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Menschenbilder (9)

Montag, 01. August 2011, 16:17 Uhr
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Bauingenieur Karl Rommel

Fenster- und Fassadenbau Rommel GmbH
37345 Großbodungen


„Eigentum verpflichtet“, sagt Karl Rommel und blickt mit Stolz auf seine Söhne Thomas und Andreas, die den mehr als 100-jährigen Fachbetrieb für Fenster- und Fassadenbau mit Erfolg in die Zukunft führen. „Beide haben Tischler gelernt und wollten nie Direktor werden. Aber sie entschieden sich für die Fortsetzung unserer Familientradition. Meine Söhne erkannten ihre Aufgabe sofort nach der Reprivatisierung und sie haben sich ihr bewundernswert gestellt“, sagt der am 10.12.1931 in Kleinbodungen geborene Ingenieur.

Die Referenzen der mittelständischen Firma beweisen eine geradezu unglaubliche Entwicklung seit der Wende: US-Botschaft Wien, Philharmonie Hamburg, Krankenhaus Hamburg-Eppendorf, Therme Bad Reichenhall, Dresdner Zwinger, Fernsehturm Kulpenberg, um nur einige ganz wenige zu nennen.

Die heutige, überaus zukunftsweisende Situation des Betriebes lässt kaum erahnen, welch wechselvolle Geschichte hinter der Fenster- und Fassadenbau Rommel GmbH liegt.

Der Großvater von Karl Rommel mütterlicherseits, der Zimmerermeister Karl Krause, gründete das Unternehmen im Jahre 1908 als Zimmerei und Sägewerk in Großbodungen, Am Zoll. Vor allem durch die Integration des damals noch mit Dampfmaschinen betriebenen Sägewerks entwickelte sich die Firma nach 1930 rasant. Das benötigte Holz wurde mittels Pferdefuhrwerken aus dem Harz herangeschafft. Karl Krause hatte die Firmengebäude und das Wohnhaus für seine Familie in Fachwerkbauweise selbst errichtet.

Doch bereits im Ersten Weltkrieg begannen auch die Probleme: Der Firmengründer kehrte von der Schlacht bei Verdun mit einer schweren Beinverletzung heim, die ihn den Rest seines Lebens beeinträchtigen sollte. Er konnte nur noch mit Hilfe eines Stockes gehen. Aber auch seine Frau Wilhelmine wurde indirekt zu einem Opfer des Krieges: Sie führte den Betrieb während dieser Zeit, in Ermangelung der an der Front kämpfenden Männer, fast ausschließlich mit Lehrlingen und stand selbst an den Maschinen: Durch einen Arbeitsunfall verlor sie eine Hand.

Und wie als ob das noch nicht gereicht hätte: Der Betrieb brannte infolge von Kurzschlüssen im Spänekeller bis auf die Grundmauern ab. Nach dem Brand entschied sich Karl Krause zur Neuerrichtung unter einer anderen Adresse: Nachdem er das Betriebsvermögen auf seinen Schwiegersohn Karl Rommel d. Ä. und dessen Frau Emma Rommel übertragen hatte, kauften sie am Großbodungener Bahnhof einen Baubetrieb. Hierfür verwendeten sie auch die Versicherungssumme, die ihnen nach dem Brand wenigstens zum Teil ausgezahlt worden war: „Mein Vater hat weiter gedacht: Es ging ihm mit diesem Schritt in erster Linie um den Anschluss an das Gleis des Kaliwerkes, um mit dem Holzhandel beginnen zu können“, sagt Karl Rommel d.J.. Unter der neuen Adresse arbeitete das Familienunternehmen von Beginn an ausschließlich auf dem Bausektor und begann mit vier Mitarbeitern.

Karl Rommel d. J. wollte nach dem Abschluss der 8. Klasse eigentlich das Abitur machen. Nur die infolge des Zweiten Weltkrieges schwierigen Fahrtmöglichkeiten zum Gymnasium nach Bleicherode verhinderten diesen Weg. Stattdessen absolvierte er im väterlichen Betrieb eine Zimmermannslehre und nahm beim ehemaligen Direktor der Großbodungener Schule nebenher Privatunterricht.

Vor allem auf Initiative seiner Mutter studierte Karl Rommel von 1949 bis 1952 in Erfurt Bauwesen. „In dem Studium, das ich als Bauingenieur beendete, sehe ich die wichtigste berufliche Voraussetzung für mein späteres Leben“, schätzt er ein. Anschließend übernahm er als Bauleiter im damaligen VEB Bauunion Nordhausen zahlreiche Baustellen und durchlief alle wichtigen Betriebsbereiche.

Im Jahre 1953 zeigte das DDR-Regime, was es von der Privatwirtschaft hielt: Seine Eltern Karl und Emma Rommel sowie seine Schwester Erni wurden, ebenso wie mehrere andere Inhaber von produzierenden Betrieben, verhaftet. Die Betriebe wurden versiegelt und dem Regime ergebene Treuhänder eingesetzt. Karl Rommel d. J. selbst flüchtete am 8. Mai 1953 nach West-Berlin.

„Was soll ich einem Staat weiter dienen, der meine Eltern einsperrt?“ fragte er sich damals. Infolge des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 wurden Vater und Mutter nach drei Wochen bzw. vier Monaten aus der Haft entlassen. Doch ihre Firma war inzwischen ruiniert. Der Vater von Karl Rommel setzte seine ganze Kraft für die Bezahlung der Schulden ein, die der vom Staat eingesetzte Treuhänder hinterlassen hatte. Die „Privaten“ ließ man noch für ein paar Jahre gewähren.

Der junge Bauingenieur selbst blieb zunächst in der Bundesrepublik und arbeitete vier Jahre lang in einem Wetzlarer Architekturbüro. Die damit verbundene Weiterbildung sei für ihn, so sagt er, von enormer Bedeutung. Dort lernte er auch seine aus Gießen stammende heutige Ehefrau Annelotte Rommel kennen und lieben. Schließlich ließ er sich aber von seinem Vater 1957 überzeugen, in die DDR zurückzukehren: „Wozu habe ich denn die Firma noch, wenn ich sie nicht weitergeben kann?“, sagt er zu seinem Sohn. Und: „Du kannst ja jederzeit wieder in den Westen gehen.“

Bei seiner Rückkehr wurde ihm an der Grenze sofort der Pass abgenommen. Im neuen Personalausweis stand: „zurückgekehrt“, in jenem seiner Frau „zugezogen“. Annelotte Rommel durfte ihre im Westen lebende Mutter trotz ihrer freiwilligen Übersiedlung in den sozialistischen Staat jedoch erst 1976 besuchen.

Das Familienunternehmen setzte seine rasante Entwicklung auch unter DDR-Bedingungen fort. Insbesondere stellte es selbst entwickelte Fenster (außen Aluminium und innen Holz) her, die ästhetisch aussahen und nie mehr gestrichen werden mussten.

1969 nahm der bis dahin privat geführte Betrieb eine staatliche Beteiligung an. „Wir erkannten, dass wir die Firma dadurch besser voranbringen konnten“, sagt Karl Rommel. So war es ihm dadurch möglich, eine weitere Halle zu bauen.

Das Jahr 1972 entpuppte sich zu einem weiteren schwarzen Jahr für die Traditionsfirma. Eines Tages teilte ihm ein Bekannter mit, dass er den Parteiauftrag erhalten habe, auf ihn mit dem Ziel einer Verstaatlichung des Familienbetriebes einzuwirken. Im Weigerungsfalle drohe der Familie erneut Haft. „Wir unterschrieben und der Betrieb war weg. Für meinen Vater, der an der Firma mit beteiligt war, bedeutete das einen harten Schlag“, denkt er zurück. Ihre Sorge, dass sie von den 50 Beschäftigten nun nicht weiter unterstützt werden würden, erwies sich glücklicherweise als unbegründet.

Durch den infolge der Verstaatlichung verbreiteten Mangel an den damals so genannten „Tausend kleinen Dingen“ mussten alle Betriebe fünf Prozent ihrer Produktion auf die Herstellung von Konsumgütern umstellen. In dem jetzt als VEB Holz- und Leichtmetallbau firmierenden Betrieb wurden in diesem Sinne verschiedene Uhrengehäuse aus Holz gefertigt, die jedoch fast ausschließlich in den Export gingen. Der durchschnittliche DDR-Bürger, dem ja die Konsumgüterproduktion eigentlich dienen sollte, bekam sie daher kaum mal in einem Geschäft zu Gesicht.

Zahlreiche Referenzen kennzeichnen die auch schon damals bestehende Leistungsfähigkeit der Firma: Kirchen in Obergebra und Berga-Kelbra, Hotel Bellevue Dresden, Panorama-Hotel Oberhof, Zahnklinik Erfurt und Dom zu Nordhausen (komplette Dachsanierung), um eine kleine Auswahl zu nennen. „Wir schrieben stets schwarze Zahlen. Mein Vater sah, dass wir den Betrieb dadurch in Ordnung halten konnten, was ihn mit den Folgen der Enteignung etwas besser zurechtkommen ließ“, sagt Karl Rommel. Als vorteilhaft erwiesen sich auch zahlreiche „gute Beziehungen“ der Familie: „Ich hatte Holz und Fenster und kam daher gut über die Runden“, schmunzelt er. Sein Vater Karl Rommel d. Ä. verstarb 1981. Vom Bauminister wurde Karl Rommel 1982 schließlich zum Oberingenieur ernannt.

Die Wende hat der Bauingenieur sehr begrüßt. Schon im Dezember 1989 stellte er einen Antrag auf Reprivatisierung: „Lassen Sie den Antrag da. Aber ich weiß noch nicht, was ich damit machen soll“, sagte damals der Bezirksbaudirektor zu ihm.

Nach der erfolgreichen Rückübertragung schrumpfte die Mitarbeiterzahl allmählich von 150 auf 75. Auch der Auftragsvorlauf von zwei Jahren nahm infolge von Stornierungen schnell ab. Dennoch lief die Fensterproduktion erfolgreich und nahtlos weiter. Mit einem Bankkredit war es Karl Rommel schon im Frühjahr 1990 möglich, modernste Maschinen einzukaufen. Hierzu gehörten eine zeitgemäße Absaugeinrichtung und ein hochwertiger Verbrennungsofen für die Späne, mit dem sich die Energiekosten beherrschen ließen und die Umwelt entlastet wurde. Im Herbst des Jahres führten sie den ersten Auftrag in den alten Bundesländern aus.

Seit drei Jahren gewinnt die Fenster- und Fassadenbau Rommel GmbH einen Teil der von ihr benötigten Energie aus einer Photovoltaikanlage.

Seit 2006 führen Andreas und Thomas Rommel das Traditionsunternehmen erfolgreich weiter. Andreas Rommel schloss in den 90-er Jahren ein Studium der Holztechnik ab. Nach wie vor und wie schon vor 100 Jahren, liegt das Kerngeschäft der Firma auf dem Gebiet des Fenster- und Fassadenbaus.

Unvollständig wäre ein Text über die Familie Karl Rommel natürlich, ohne auch die Tochter von Annelotte und Karl Rommel, Heike, zu erwähnen. Sie studierte in Leipzig Ökonomie und betreibt in Bleicherode eine eigene Firma. Andreas, Thomas und Heike Rommel bescherten ihren Eltern bisher sieben Enkel im Alter zwischen acht und 27 Jahren.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnz

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