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07.03.2016
vom Leben mit der Demenz

Die Gegenwart ein Schatten

Die eigene Geschichte lebt noch in bunten Bildern, die Gegenwart aber ist nur noch ein schwacher Schatten - wer mit Demenz lebt, steht in der Vergangenheit kommt aber im hier und jetzt nicht mehr an. Schwierig ist das vor allem für Angehörige. Der HelferInnenkreis "Sternschnuppe" hat es sich zur Aufgabe gemacht, hier mit anzupacken...

Leben in der Vergangenheit - der HelferInnenkreis Sternschnuppe hilft Demenzkranken und ihren Angehörigen (Foto: Angelo Glashagel)
Im Mehrgenerationenhaus in der Reichstraße gibt es einen Raum aus einer anderen Zeit: im "Erinnerungszimmer" sieht es ein wenig so aus, wie in einem Wohnzimmer der 60er und 70er Jahre. Das Sofa besetzen alte Puppen, in den Vitrinenschränken findet sich antiquarisches - schickes Porzellan, zierliche Figürchen, in die Tage gekommene Uhren und Vasen aus (Ur-)Großmutters Zeiten. Die Wände schmücken kleine Bilder, Landschaftsmotive zumeist, es gibt alte Bügeleisen, Geschirr und vieles mehr, was an vergangene Zeiten erinnern soll.

Heute nennen sie den Raum "die gute Stube", erzählt Erika Tschirr. Die gelernte Krankenschwester betreuut das von GfaW und europäischem Sozialfond geförderte Demenzprojekt "HelferInnenkreis Sternschnuppe" von Anfang an, schon seit die Idee 2010 geboren wurde. Wer an Demenz erkrankt, der lebt meist in der Vergangenheit, erklärt Tschirr, das Langzeitgedächtnis bleibe den Betroffenen zunächst erhalten.

Vor allem deswegen hat man sich den aus der Zeit gefallenen Raum im Mehrgenerationenhaus geschaffen, hier kann die Erinnerung an frühere Zeiten gelebt werden. "Wir fördern die Ressourcen, die noch vorhanden sind, solange es geht", sagt die Krankenschwester. Mit fünf ehrenamtlichen HelferInnen, die sie selber ausgebildet hat, betreut sie einmal in der Woche eine Gruppe von neun Demenzkranken. Auch Hausbesuche führt man durch, so es die Angehörigen denn wünschen.

Die Betreuung der Erkrankten steht bei den "Sternschnuppen" nämlich eigentlich erst an zweiter Stelle, man will vor allem denen unter die Arme greifen, die ihre Angehörigen mit Demenz pflegen. "Wenn man einmal zwei Stunden für sich hat, kann das eine unglaubliche Entlastung sein", sagt Tschirr, "man braucht diese Freiräume, es kann dem anderen nur solange gut gehen, wie es einem selber gut geht". Betreuung, nicht Pflege, ist deswegen die Hauptaufgabe der HelferInnen.

Stephanie Schüler und Erika Tschirr in der "guten Stube" (Foto: Angelo Glashagel)
Einer der wichtigsten Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit Demenzkranken sei die "Biographiearbeit", erklärt Stephanie Schüler, die im Lift-Verein das Projekt mit betreuut. Und die passt bestens in die "gute Stube". Gemeinsam mit den Angehörigen wird hier dem Leben der Erkrankten nachgespürt. Woran hatten sie Freude? Was war früher von Interesse? - man könne noch vieles erfahren und in der Arbeit und im alltäglichen Umgang in den eigenen vier Wänden daran anknüpfen, so Schüler.

Als gesondertes Angebot für Betroffene hat Frau Tschirr das Café "Sternstunde" ins Leben gerufen, eine Art Selbsthilfegruppe für Angehörige. Angefangen hat man mit zwei Personen, heute sind es 28 Betroffene, die sich jeden zweiten Mittwoch im Monat im MeGeHa treffen. Diese Woche ist es wieder soweit. Wer anderweitig Hilfe sucht, Fragen hat oder Informationen und Hilfe rund um das Thema Demenz, Betreuung und Pflege braucht, kann sich in der Betroffenensprechstunde direkt an die Krankenschwester wenden.

In der Betreuung habe man viele Möglichkeiten, mit den Demenzerkranken in Kontakt zu treten, erklären die beiden Damen vom Lift-Verein. Viel Bewegung sei wichtig, aber auch Gehirntraining, etwa durch Sprichwörter raten, oder kreatives Gestalten. Die Königsdisziplin aber sei die Musik, sagt Tschirr. "Wir haben eine Dame hier, die hat jede Woche aufs neue vergessen, das sie schon einmal bei uns war und ist meist schlecht gelaunt wenn sie von ihrem Mann hierher gebracht wird. Wenn wir zur Einstimmung ein paar alte Lieder gesungen haben, könnte sie vor Freude über Tische und Bänke gehen. Wenn wir fertig sind, sind sie und ihr Mann wieder ein glückliches Paar. Wenigstens für ein paar Stunden."

Zur Zeit befinden sich neun Personen in Betreuung, mehr geht nicht, sagt Tschirr. Gerne würde man am MeGeHa noch eine zweite Gruppe aufmachen, angesichts von 1,5 Millionen Demenzkranken in Deutschland und 300.000 Neuerkrankungen im Jahr dürfte der Bedarf auch in Nordhausen da sein. Allein es fehlen die HelferInnen. Wer also vielleicht Interesse hat, selber aktiv zu werden und in der Betreuung der Demenzkranken zu helfen, kann sich bei Frau Tschirr und Frau Schüler unter 03631/694415 oder 03631/694412 melden.
Angelo Glashagel
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