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In himmlischer Nähe

Montag, 08. August 2011, 17:35 Uhr
Bevor der Himmel etwas näher rückt, bedarf es einer kleinen Kraftanstrengung. Über steile Treppenstufen muss der Aufstiegswillige 129 kleine Hürden meistern, bevor er einen der schönsten Blicke über Nordhausen als Belohung erhält.


Der Eingang zum „Himmel“ wirkt unscheinbar. Eine graue, unspektakuläre Tür, zur Sicherheit doppelt verschlossen. Die ersten Stufen, auf denen nur wenige Menschen gleichzeitig einen Fuß nach den Nächsten setzen können. Holzbretter, die ein leises Knacken von sich geben, wenn sie Gewicht auf sich verspüren. Alles ist von einer dünnen Staubschicht bedeckt, die bezeugt, dass dieser Ort nur selten besucht wird. Es riecht nach alten Steinen und frischem Holz.

Wenn dies die Pforte zum Himmel wäre, würden nur selten Menschen hindurch schreiten. Die traumhaften Bilder, die uns unsere Phantasie und unzählige Kinofilme vorschreiben, wären dahin. Doch es ist der Eingang zu einem Wahrzeichen von Nordhausen, das viele Südharzer wohl nur von außen kennen. Meist mit dem Blick Richtung Himmel, vielleicht die Hand am Fotoapparat. Die Rede ist vom Nordhäuser Dom.

Dombesichtigung (Foto: Tobias Wendehost) Dombesichtigung (Foto: Tobias Wendehost)
Ein Blick über Nordhausen

Ein Bauwerk aus einer anderen Zeit, das dieses Jahr seinen 1050. Geburtstag feiert. Ein Jahrtausend Geschichte. Nach einer knapp vierjährigen Renovierung erglänzt das Denkmal dennoch wieder in voller Schönheit. Die Zerstörung durch den Krieg ist nur noch zu erahnen. Der Dom steht, um es mit einer Floskel auszudrücken, wie ein Fels in der Brandung. Als eine von zahlreichen Attraktionen des Landkreises, sind die Türme doch die "Großeltern" der restlichen Bauwerke. Die Familienoberhäupter einer ansehnlichen Schar von jugendlichen Gebäuden.

Alles begann 927. Heinrich I., König des Ostfrankenreiches, überließ seiner Gemahlin Mathilde mehrere Güter zur lebenslangen Nutzung. Darunter das Gebiet des heutigen Nordhausens. Drei Jahrzehnte später wurde dessen eigentliches Zentrum aus der Taufe gehoben. Mathilde ließ 961 einen Frauenstift gründen, der ihr als Witwensitz diente.

Der Frauenstift erwuchs drei Jahrhunderte später zu einem Domherrenstift. Ältester Teil des Gebäudes ist dabei die Krypta im Unterbau des Domes. Darüber erstreckte sich in verschiedenen historischen Bauabschnitten dann die steingewordene Ewigkeit. Ob Romanik oder Gotik, jede Zeit hinterließ ihre Spuren.

Eine kleine Gruppe interessierter Besucher wird heute unter der Leitung von Wanda König an die höchsten Stellen des Wahrzeichens geführt. Im Hintergrund ertönen Glockenschläge. Nach mehreren Treppen erreicht die Truppe den wohl imposantesten Raum des Dachstuhls.

Rechts und links laufen Holzstreben nach oben hin aufeinander zu. Der erster Eindruck: Wir sind im Innern eines Schiffs angekommen. Doch das Schiff steht auf dem Kopf. Das Dach lässt sich nur erahnen. „Der Dachstuhl ist insgesamt 19 m hoch, der eigentliche Kirchenraum 17 m,“ klärt uns Wanda König auf. „Sie können auch gerne auf dem mittleren Weg entlang gehen, um die Ausmaße des Domes abzuschätzen zu können.“

Bei diesem Gang wippen die Balken leicht unter den Schritten und der Raum darunter lässt sich kaum abschätzen. Kleine Fenster an den Rändern beweisen, dass außerhalb des Daches noch eine Außenwelt existiert. Wieder ertönt ein Glockenschlag. Doch das Geräusch wirkt weit entfernt. Eine weitere Holztür trennt Glockenraum und Dachstuhl voneinander ab. Das alte Gemäuer bewahrt den Schall hier oben wie einen Schatz auf.

Der Zweite Weltkrieg und seine zerstörerische Kraft zogen nicht ohne Schäden am Dom vorbei. Bei der Bombardierung im April 1945 brannte der Dachstuhl fast vollständig ab. Die kunstvollen Fenster zerbarsten unter der Hitze und dem Druck. Stadt und Mittelpunkt lagen in Trümmern. Und wurden wieder aufgebaut. Anfangs aufgrund von Materialknappheit nur behelfsmäßig. Im Jahr 1964 dann mit einem neuen Dachstuhl.

Wieder sind einige Treppenstufen zu bewältigen, bevor der Himmel etwas näher rückt. Doch diese kleine Mühe wird am Ende mit einem eindrucksvollen Panorama über die Stadt belohnt. Erst mit dem Blick vom linken, dann vom rechten Turm. Ob Rathaus, Petriturm oder der Vorharz, alles lässt sich von der hohen Warte aus erspähen. Die Augen wandern über die Häuserdächer, bleiben gelegentlich an den Enkelkindern des Domes haften und saugen die Schönheiten Nordhausens auf.

Neben einem traumhaften Blick, beherbergen die Türme auch Untermieter. Seit einigen Jahren zieht eine Familie von Falken in extra eingebaute Nistkästen, die bei der Renovierung des Dachstuhls installiert wurden, ein. „Bei der letzten Aufzucht schlüpften vier Jungen in den Nistkästen. Vor drei Wochen zog die Familie dann aus dem Dom aus“, berichtet Pfarrer Richard Hentrich vom Erfolg des Projektes.

Nachdem vor drei Jahren die Sanierung abgeschlossen wurde, findet einmal im Monat eine Führung durch diesen imposanten Teil des Gebäudes statt. Interessierte Besucher können sich nach einer Voranmeldung im Pfarrbüro auf Entdeckungstour zu den beiden Himmelspforten machen.
Tobias Wendehost
Autor: tw

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