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Menschenbilder (11)

Montag, 08. August 2011, 07:08 Uhr
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Jochen Müller, Marco Müller-John

Gärtnerei Sauer Ellrich

„Mir macht die Arbeit Spaß, wenn ich merke, dass der Kunde seinen Garten will“, sagt Marco Müller-John über seine Motivation. Und: „Wir planen und gestalten Gärten, die eine Standzeit von 20 bis 25 Jahren haben, die also über einen solchen Zeitraum „funktionieren“, schön aussehen und ihre Besitzer erfreuen.“

Leider, so sagt der am 2. 6. 1974 in Nordhausen geborene Mitinhaber der traditionsreichen Ellricher Gärtnerei Sauer, leider sei der deutsche Garten heute oft nur noch ein „Baumarktgarten“. „Die Leute nehmen aus dem Baumarkt mit, was ihnen gerade gefällt. Man kann in diesen Gärten genau sehen, in welchem Jahr seine Bestandteile gekauft wurden. Rudimente und Segmente des Lebensgefühls eines einzigen Tages, das spiegeln diese Gärten wider.“ Dabei gäbe es so schöne alte, im wahrsten Wortsinne gewachsene Gärten, die über Jahrzehnte funktionieren.

Marco-Müller John ist mit Herzblut Gärtnermeister. Weit über die Gärtnerei Sauer hinaus engagiert er sich auf seinem Fachgebiet für das Gemeinwohl: mit seinem Jahrhundertwerk Aceretum in Ilfeld und Sophienhof und als Gartenmeister des Villenparks Hohenrode in Nordhausen, um zwei Beispiele zu nennen.

Der Unternehmer setzt eine fast 90-jährige Familientradition fort, deren Wurzeln untrennbar mit dem 1902 geborenen Urgroßvater des heutigen Inhabers, Hermann Sauer, verbunden sind. Er gründete die Firma im Jahre 1924. Bis 1927 befand sie sich auf dem Gelände der angepachteten Ellricher Gärtnerei Albrecht. Danach fand sie ihren Platz in der Zorger Landstraße außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes zwischen Ellrich und Zorge. In der Ellricher Lindenstraße hat sie seit 1924 ihren Geschäftssitz. Bis heute werden dort Pflanzen aus der Gärtnerei verkauft. Früher gab es am Haus Frühbeete zur Anzucht von Gemüsepflanzen.

Die Urgroßmutter von Marco Müller-John, Ida Sauer, stammt aus Tettenborn, wo ein naher Verwandter ebenfalls eine Gärtnerei betrieb. Das Ellricher Unternehmen konzentrierte sich von Beginn an auf die Kranzbinderei, den Zierpflanzenbau und auf die Landschaftsgärtnerei. Außerdem machte sie sich einen Namen auf dem Gebiet der Dahlienzucht. Marco Müller-John hatte das Glück, seinen Urgroßvater noch kennenzulernen: „Sein Markenzeichen war ein Okuliermesser, ein Spezialmesser zum Veredeln von Rosen- und Obstgehölzen, das er stets bei sich trug und fast universell einsetzte“, erinnert er sich.

1927 pflanzte er als Windschutz eine Lebensbaumhecke und auf das Jahr 1933 datiert der Bau eines Gewächshauses aus Holz und Stahl, das jedoch im Winter 1944/45 unter der Schneelast zusammenbrach. Auch während der Kriegszeit arbeitete die Gärtnerei Sauer auf Hochtouren. Bis zu drei Frauen waren damals saisonal beschäftigt Unter anderem wurde auch Gemüse produziert. Der Transport der Kränze zu den Kunden erfolgte bis in die 30-er Jahre hinein z.T. über große Entfernungen mit dem Fahrrad. Dann stand dem Betrieb ein Motorrad zur Verfügung. Nach dem Krieg widmete sich die Firma erneut der Dahlienzucht. Auch Topfpflanzen wie Primeln und Alpenveilchen wurden herangezogen, dazu Schnittblumen wie Chrysanthemen und Asparagus. Hermann Sauer verstarb 1987.

Der Großvater des heutigen Mitinhabers Erhold Müller (geb. 1927) stammte aus einem Ort im Thüringer Wald und kam als Geselle zur alten Ellricher Gärtnerei August. Seit den 50-er Jahren arbeitete er im Betrieb des Firmengründers in der Zorger Landstraße.

Mit Jochen Müller saß bereits frühzeitig die dritte Generation des Familienbetriebes in den Startlöchern. Bereits als Kind half er seinem Vater bei den meisten anfallenden Arbeiten. Nachdem dieser in den 70-er Jahren einen schweren Arbeitsunfall erlitten hatte, erhielt seine tatkräftige Unterstützung geradezu eine existentielle Bedeutung für die Firma. Damals war der gelernte Dreher im Niedersachswerfener VEB Kältetechnik tätig. Nach der dortigen ersten Schicht folgte meist noch eine zweite in der Zorger Landstraße.

Nach der Wende erfuhr er, dass er die dafür unabdingbare Sondergenehmigung für den 500-Meter-Bereich vom Leiter der Ellricher VP-Meldebehörde ohne Wissen von dessen übergeordneter Dienststelle in Nordhausen erhalten hatte, was in der damaligen Zeit ein kaum zu ermessender Vertrauensbeweis war. Wäre dieser Vorgang den Nordhäuser Vorgesetzten bekannt geworden oder hätte sich Jochen Müller in Bezug auf die Grenze nur das Geringste zu Schulden kommen lassen: Die Konsequenzen für den Ellricher Polizeibeamten wären drastisch ausgefallen.

1990 qualifizierte sich Jochen Müller zum Gärtner und führte den Familienbetrieb nach dem Tod des Vaters bis 2004 als alleiniger Inhaber und Geschäftsführer. 1994 qualifizierte er sich zum Gärtnermeister. Mit einer besonderen und gewiss bahnbrechenden Erinnerung ist für ihn der 02.10.1990 verbunden. Denn an jenem Tag unmittelbar vor der Wiedervereinigung kam in der Zorger Landstraße 3 erstmals Strom aus der Steckdose. Und bereits zwei Tage später wurde der Bau des ersten modernen Gewächshauses in Angriff genommen.

Die Kindheit von Marco Müller-John war untrennbar mit der Gärtnerei verbunden. Auf Grund von deren Lage zwischen dem Signalzaun und der eigentlichen DDR-Staatsgrenze nur weniger als 500 Meter von dieser entfernt, wurde er mit zahlreichen Einschränkungen und Besonderheiten konfrontiert. „Ich war es gewohnt, dass wir zwei Schlagbäume passieren mussten um nach Ellrich und zu unserem Betrieb zu kommen. In der Gärtnerei gab es keinen Strom und keinen Wasseranschluss. Gearbeitet wurde vorteilhafterweise bei Tageslicht. Ansonsten kamen Kerzen oder Glühlampen zum Einsatz, die ihre Energie aus einer Autobatterie bezogen. Das zum Gießen benötigte Wasser wurde aus einem Brunnen mittels einer Dieselpumpe in Vorratsbehälter gefüllt.

Besonders problematisch gestaltete sich die Beschaffung des dringend benötigten Brennstoffs für die Beheizung der Gewächshäuser: „Während des ganzen Jahres suchten wir und insbesondere meine Großeltern die Halde der unmittelbar an der Grenze gelegenen Eisengießerei auf. Aus dieser sortierten wir aufwendig Koksreste aus, die wir während der kalten Jahreszeit verfeuern konnten“, sagt Marco Müller-John. Im Winter schliefen Vater und Großvater oft in der Gärtnerei, um den Kessel stets nachheizen zu können.

Bis in die 80-er Jahre hinein durfte die Familie kein eigenes Kraftfahrzeug betreiben. Der Transport der Waren zwischen dem Firmengelände und dem Geschäft in Ellrich erfolgte mit Fahrrad und Anhänger sowie mit einem von Kühen gezogenen Gespann. Zudem mussten alle Leitern fest angeschlossen sein, um potentiellen „Grenzverletzern“ keine Hilfestellung zu gewähren. Noch im Januar 1989 wurde der Großvater des heutigen Inhabers kurzzeitig festgenommen und verhört, nachdem es einige Flüchtlinge geschafft hatten, mit einer seiner Leitern den Zaun zu überwinden. Im Winter versammelten sich oftmals Hunderte Feldmäuse in den warmen Gewächshäusern. Um diese in Schach zu halten, hielt die Familie zahlreiche Katzen.

Die einzigen zivilen Kunden, die gelegentlich in die Gärtnerei kommen konnten, waren Mitarbeiter der unmittelbar am Grenzzaun gelegenen Gießerei, weil diese über eine Sondergenehmigung für den 500-Meter Bereich vor der Grenze verfügten.

Marco Müller-John wollte ursprünglich Lehrer werden. Mit der schweren Arbeit in der Gärtnerei identifizierte er sich zunächst eher weniger. 1993 machte er am Herder-Gymnasium das Abitur und erlernte anschließend in einer Gärtnerei der Stadt Frankfurt / Main den Beruf eines Friedhofsgärtners. Während dieser Zeit baute er auch Kontakte zum weltberühmten Palmengarten auf, die ihm in seiner Arbeit noch heute zugutekommen. „Dieser Berufszweig war nach der Wende besonders lukrativ und hinsichtlich des kreativen Anspruchs besonders interessant“, sagt er. Im vom berühmten Gartenarchitekten Siesmeyer geplanten Palmengarten gewann er wegweisende Erfahrungen für seine heutige Tätigkeit. Insbesondere wurde dort der Grundstein für seine besondere Zuwendung zu den Gehölzen gelegt.

Mehrmals besuchte er mit seinen Lehrmeistern Bundesgartenschauen, wo er Schaugräber ausstellte. Ab 1997 war er im mittlerweile von seinem Vater Jochen Müller geführten Betrieb angestellt. 2004 erwarb er den Abschluss eines Gärtnermeisters der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau. In demselben Jahr übernahm Marco Müller-John die Geschäftsführung an der Seite des Vaters. Während sich letzterer auf die Pflanzengärtnerei konzentriert, hat sich Sohn Marco als Spezialist vor allem für den landschaftsgärtnerischen Teil einen Namen gemacht. Mehrmals beteiligte sich Marco Müller-John bereits mit Ausstellungen an Bundes- und Thüringer Landesgartenschauen, so in Rostock und Pößneck.

Die tragenden Säulen des Unternehmens sind heute der Gehölzverkauf, Beet- und Balkonpflanzen und vor allem der Dienstleistungsbereich: Dieser beinhaltet die komplette Gestaltung von Gärten und Gartenteilen sowie Grabpflege und Grabgestaltung. „Ich lege großen Wert darauf, dass die Struktur der von uns modellierten und umgesetzten Gärten nachhaltig ist, das heißt, lange Bestand hat. Der Kunde spart viel Geld, wenn er seinen Garten von einem Fachmann anlegen lässt, weil dieser stets länger stabil ist, als ein auf dem Baumarkt „zusammengesammelter“ Garten“, betont er.

Zu den ganz besonderen und nachhaltigen Betätigungsfeldern gehört das Aceretum, das der Gärtnermeister seit 2005 in Ilfeld und Sophienhof etabliert. Bis zum Jahre 2011 pflanzte er bereits 260 verschiedene Ahorn-Sorten. Bis zu seinem 60. Geburtstag möchte er die Zahl 1.000 durchbrechen. Jeder dieser attraktiven Gehölze ist untrennbar mit einem Baumpaten verbunden: Dieser zahlt einmalig 50 Euro und kann seinen Baum frei nach Wahl einem anderen Menschen widmen. „Dabei geht es oft um höchstemotionale Anlässe“, sagt Marco Müller-John. Manche Menschen setzen ihren Hinterbliebenen mit einem Ahorn ein ewiges Denkmal, nachdem die gesetzlich garantierte Bestandszeit für das Grab auf dem Friedhof abgelaufen ist“, sagt er. Das Aceretum bezeichnet der Unternehmer als die „Bild-Zeitung von Ilfeld“, weil es Einblicke in so manche Lebensgeschichte gibt.

Marco Müller-John ist mit der Floristin Manuela John verheiratet. Ihre beiden Töchter, Charlotte (5) und Mathilda (3), begleiten ihren Vater schon gern beim Pflanzen neuer Ahornbäume. Zeit für Hobbys bleibt dem engagierten Gärtnermeister nicht viel. Wichtig ist ihm aber das „natürliche Element“ in seinem Leben, die Nähe zu Pflanzen, Gärten und körperliche Betätigung.

Irgendwann würde er sich gern ein Segelboot kaufen.

Die Ehefrau des Vaters Jochen Müller heißt Christel Müller und erlernte den Beruf einer Friseurin. Seit 1990 führt sie die Verkaufsstelle in der Ellricher Lindenstraße. Der zweite Sohn des Paares trägt den Namen Philipp (geb. 1989) und absolviert gegenwärtig ein Studium zum Gartenbautechniker an der Lehr- und Versuchsanstalt in Erfurt.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnz

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