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Do, 07:00 Uhr
20.10.2016
Verschleppung deutscher Wissenschaftler aus Thüringen

Vor 70 Jahren: Geheimoperation „OSSAWJAKIM“

Wie bereits in einigen Veröffentlichungen, besonders nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, berichtet wurde, fand in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) in den Nachkriegsjahren eine umfassende Demontage von Industrieanlagen durch die Sowjets statt. Bleicherode spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle...

Das ehemalige Institut RABE (Foto: privat) Das ehemalige Institut RABE (Foto: privat)
Das Hauptgebäude des Instituts RABE (Zentralwerke) in Bleicherode – die ehemalige Berginspektion. Hier waren die Büros von Boris Tschertok, Sergej Koroljow, Alexeij Isajew und anderen. Kurzzeitig befand sich auch dort das Büro Wernher von Brauns zum Ende des Krieges.

Dabei kam es zwischen den Moskau direkt unterstellten Demontageeinheiten und den Dienststellen der sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) zu einem regelrechten Konkurrenzkampf. Zahlreiche der entwendeten Anlagen und Gerätschaften besaßen jedoch nur noch Schrottwert nach dem Eintreffen in der Sowjetunion.

Dieser Umstand resultierte in der Regel aus der unsachgemäßen Demontage und aus Mangel an qualifiziertem Bedienungspersonal. Die Abbauarbeiten mussten hauptsächlich Arbeiter aus den umliegenden Ortschaften sowie Flüchtlinge, stets unter großem Zeitdruck, ausführen. Bei Nichtbefolgung der Weisungen drohten hohe Bestrafungen, und im Hintergrund standen Stalins Speziallager, die zum Teil in Weiterführung bisheriger NS-Konzentrationslager unter unmenschlichen Bedingungen betrieben wurden.

Um die demontierten Anlagen in der Sowjetunion funktionsfähig zu machen und um der sowjetischen Wirtschaft und der dortigen Wissenschaft einen Schub zu geben, organisierten die Sowjets in der SBZ am 22. Oktober 1946 eine großangelegte Verschleppungsaktion deutscher Wissenschaftler, Ingenieure, Meister und Techniker mitsamt ihrer Familien.

Die Orte Bleicherode, Nordhausen, Sondershausen, Sömmerda und Lehesten bildeten in Thüringen die Brennpunkte der Ereignisse, da diese unmittelbar in die Rekonstruktion und die geplante Wiederaufnahme der Produktion der deutschen Flüssigkeitsrakete, „Aggregat 4“ („V2“), einbezogen waren. Das vom sowjetischen Geheimdienst (NKWD) geleitete Unternehmen unter der Tarnbezeichnung „OSSAWJAKIM“ nahm ein gigantisches Ausmaß an, denn nach heutigen Schätzungen wurden allein in diesen Tagen etwa 3.000 Personen als „lebendes Reparationsgut“ unfreiwillig in die Sowjetunion gebracht.

Startvorbereitungen für eine („sowjetische V2“) „R1“, (1947) (Foto: Archiv Hebestreit) Startvorbereitungen für eine („sowjetische V2“) „R1“, (1947) (Foto: Archiv Hebestreit) So erging es auch den deutschen Raketenfachleuten des Instituts „RABE“ in Bleicherode. Gegen 5.30 Uhr klopfte es bereits an die Türen deutscher Mitarbeiter, denen noch die Feier am vorangegangenen Abend im Waldhaus „Japan“, zu welcher die Sowjets die wichtigsten deutschen Raketenfachleute einluden und die bis in die Nacht dauerte (ca. 2.30 Uhr), zu schaffen machte. Diese hatte anscheinend den alleinigen Zweck, die Deutschen betrunken zu machen, um diese dann am nächsten Morgen vollzählig in ihren Wohnungen anzutreffen, was durch Aussagen von Teilnehmern an dieser Feier belegt werden kann.

Den aus dem Schlaf gerissenen Personen wurde ein Befehl aus Moskau verlesen, in dem ihnen die Verlagerung der Zentralwerke (darin war das Institut „RABE“ eingegliedert worden) mitgeteilt wurde, was sowohl die Einrichtungen und Anlagen als auch das Personal betraf. Vor den Häusern standen bereits Soldaten und Lastkraftwagen, um einerseits eine Flucht unmöglich zu machen und andererseits die wichtigsten Habe aufzuladen.

So wie die Häuser war auch ganz Bleicherode von sowjetischen Truppen umstellt. Über die rechtlich einwandfreien Arbeitsverträge setzten sich die Sowjets einfach hinweg. Diese Aktion war zweifellos eine Verschleppung von Menschen, um sie zu „moderner Sklavenarbeit“ zu gebrauchen. Die betroffenen Personen erlebten die Situation wie gelähmt, denn trotz Misstrauens gegenüber den Sowjets hatte niemand ernsthaft mit einem solchen Vertragsbruch gerechnet.

Sergej Koroljow – Vater der „sowjetischen“, (bzw. deutschen Raketen) und der späteren sowjetischen Raumfahrt (1945), Er wohnte unter anderem in der Villa im Park Hohenrode. (Foto: Archiv Hebestreit) Sergej Koroljow – Vater der „sowjetischen“, (bzw. deutschen Raketen) und der späteren sowjetischen Raumfahrt (1945), Er wohnte unter anderem in der Villa im Park Hohenrode. (Foto: Archiv Hebestreit) Bis 12.00 Uhr sollten die wichtigsten persönlichen Dinge auf die Lastkraftwagen verladen werden und um das realisieren zu können, halfen die anwesenden Soldaten beim Tragen. Um dieser Aktion einen menschlichen Anstrich zu verpassen, mussten die Angehörigen mitgenommen werden.

Prof. Dr. Dr. Magnus schreibt in seinem Buch „Raketensklaven“ u. a. folgendes: „...Die Menschenfreundlichkeit der Russen nahm in Bleicherode an diesem 22. Oktober 1946 fast groteske Züge an. Etwa im Fall eines Ingenieurs, der bei einer Kriegerwitwe mit zwei Kindern als Untermieter eine vorläufige Bleibe gefunden hatte. Vermieterin und Kinder wurden, trotz Protestes, einfach mitgenommen. Noch Kurioseres passierte einem Diplom-Ingenieur, der Junggeselle war: Er möge doch - so bot man ihm an - irgendeine Frau aus dem Ort benennen, mit der er in Rußland zusammenleben möchte; sie würde dann für ihn abgeholt werden.“

Schließlich brachte man die Deutschen zum Bahnhof nach Kleinbodungen. Dort war bereits das gesamte Areal abgesperrt und durch Militärposten gesichert. Der lange bereitgestellte Eisenbahnzug bot hinreichend Platz für die Personen mitsamt ihrer Habe. Allerdings setzte sich der Zug erst einen Tag später - am 23. Oktober 1946, gegen 17.00 Uhr, in Richtung Osten in Bewegung, da vermutlich noch einige deutsche Mitarbeiter aufgespürt werden mussten, die sich während der morgendlichen Abholaktion nicht in ihren Wohnungen aufhielten oder auch manche Mitarbeiter im Außendienst unterwegs waren.

Um Fluchtgedanken auszuschließen, wurde der Zug von einer bewaffneten Wachmannschaft begleitet.
In den Zweigbetrieben der Zentralwerke wie in Sömmerda (BWS), in Sondershausen, in Lehesten (Oertelsbruch) und in der Nordhäuser „Montania“ (später „IFA“) spielte sich ähnliches ab.

Der erste sowjetische Start einer („sowjetischen V2“) „R1“ gelang am 18. Oktober 1947 um 10:47 Uhr Ortszeit. (Foto: Archiv Hebestreit) Der erste sowjetische Start einer („sowjetischen V2“) „R1“ gelang am 18. Oktober 1947 um 10:47 Uhr Ortszeit. (Foto: Archiv Hebestreit) Die Fahrt ging nach Moskau, wo dann wiederum die einzelnen Arbeitsgruppen getrennt und in verschiedene Orte verteilt wurden. Unterwegs traf man auf mehreren Haltebahnhöfen weitere Eisenbahnzüge mit Leuten, die das gleiche Schicksal ereilt hatte. Man tauschte durch das offene Fenster kurze Informationen und Vermutungen über das bevorstehende Ungewisse aus und erfuhr auf diesem Wege zumindest, dass die Verschleppungsaktion in der gesamten sowjetisch besetzten Zone durchgeführt worden war.

Sämtliche Bereiche der deutschen Forschung, ob in der Raketenforschung, der Luftfahrtindustrie, der Optik, der chemischen Industrie, des Maschinen- und Fahrzeugbaus und besonders in der Waffentechnik waren betroffen. Gemäß Aussagen von Zeitzeugen stand während dieser Aktion für fünf Tage der gesamte zivile Eisenbahnverkehr in der SBZ still, um alle Kapazitäten für die „Umsiedlung“ zur Verfügung zu haben. Die Reise endete für die meisten Raketenfachleute auf der Insel Gorodomlija im Seeliger See – irgendwo zwischen Moskau und St. Petersburg.

Auch der spätere Wirtschaftsminister der DDR, Erich Apel (Mitarbeiter der Zentralwerke in der Montania, später IFA), gehörte diesen Raketenfachleuten an, da er bereits Mitarbeiter im Raketenforschungszentrum Peenemünde war. Er nahm sich später demonstrativ das Leben aus Enttäuschung über die sehr negativen Verhandlungsergebnisse zwischen der DDR und der UdSSR.

Aus sowjetischer Sicht erscheint dies durchaus logisch, da Deutschland zu dieser Zeit in vorderster Reihe unter den Industrienationen stand und in verschiedenen Wirtschaftsbereichen eine exponierte Stellung innehatte. Besonders in Bereichen der Waffentechnik war man in Deutschland den übrigen Nationen weit voraus, wie im Beispiel der Raketenforschung, wo man einen Vorsprung von rund zwanzig Jahren hatte. Dagegen stand die sowjetische Wirtschaft. Gerade erst aus dem Mittelalter erwacht, wurde durch die Oktoberrevolution (1917) eine sozialistische Planwirtschaft geschaffen, die weder in der Lage war, Gewinne zu schaffen, noch gelang es ihr, die notwendigsten Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Nahezu auf allen Gebieten bestand ein großer Rückstand zu den westlichen Ländern. Mit der Demontage sämtlicher wichtiger Industrieanlagen hoffte man nun in Moskau, einen Sprung nach vorn zu machen.

Für die verschleppten Deutschen bedeutete das fünf bis zehn Jahre ein Leben in der Isolation und hinter Stacheldraht. Ihre große Chance, an der Eroberung des Weltraums, auch unter dem roten Stern, direkt mitzuarbeiten, wurde ihnen jedoch gnadenlos verwehrt, denn die Lorbeeren für die dortigen Entwicklungen ernteten die Sowjets, welche gerade zu Beginn der „Zusammenarbeit“ ausschließlich assistierten.

Russische SOJUS-Rakete während des Starts. (Die vier „Kegeldüsen“ sind vier R-14-Raketen, deren Entwicklung direkt auf die deutschen Wissenschaftler während ihrer Zeit in der Sowjetunion zurückgeht.) (Foto: Archiv Hebestreit) Russische SOJUS-Rakete während des Starts. (Die vier „Kegeldüsen“ sind vier R-14-Raketen, deren Entwicklung direkt auf die deutschen Wissenschaftler während ihrer Zeit in der Sowjetunion zurückgeht.) (Foto: Archiv Hebestreit) Die Erfolge deutscher Mitarbeiter bei den Sowjets blieben nahezu unbekannt, da dieses Thema zu den Tabus der Nachkriegsjahre und später der DDR gehörte. Wenn heute jedoch eine SOJUS startet, fliegt auch noch deutsches Knowhow ins All. Sie stellt lediglich eine modernisierte R-7 „Semjorka“ („SPUTNIK“ 1957) dar, welche immer noch eine der zuverlässigsten und leistungsstärksten Raketen weltweit ist. Die für diese sowjet-russischen Raketen typischen vier seitlich angebrachten „Kegel-Düsen“ sind nichts anderes als vier modifizierte R-14-Raketensysteme, welche die damals verschleppten deutschen Wissenschaftler in der Sowjetunion entwickelten.

Derzeit ist die SOJUS übrigens das einzige Transportsystem für Kosmonauten, wenngleich die Chinesen nunmehr ihre ehrgeizigen Pläne zur bemannten Raumfahrt Realität werden lassen. Die SOJUS-Raketen dienen außerdem als „Taxi“ für internationale Missionen, denn auch die ESA nutzt diese „Mitfahrgelegenheit“. Sogar die NASA ist von ihr abhängig, denn politische – also sinnentleerte - Entscheidungen führten in den USA dazu, dass ihre Astronauten seit der Einstellung der Shuttle-Flüge per Anhalter mit den Russen zur ISS fliegen müssen, da sie momentan kein adäquates Transportmittel besitzen.
Gunther Hebestreit





Bild 1:


Sergej Koroljow – Vater der „sowjetischen“, (bzw. deutschen Raketen) und der späteren sowjetischen Raumfahrt (1945), Er wohnte u.a. in der Villa im Park Hohenrode.

Bild 2:


Startvorbereitungen für eine („sowjetische V2“) „R1“, (1947)

Bild 3:


Der erste sowjetische Start einer („sowjetischen V2“) „R1“ gelang am 18. Oktober 1947 um 10:47 Uhr Ortszeit.
Bild 4:



Bild 5:


Russische SOJUS-Rakete während des Starts. (Die vier „Kegeldüsen“ sind vier R-14-Raketen, deren Entwicklung direkt auf die deutschen Wissenschaftler während ihrer Zeit in der Sowjetunion zurückgeht.)
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Kommentare

20.10.2016, 13.14 Uhr
gpeu | Gratulation für Ihre Analyse der Geschichte
für mich ist Ihre den spärlichen Informationen angereicherte Propaganda und Überheblichkeit beschämend.
Was wollen Sie mit diesem Artikel erreichen? Wie kann man auf Mordwaffen gegen englische Kinder, Frauen und Männer einen gewissen Stolz auf deutsche Ingenieurskunst durchblicken lassen?
Mfg. gpeu

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20.10.2016, 13.38 Uhr
Gylfaginning | @gpeu Political Corectness
- bis zur Sinnentstellung!
Das moralische Dilemma (Waffe) hatte schon der "Erfinder" des Faustkeils.

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20.10.2016, 15.53 Uhr
U. Alukard | Wenn Waffen
böse sind,
dann macht Besteck dick!

Wer hat sie abgeschossen, die bösen Raketen?
Doch wohl alle!

Der Artikel ist richtig toll und leistet einen Blick in unsere Geschichte den wohl kaum einer kennt!
Danke dafür nach Bleicherode.

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20.10.2016, 16.05 Uhr
Günther Hetzer
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht mehr zum Thema des Beitrags
21.10.2016, 11.14 Uhr
Wolfi65 | Der böse Iwan!
Was der Russe alles für Verbrechen in der ehemaligen Ostzone nach Kriegsende begangen hat?!
Und dann noch wertvolles technisches Wissen und Technik nach Moskau zu bringen?
Was sich der Iwan alles erdreistet hat, muss gerade jetzt wieder an die Oberfläche gebracht werden.
Wo er doch jetzt in Syrien wieder Verbrechen begeht.
Wie gut dass wir den Amerikaner haben.
Der hilft uns jetzt immer so richtig selbstlos.
Eine wahre Freude ist es jetzt, in der "Freien Welt" zu leben.
Fazit: Der Russe ist immer schlecht....

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