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nnz-Forum: Statt Hilfe ein Knöllchen

Mittwoch, 18. Mai 2011, 06:32 Uhr
Ein Leser der nnz schildert seine Erfahrungen bei einem Notfall mit seinem Sohn. Vor allem die Erfahrungen mit dem Nordhäuser Ordnungsamt..


Die Gesundheit der Kinder sollte mit zu den höchsten Gütern der Eltern aber auch der Gesellschaft zählen. Und wie schnell ein unbeschwerter Tag eine schnelle Wendung nehmen kann hat wohl schon jeder schon einmal erlebt. So geschehen bei uns zu Hause in Werther als 19. April mein 12-jähriger Sohn von einem Baum gefallen ist. Eine tiefe und stark blutende etwa 3 x 3 cm große Wunde klaffte an seinem Bein.

Eine zufällig vorbeikommende Mitarbeiterin der Firma Jüttner half uns sofort mit einem Notverband. Ich habe meinen Sohn Nico dann sofort ins Auto gesetzt und bin zum Südharz-Krankenhaus zur Notaufnahme gefahren da die Wunde dringend versorgt werden musste. Als wir nach 16 Uhr das Krankenhaus erreicht haben musste ich feststellen dass sich wegen Überfüllung vor beiden Parkplatzeinfahrten eine PKW-Schlange gebildet hatte. Vor dem Parkplatz am Haupteingang warteten fünf bis sieben Autos auf einen Parkplatz.

Zu diesem Zeitpunkt klagte mein Sohn bereits über Übelkeit uns Schwindel. Außerdem war der Notverband vom Blut durchweicht. Meinem Sohn konnte ich mit der Verletzung keinen Weg von einem eventuell freien Parkplatz am Wohngebiet zumuten, und ich kann einen Zwölfjährigen auch nicht einige hundert Meter tragen. Um das Auto nicht auf dem Hauptweg vor dem Krankenhaus zu Parken und somit eine Behinderung für die Allgemeinheit zu sein habe ich mich dann entschlossen, einen Parkplatz auf dem komplett freien Behindertenparkplatz im hinteren Bereich der Zufahrt zum Krankenhaus zu benutzen.

Exakt um 16:10 Uhr haben wir dann den Weg vom Auto zur Notaufnahme angetreten. Obwohl wir ohne Chipkarte zur Notaufnahme gekommen sind wurden wir mit der Bitte die Chipkarte möglichst schnell nachzureichen sofort behandelt. Ein Arzt sowie ein Pfleger und einige Schwestern haben sich sofort sehr fürsorglich um meinen Sohn gekümmert. Den Leuten der Notaufnahme möchte meine Familie auf diesem Weg für Ihre sehr gute Arbeit herzlich danken.

Als meine Frau gegen 16:40 Uhr im Krankenhaus eingetroffen ist habe ich den zu diesem Zeitpunkt noch immer komplett freien Behindertenparkplatz geräumt. Natürlich hatte ich ein Knöllchen am Scheibenwischer, damit hatte ich aber auch gerechnet. Bereits um 16:10 Uhr, also genau zu dem Zeitpunkt als wir das Fahrzeug verlassen hatten wurde die Ordnungswidrigkeit erfasst.

Am nächsten Tag habe ich mich dann zum Ordnungsamt der Stadt Nordhausen begeben, um mein Verhalten in dieser Notsituation zu erklären. Seitens einer Mitarbeiterin des Ordnungsamts wurde mir erklärt, dass ich mit der Höchststrafe für ein Parkvergehen in Höhe von 35 Euro zu rechnen habe. Auf meine Frage „wie ich mich denn hätte Verhalten sollen“, wurde mir Seitens der Mitarbeiterin gezeigt wie ein gültiger Parkausweis für Behinderte auszusehen hat. Nach diesem geistreichen Tipp haben wir uns dann darauf verständigt, alles weitere schriftlich zu klären.

Nach etwa zwei Wochen habe ich dann meine Verwarnung mit Verwarngeld über 35 Euro erhalten. Versehen mit Papieren vom Krankenhaus zum Beweis unserer Notlage habe ich dann schriftlich detailliert erklärt, warum ich diesen Parkplatz benutzen musste und um die Aufhebung der Geldstrafe gebeten.

Gestern (17. Mai) habe ich wieder Post vom Ordnungsamt der Stadt erhalten, in dem meine Bitte abgelehnt wurde. Meine Unterlagen vom Krankenhaus zum Beweis meiner Aussagen habe ich aber nicht zurück bekommen. Unter anderem wurde folgende Begründung zur Ablehnung meines Antrags gegeben: „Ohne Zweifel war für Sie die medizinische Versorgung Ihres Sohnes eine Notsituation, rechtfertigt aber die Einstellung des Verfahrens nicht“. Ich möchte an dieser Stellen eines klarstellen. Es geht mir nicht um 35 Euro, da geht es mir ums so viel strapazierte Prinzip, dass Menschen in Notsituationen geholfen werden muss.

Wie kann es sein, dass uns sofort nach unserem Eintreffen in der Notaufnahme um exakt 16:12 Uhr (laut Protokoll) geholfen wird und wir bereits 16:10 Uhr ein Knöllchen kassieren. Scheinbar hat der werte Herr R. bereits neben uns gestanden, als wir dort geparkt haben. Vielleicht hätte uns der gute Mann vom Ordnungsamt lieber helfen sollen.

Wenn wir von einer unterkühlten Gesellschaft und von zunehmender Kinderfeindlichkeit reden, dann fängt dieses genau an so einer Stelle an. Wenn Gesetze und Paragraphen wichtiger als die Hilfe in Notsituationen sind dann frage ich mich, wann ich überhaupt noch Menschen in Notsituationen helfen kann. Ich möchte nochmals betonen: es geht mir nicht um 35 Euro. Meine Frau und ich spenden jedes Jahr mehrere Tausend Euro für soziale und kirchliche Zwecke und für Sportvereine des Landkreises Nordhausen. Bei der Nordhäuser Tafel fahren wir regelmäßig vor.

Am kommenden Donnerstag hatte ich vor, das Jugendamt des Landkreises am Tag seiner offenen Tür mit dem Kochen einer kostenlosen Erbsensuppe für alle Gäste zu unterstützen. Nach meinen Erfahrungen, wie mit mir seitens einer Verwaltung in einer persönlichen Notsituation umgegangen wurde, muss ich wahrscheinlich intensiv umdenken und auch nur noch mein Ding machen. Wenn nur noch Geld über alles steht, dann möchte ich mit dem öffentlichen Leben in Zukunft möglichst wenig zu tun haben.
Manfred Handke, Werther
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Autor: nnz

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