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„Der Rest ist schweigen“

Samstag, 23. Juli 2011, 00:37 Uhr
Bei der Premiere des Nordhäuser Sommertheaters konnten sich die Zuschauer von den kreativen Möglichkeiten eines klassischen Dramas überzeugen. Die Aufführung von Shakespeares „Hamlet“ war der gelungene Auftritt eines besonderen Ensembles.


Auch wenn das Theater Nordhausen in den vergangenen Jahren oftmals mit finanziellen Einschnitten zu kämpfen hatte, muss den Mitarbeitern ein gehöriges Maß an Engagement zugeschrieben werden. Das bewies die Premiere des Sommertheaters mit dem Stück „Hamlet“.

Diese Tatkraft zeigt sich symptomatisch in der Person des Intendanten Lars Tietje. Bereits zu Beginn seiner Anstellung in Nordhausen hatte er die Idee eines Sommertheaters. Dann konzentrierte sich der Betrieb in erster Linie auf die Thüringer Schlossfestspiele, was auch der finanziellen Situation geschuldet war.

„Irgendwann bin ich schließlich auf das karasch ensemble aufmerksam geworden und lud sie nach Nordhausen ein,“ so der Intendant. Doch wollten die Akteure nicht einfach ein Theaterstück aufführen, sondern das etwas andere Schauspiel vor einer besonderen Kulisse inszenieren. „Bei der Suche nach dem geeigneten Ort verliebte ich mich ins Altendorf, da es einen anderen Blickpunkt auf ein klassisches Stück bietet.“

Hamlet im Altendorf (Foto: Tobias Wendehost) Hamlet im Altendorf (Foto: Tobias Wendehost)

Diese Sichtweise deckt sich mit den Vorstellungen von Sabine Karasch, Theaterregisseurin des gleichnamigen Ensembles. „Gewöhnliche Orte und Strukturen spielerisch (aus-)zunutzen, um neue Interpretationsmöglichkeiten des Raumes entstehen zu lassen.“ So lautet das Motto der quirligen Künstlerin.

Aufwändige Bühnenpräsentationen passen so gar nicht zum schauspielerischen Konzept der Hamburger Schauspielgruppe. Vielmehr sollen die kleinen und großen Fallstricke der Geschichten mit minimalistischen Mitteln ins rechte Licht gerückt werden. In einer ständigen Rochade der Charaktere, saugen sie förmlich ihre Umgebung auf und nutzen die Umwelt als Teil des Stücks.

Die Umgebung des Sommertheaters bot dabei den Reiz, dass sie entweder gerade im Werden ist oder noch Jahre auf eine Renovierung warten muss. Startpunkt des Theaterstücks war ein Privatgrundstück im Altendorf, welches bis kurz vor Beginn des Schauspiels nicht genutzt werden durfte. Nach etwas Überzeugungsarbeit bekam das Theater aber die Zustimmung des Besitzers und alles konnte seinen Lauf nehmen.

Hamlet im Altendorf (Foto: Tobias Wendehost) Hamlet im Altendorf (Foto: Tobias Wendehost)

Zweite Station war die derzeit geschlossene Altendorfer Kirche. Gezeichnet von den Jahren und in einem baufälligen Zustand, passte sie sich den Gegebenheiten des dramaturgischen Stoffes an. Besonderer Höhepunkt war schließlich der Gang zur Schärfgasse 3. Das Gebäude wird von der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft saniert und verband die modernen Elemente der Inszenierung mit der Tradition des Stoffes. Der Tod der Hauptprotagonisten wurde schließlich auf einem Gelände des Städtischen Wasserwerkes aufgeführt.

In der Hamlet-Darbietung des karasch ensembles, die bereits in Sömmerda erfolgreich aufgeführt wurde, verschwimmt die einzelne Person zu einem Sammelsurium von Empfindungen. Ist Hamlet in einem Moment glücklich, so kann er eine Sekunde später schon abgrundtief traurig sein. Um diese Schizophrenie der Emotionen zu verkörpern, wechseln die Schauspieler ihre Rollen fließend.

Hamlet im Altendorf (Foto: Tobias Wendehost) Hamlet im Altendorf (Foto: Tobias Wendehost)

Auf ein derartiges Schauspielkonzept muss sich der Betrachter erst einlassen können. Und so dauert es auch einige Szenen, bis jedem klar ist, wie die Rollenverteilung inszeniert wurde. Diese Verwirrung wird durch die Übertragung einiger Passagen in moderne Elemente noch verstärkt. Jedem Gast sollte also klar sein, worauf er sich einlässt. Befindet er sich aber einmal in dieser Atmosphäre, bedarf es nicht mehr vieler Worte. Dann heißt es nur noch: Der Rest ist schweigen.

Weitere Vorstellungen des Sommertheaters finden am 23., 28., 29. und 30. Juli 2011 jeweils um 20 Uhr statt.
Tobias Wendehost
Autor: tw

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