Do, 17:10 Uhr
15.11.2012
Spuren im Nebel
Während die Goldene Aue im Nebel versinkt, tritt ihre Vergangenheit wieder ans Licht. Einzigartige und spektakuläre Funde der Ausgrabung nahe Bielen wurden heute erstmals der Öffentlichkeit präsentiert...
Auf der A 38 geht nichts mehr. Eine Unfallserie hat den Verkehr von Ost nach West stillgelegt. Nicht weit entfernt steht ein kleines Grüppchen Menschen, stampft sich die Füße warm und wartet gespannt.
Viel hatten sich die Wissenschaftler des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie erhofft, als vor 17 Monaten der erste Spatenstich getan wurde. Dass es sich um einen besonderen Fundort handeln könnte, war seit Jahren vermutet worden. Doch das, was nun zum Vorschein kam, übertraf alle Erwartungen. Denn die gute geographische Lage hat schon vor tausenden von Jahren Menschen in die Region gelockt. Damals kamen sie noch mit Ochsenkarren und Pferdegespannen, gelockt von fruchtbarem Ackerboden, Salz, Kupfer und günstigen Handelswegen.
Einzigartige Zeugnisse der Vergangenheit traten zu Tage, wie auch der Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Christoph Matschie, heute anerkennend bemerkte. Auf 100 ha Ausgrabungsfläche wurden zehntausende Objekte, Siedlungsreste und Gräber aus fast 5000 Jahren menschlicher Geschichte, sowie eine Kreisgrabenanlage und ein Monumentalgrab gefunden.
Christoph Matschie (SPD) lässt sich von Dr. Sven Ostritz einzelne Fundstücke erläutern (Foto: Angelo Glashagel)
Etwa 5600 v. Chr. stand hier das bisher älteste Dorf in Thüringen. Die im Zuge der neolithischen Revolution sesshaft gewordenen Bauern hatte der fruchtbare Boden in unsere Region gelockt. Ihr Wasser bezogen sie aus zwei Brunnen, die sich erhalten haben und erstmals systematisch untersucht werden konnten.
4800 v. Chr. entsteht hier ein Versammlungs- und Kultplatz, der für Thüringen bisher einzigartig ist. Diese sogenannte Kreisgrabenanlage bestand aus drei durch Holzpalisaden begrenzten Ringen, einem tiefen Graben und mehreren Eingängen. Die Anlage wurde wahrscheinlich zu rituellen Zwecken und als Versammlungsort genutzt. Sie könnte aber auch astronomischen Zwecken gedient haben. Im Bedarfsfall war sie dank der Palisaden auch ein guter Ort, um Feinde abzuwehren. In ganz Europa konnten etwa 150 dieser Anlagen durch Luftbildaufnahmen und geomagnetische Untersuchungen identifiziert werden. Sie scheinen alle zwischen 4900 v. Chr. und 4700 v. Chr. entstanden zu sein und wurden später aufgegeben. Nur einige wenige davon wurden tatsächlich ausgegraben und untersucht. Bekannt ist vor allem das Sonnenobservatorium von Goseck, das auch rekonstruiert wurde.
Obwohl die Anlagen aufgegeben, eventuell sogar rituell zu Grabe getragen wurden, faszinierten sie die Menschen über Jahrhunderte hinweg. Denn zu einer Zeit, da der Kultort schon lange nicht mehr aktiv genutzt wurde und nur noch seine Überreste aus dem Erdreich ragten, wurden hier offenbar bewusst zwei Menschen innerhalb der Kreise bestattet. Über 2000 Jahre nachdem die Anlage errichtet worden war.
Ein Mantel oder Umhang mit aufgenähten Muschelscheibchen bedeckte diese Frau (Foto: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie)
Ein nicht minder bemerkenswerter Fund stellt ein sogenannter earthen long barrow dar, ein Monumentalgrab aus der Zeit um 4000 v.Chr. Darin begraben lag ein ca. 45 Jahre alter Mann, der einmal eine herausragende Stellung in der Gesellschaft seiner Zeit besessen haben wird. Diese Form der Grabhügel wurden bisher ausschließlich in West-, Nord- und Ostmitteleuropa entdeckt.
Hinzu kam das Grab einer Frau, die um 2500 v.Chr. mit reichen Gaben bestattet wurde, und ein Gewand trug, welches mit 2500 Muschelscheiben und 500 Hundezähnen verziert war. Aus der Bronzezeit tauchte ebenfalls ein reich ausgestattetes Grab (1300 v.Chr.), sowie die Überreste einer Befestigungsanlage (um 1000 v.Chr.) auf.
Mit dem Beginn der Eisenzeit (ca. ab 700 v.Chr.) werden die Funde weniger. Erst aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit treten neue Spuren zu Tage: auf dem Handelsweg, der alten Leipziger Straße, haben Karren deutliche Spuren hinterlassen.
Mit zeitweise über 40 Mitarbeitern hatten die Archäologen gegraben. Graben könnten wir hier noch für fünf bis sechs weitere Jahre, erzählte einer der Wissenschaftler am Rande des Pressetermins mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Funde wird indes noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.
Im Gegensatz dazu ist die Zeit, die den Ausgräbern noch bleibt, knapp bemessen: fünfeinhalb Wochen haben die Experten noch Zeit, die Spaten anzusetzen. Danach zieht es die moderne Industrie in das Gebiet und fügt der Besiedlungsgeschichte der Goldenen Aue ein neues Kapitel hinzu.
Angelo Glashagel
Autor: aglAuf der A 38 geht nichts mehr. Eine Unfallserie hat den Verkehr von Ost nach West stillgelegt. Nicht weit entfernt steht ein kleines Grüppchen Menschen, stampft sich die Füße warm und wartet gespannt.
Viel hatten sich die Wissenschaftler des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie erhofft, als vor 17 Monaten der erste Spatenstich getan wurde. Dass es sich um einen besonderen Fundort handeln könnte, war seit Jahren vermutet worden. Doch das, was nun zum Vorschein kam, übertraf alle Erwartungen. Denn die gute geographische Lage hat schon vor tausenden von Jahren Menschen in die Region gelockt. Damals kamen sie noch mit Ochsenkarren und Pferdegespannen, gelockt von fruchtbarem Ackerboden, Salz, Kupfer und günstigen Handelswegen.
Einzigartige Zeugnisse der Vergangenheit traten zu Tage, wie auch der Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Christoph Matschie, heute anerkennend bemerkte. Auf 100 ha Ausgrabungsfläche wurden zehntausende Objekte, Siedlungsreste und Gräber aus fast 5000 Jahren menschlicher Geschichte, sowie eine Kreisgrabenanlage und ein Monumentalgrab gefunden.
Christoph Matschie (SPD) lässt sich von Dr. Sven Ostritz einzelne Fundstücke erläutern (Foto: Angelo Glashagel)
Etwa 5600 v. Chr. stand hier das bisher älteste Dorf in Thüringen. Die im Zuge der neolithischen Revolution sesshaft gewordenen Bauern hatte der fruchtbare Boden in unsere Region gelockt. Ihr Wasser bezogen sie aus zwei Brunnen, die sich erhalten haben und erstmals systematisch untersucht werden konnten.
4800 v. Chr. entsteht hier ein Versammlungs- und Kultplatz, der für Thüringen bisher einzigartig ist. Diese sogenannte Kreisgrabenanlage bestand aus drei durch Holzpalisaden begrenzten Ringen, einem tiefen Graben und mehreren Eingängen. Die Anlage wurde wahrscheinlich zu rituellen Zwecken und als Versammlungsort genutzt. Sie könnte aber auch astronomischen Zwecken gedient haben. Im Bedarfsfall war sie dank der Palisaden auch ein guter Ort, um Feinde abzuwehren. In ganz Europa konnten etwa 150 dieser Anlagen durch Luftbildaufnahmen und geomagnetische Untersuchungen identifiziert werden. Sie scheinen alle zwischen 4900 v. Chr. und 4700 v. Chr. entstanden zu sein und wurden später aufgegeben. Nur einige wenige davon wurden tatsächlich ausgegraben und untersucht. Bekannt ist vor allem das Sonnenobservatorium von Goseck, das auch rekonstruiert wurde.
Obwohl die Anlagen aufgegeben, eventuell sogar rituell zu Grabe getragen wurden, faszinierten sie die Menschen über Jahrhunderte hinweg. Denn zu einer Zeit, da der Kultort schon lange nicht mehr aktiv genutzt wurde und nur noch seine Überreste aus dem Erdreich ragten, wurden hier offenbar bewusst zwei Menschen innerhalb der Kreise bestattet. Über 2000 Jahre nachdem die Anlage errichtet worden war.
Ein Mantel oder Umhang mit aufgenähten Muschelscheibchen bedeckte diese Frau (Foto: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie)
Ein nicht minder bemerkenswerter Fund stellt ein sogenannter earthen long barrow dar, ein Monumentalgrab aus der Zeit um 4000 v.Chr. Darin begraben lag ein ca. 45 Jahre alter Mann, der einmal eine herausragende Stellung in der Gesellschaft seiner Zeit besessen haben wird. Diese Form der Grabhügel wurden bisher ausschließlich in West-, Nord- und Ostmitteleuropa entdeckt.
Hinzu kam das Grab einer Frau, die um 2500 v.Chr. mit reichen Gaben bestattet wurde, und ein Gewand trug, welches mit 2500 Muschelscheiben und 500 Hundezähnen verziert war. Aus der Bronzezeit tauchte ebenfalls ein reich ausgestattetes Grab (1300 v.Chr.), sowie die Überreste einer Befestigungsanlage (um 1000 v.Chr.) auf.
Mit dem Beginn der Eisenzeit (ca. ab 700 v.Chr.) werden die Funde weniger. Erst aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit treten neue Spuren zu Tage: auf dem Handelsweg, der alten Leipziger Straße, haben Karren deutliche Spuren hinterlassen.
Mit zeitweise über 40 Mitarbeitern hatten die Archäologen gegraben. Graben könnten wir hier noch für fünf bis sechs weitere Jahre, erzählte einer der Wissenschaftler am Rande des Pressetermins mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Funde wird indes noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.
Im Gegensatz dazu ist die Zeit, die den Ausgräbern noch bleibt, knapp bemessen: fünfeinhalb Wochen haben die Experten noch Zeit, die Spaten anzusetzen. Danach zieht es die moderne Industrie in das Gebiet und fügt der Besiedlungsgeschichte der Goldenen Aue ein neues Kapitel hinzu.
Angelo Glashagel


