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24 Bilder pro Sekunde

Mittwoch, 17. August 2011, 21:39 Uhr
Bilder bewegen die Welt. Bilder bestimmen unser Leben. Bilder unterhalten uns. Ein Gebäude lässt die Bilder nun bereits seit fast 60 Jahren durch das Leben der Nordhäuser laufen. Und steht dennoch selten im Rampenlicht.


Hände werkeln an einer großen Rolle herum. Jeder Griff ist über die Jahre zur Routine gereift und legt detailgenau einen dünnen Streifen an einer großen Apparatur entlang. Dann kommt der Moment. Es knattert und rauscht, ein lautes Zischen bekundet das Zünden einer 1600 Watt Glühbirne. Ein Knopfdruck setzt riesige runde Metallplatten in Bewegung. Eine Klappe öffnet sich und ein Lichtstrahl jagt durch den Raum. Ein riesiges Bild entsteht an einer Wand.

Die Menschen lehnen sich in ihren Sessel zurück. Gebannt ist der Blick auf die verschiedenen Bilder gerichtet. Die Vorstellungswelt flüchtet für die nächsten 90 oder 120 Minuten in ihr eigenes Reich. Phantasien und Eindrücke werden zu einem eigenen Bild geformt. Einzige Ablenkung ist vielleicht der Griff in einen Becher voll Popcorn und das Ziehen am Strohhalm. Ein Vorgang der millionenfach Tag für Tag in ähnlicher Weise abläuft und doch jedes Mal wieder eine neue Faszination verspricht.

Anfangs umstritten

Wer mit dem Auto oder zu Fuß die Töpferstraße entlang schlendert, kommt zwangsläufig an einem Bau vorbei, der seit 57 Jahren das Stadtbild mit prägt. Eingeweiht wurde das Filmtheater „Neue Zeit“ offiziell am 12. Juni 1954. Bereits nach Ende des Krieges entstanden behelfsmäßig drei Kinos in der Geseniusstraße, in der Turnhalle Morgenröte und in der ehemaligen Loge in der Domstraße.

Dabei war der Bau des neuen Filmtheaters nicht unumstritten. In einer Erläuterung über die Konzeption des Gebäudes äußerte der Architekt vom VEB Kreisentwurfsbüro Nordhausen, Friedrich Stabe, in der Zeitschrift „Der Nordhäuser Roland“ etwa sein Unverständnis über die öffentliche Kritik. Dort heißt es: „Verschiedene öffentliche Stellungnahmen sind (...) unsachlich und zusammenhanglos gewesen.“ (Der Nordhäuser Roland, Mai 1954)

Kino "Neue Zeit" (Foto: Friedrich Stabe) Kino "Neue Zeit" (Foto: Friedrich Stabe)
Skizze des Kinos "Neue Zeit" von Friedrich Stabe (Der Nordhäuser Roland, Mai 1954)

Diese kritischen Äußerungen über Sinn oder Unsinn eines Filmtheaters bezogen sich in erster Linie auf den Zeitpunkt und den Umfang des Projektes, dessen Bau in die Zeit der Wiedererrichtung des Nordhäuser Zentrums fiel. Für den Staat und einige SED-Funktionäre hatte die Errichtung von Wohngebäuden Priorität, so dass ein Kino an derart exponierter Stelle einigen ein Dorn im Auge war. Trotzdem setzten sich die Bauherren nach einer zweijährigen Planungs- und Bauzeit mit der Neuerrichtung des Kinos durch.

Schicht für Schicht aufgewickelt

Mit schnellen Schritten eilt der Filmvorführer Wolfgang Rudolph durch das Kino. Sein Ziel: Vier verschiedene Vorführräume die sich oberhalb der einzelnen Säle befinden. „Wir müssen vor den Vorstellungen die Filmrollen vorbereiten. Dazu gehört das Einlegen der Kinowerbung und natürlich der Filme“, erläutert der dreifache Familienvater seine Aufgabe.

In den Räumen angekommen, springen die großen Projektoren gleich ins Auge. An den Wänden hängen kurze Zelluloidstreifen. In den Regalen türmen sich kleine bunte Kästen, in den sich die Kinowerbung versteckt. Alles wirkt chaotisch und ist doch aufgeräumt. Jeder Gegenstand hat hier seinen Platz.

Kino "Neue Zeit" (Foto: Tobias Wendehost) Kino "Neue Zeit" (Foto: Tobias Wendehost)
Wolfgang Rudolph beim Einlegen des Films

Schicht für Schicht sind die einzelnen Zelluloidbahnen auf eine etwa 1,20 m breite Rolle aufgewickelt. Auf tischähnlichen Platten werden diese befestigt und über mehrere Rollen Richtung Projektor gezogen. Neben den Bildern des 35mm breiten Streifens befindet sich eine dünne Spur, die für den Ton des Filmes sorgt. Am Projektor wird der Zelluloidstreifen über mehrere Schleifen am Bildfenster vorbei wieder zurück auf einen weiteren Filmteller geführt. Alles funktioniert mechanisch. Mit 24 Bildern pro Sekunde sprintet der Film durch den Raum.

Bei den Filmen gibt es zwei gängige Formate. Gerade „Blockbuster“ werden in CinemaScope aufgezeichnet, wobei das Seitenverhältnis des Bildes 1:2,35 beträgt. Dadurch entsteht im Vergleich zum traditionellen Breitwandverfahren (1:1,66 oder 1:1,85) mit Hilfe des entsprechende Objektivs ein fast doppelt so breites Bild auf der Leinwand.

Die meisten Kinos arbeiten noch heute mit dieser Methode. Schon aus Kostengründen erscheint die Umrüstung auf digitale Projektoren für viele Kinobetreiber nicht attraktiv. Aber auch aus ästhetischen. „Leider wissen viele Besucher nicht, wie die Vorführung eines Filmes funktioniert. Die Meisten gehen davon aus, dass wir eine DVD einlegen und los gehtís. Das nimmt teilweise richtig komische Züge an, wenn etwa hinterher gefragt wird, ob sie sich den Film auch mal ausleihen können,“ berichtet Rudolph eine Anekdote. Ein leichtes Grinsen spielt sich auf seinem Gesicht ab.

Wolfgang Rudolph arbeitet seit 10 Jahren im Cinestar in Nordhausen. Die Arbeit macht ihm sichtlich Spaß. „Ich hatte mir in den 90ern ein Sportstudio in Niedersachswerfen aufgebaut. Das musste ich dann leider schließen, da es sich nicht mehr halten ließ.“ Also bewarb er sich als Filmvorführer im Kino. Nach einigen Monaten hatte er das Handwerk hierzu gelernt.

Kino "Neue Zeit" (Foto: Tobias Wendehost) Kino "Neue Zeit" (Foto: Tobias Wendehost)
Ein Projektor bei der Arbeit

Eine angenehme Umgebung

Schon der Name „Neue Zeit“ verkündete bei der Eröffnung, dass dem Kino auch eine symbolische Wirkung zugesprochen werden sollte. Friedrich Stabe, charakterisierte 1954 die Idee hinter dem Kino so: „In einem neuzeitlichen Parkett-Theater, das 800 durchweg gepolsterte Plätze auf geneigtem, gummibelegtem Fußboden enthält, werden wir durch eine Kinoapparatur neuester Bauart in angenehmer räumlicher Umgebung, den Film endlich als Kulturdarbietung erleben können.“ (Der Nordhäuser Roland, Mai 1954)

Das Herzstück des Baus war der Saal, um den erst im zweiten Bauabschnitt bis Oktober 1955 das heute bekannte Gebäude errichtet wurde. Insgesamt sechs Meter hoch und 48 Meter lang waren dessen Ausmaße. Dabei dachten die Planer sogar an Schwerhörigenplätze, die mit Kopfhörern ausgestatten waren. Das Filmtheater stellte das Erste seiner Art im Bezirk Erfurt dar und sollte bis zur Wiedervereinigung samt Klubkino in seinem Aufbau gleich bleiben.

Der moderne Betrieb des Kinos hat nur noch wenig mit seinen Vorgängern zu tun. „Das Interieur des Kinos wurde nach der Wende vollständig geändert und den damaligen technischen Maßstäben angepasst. Dazu wurden vier verschiedene Kinosäle mit einer Größe zwischen 68 und 266 Sitzplätzen geschaffen,“ berichtet Jürgen Deisting. Deisting arbeitet seit 1990 im Kino, seit 10 Jahren ist er dessen Theaterleiter.

Daneben sorgen 20 Mitarbeiter in einem eingespielten Team für den Betrieb von vier verschiedenen Kinosälen. Im Vordergrund verkaufen Mitarbeiter die Kinokarten und Popcorn. Im Hintergrund führen vier verschiedene Vorführer abwechselnd die Filme vor.

Auch die Mitarbeiter haben sich gewandelt. Gab es zu DDR-Zeiten eine halbjährige Ausbildung zum offiziellen Filmvorführer, so wird dieses Wissen heute ohne spezielle Ausbildung direkt an Lernwillige weitergegeben. Dabei bedarf es „lediglich“ etwas Feingefühls im Umgang mit dem empfindlichen Bildträgern, die genau am Bildstrich eingespannt werden müssen.

Trotz aller Veränderungen bildet das Erlebnis Kino immer noch ein gemeinsames zusammensitzen, zurücklehnen und genießen. Film und Kino sind Teil einer städtischen wie globalen Kultur. Das Filmtheater „Neue Zeit“ wird daher hoffentlich, ungeachtet der Konkurrenz im multimedialen Raum, auch die nächsten 60 Jahre bestehen können. Bild für Bild, 24 mal die Sekunde.
Tobias Wendehost
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