung seiner Gedichte und 1913 gab der Leipziger Kurt Wolff Verlag den Band Gedichte heraus.
Trakl arbeitete an seinem zweiten Band Sebastian im Traum, den er selbst noch zusammenstellte, das Erscheinen aber nicht mehr erlebte. In den 1. Weltkrieg wurde er als Militärapotheker einberufen und erlebte die furchtbare Schlacht bei Grodek, wovon Gedichte zeugen. Er hatte fast einhundert Schwerverwundete unter schlechten Bedingungen allein und ohne zureichendes Material zu versorgen und keine Möglichkeit, den Sterbenden zu Hilfe zu kommen, was ihn in Verzweiflung stürzte, einen Nervenzusammenbruch verursachte und sein Ende beschleunigte.
In einem Nachruf schrieb ein Freund: In den Gedichten empfand ich ihn als die Erscheinung eines Sehers. Zu ihm redet die Welt in Bildern, aus ihm tönt sie in Bildern zurück... Zuweilen steigt er in seine Seele hinab, er versinkt in sich selber; aber auch das Unirdische erlebt er in Bild und Zeichen. Die Dichterin Else Lasker-Schüler hatte Trakl 1914 in Berlin kennengelernt. Als sie von seinem Tod erfuhr, schrieb sie: Georg Trakl / GeorgTrakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt. So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.
Heidelore Kneffel
Dichterstätte Limlingerode, 19. November 2016, ab 14.30 Uhr

