nnz-online

nnz-Forum: Opportunisten

Donnerstag, 21. April 2011, 08:10 Uhr
Ich beglückwünsche die Sundhäuser zu ihrem Erfolg, gehe aber dennoch nicht von meiner Meinung ab, dass hier nicht die vielfach ins Feld geführten ökologische Belange, sondern ausschließlich das private Interesse Einzelner zu einer mehr oder weniger geschlossenen Initiative geführt haben. Ein Forum-Statement eines nnz-Lesers.


Die Haltung der Sundhäuser war und ist oppurtunistisch und nur auf einen schnellen, zeitnahen Effekt ausgerichtet. Angst vor mehr Lärm, der angesichts der unweit vorbeiführenden, gewiss viel lauteren A 38 mehr als fragwürdig klingt und das erst recht vor der Tatsache, dass meines Wissens kaum jemand aus Sundhausen versucht hat, die A 38 zu verhindern.

Nun können die Sundhäuser wieder ruhiger neben der Autobahn schlafen, obwohl sie das nicht dürften. Ich würde mir wünschen, dass sie meinen Oppurtunismus- und Egoismusvorwurf dadurch entkräften, dass sie gegen einen Autohof auch anderswo protestieren. Nur dann hätten sie verstanden, das sich "ökologische Nachhaltigkeit" nicht hinter die privaten Knallerbensträucher im eigenen Garten und hinter die Sundhäuser Ortsgrenzen verbannen lässt, nur dann wären sie konsequent.

Ich für meinen Teil bin mir aber sicher, dass man aus Sundhausen nun kaum noch etwas hören wird. Somit kann die ob des Widerstandes der Bürgerinitiative vergängstigte Stadt Nordhausen nunmehr hoffen, ihren Autohof woanders unterzubringen. Ökologie ist das nicht, sondern Politik maximal mit einem oppurtunistischen, ökologischen Deckmäntelchen. Das betrifft den Landkreis ebenso.

Ein Landwirt berichtete mir kürzlich von 420 ha (!!) Ackerland, die er durch Baumaßnahmen seit der Wende verloren hat. Niemand außer ihm hats so recht gemerkt oder wollte es angesichts der vielen geschaffenen Arbeitsplätze merken, alle Entscheidungsträger haben mehr oder weniger mitgemacht und dafür votiert, die anwohnenden Bürger und Ortschaften haben sich mehrheitlich nicht gewehrt. Da frage ich mich, wieviel Natur mit Verweis auf das Arbeitsplatzargument noch zerstört werden soll.

Irgendwann werden wir keinen Platz mehr für neue Arbeitsplätze haben, denn auch ein Arbeitsplatz braucht Platz. Und was dann? - Für das Industriegebiet Goldene Aue gibt es nur eine Initiative der Wirtschaft, von einer Bürgerinitiative indes weiß ich nichts. Logisch: Es ist ja niemand unmittelbar von Lärm betroffen. Das belegt, das nur jemand auf die Straße geht, wenn er um sein ganz UNMITTELBARES Wohlbefinden fürchtet. Es fehlt am übergreifenden ökologischen Denken bei Bürgern und Verwaltung.

Eine nachdenkenswerte Beobachtung rmachte ich auch bei dem Landwirt, dem 420 ha seiner Äcker für Versiegelungsprojekte geopfert wurden. Er hat Angst vor dem "wirtschaftlich schädlichen" Naturpark und erst recht vor einem Biosphärenreservat, also vor ökologisch nachhaltig angelegten, und zugleich wirtschaftlich nachweislich sinnvollen Ideen. Den ihm die größten Einbußen bringenden Flächenverlust aber hat er ganz gewiss nicht dem Naturschutz zu verdanken!

Die gewisse Angst vor Nachhaltigkeit und das Betrachten ausschließlich eigener, ganz unmittelbarer Interessen sorgt dafür, dass dem punktuellen Erfolg der Sundhäuser ein offensichtlicher flächendeckender und auch für die Zukunft wahrscheinlicher Misserfolg anderer, übergreifend ökologisch denkender und handelnder Menschen möglicherweise beschieden sein wird. Frau Rinke hofiert das Abbauunternehmen des Alten Stolberg Knauf zum Neujahresempfang und spricht sich andernorts regelmäßig für den Schutz der Orchideen aus. Genau diese Haltung meine ich. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Wenigstens ist Frau Rinke gezwungen, sich auf Grund ihrer herausgehobenen Position immermal mit ihrem Namen zu positionieren. Die Stadtparlamentarier haben gestern in Sachen Sundhausen lieber anonym abgestimmt. - Na, man weiß ja nie, wie man seine Stimme noch einmal andernorts einsetzen könnte! - Auch das hat einen Hauch von Opportunismus, trotz der Rechtmäßigkeit dieses Aktes. Ich jedenfalls nenne hier meinen Namen, liebe Abstimmer!

Einen Lichtblick aber gibt es dennoch. Eine Bürgerinitiative hat, wenn auch aus fragwürdigen Beweggründen heraus, ein Projekt verhindert. Das habe ich sehr aufmerksam beobachtet. Das gibt mir doch ein wenig Hoffnung, dass Wirtschaft und Ökologie in unserer schönen Heimatregion miteinander versöhnt werden, und dass die Menschen darauf achten, dass z.B. Wirtschaftsstrukturen entstehen, die nicht durch exzessiven Flächenverbrauch, sondern durch die tatsächliche Beachtung von Nachhaltigeit auf sich aufmerksam machen. So stünde der Bauwirtschaft bestimmt eine rosige Zukunft bevor, wenn sie sich auf die Umgestaltung der bereits bestehenden urbanen und dörflichen Siedlungsraumes im Sinne der Energieeffiziens konzentrieren würde, statt unserer arg zubetonierten Landschaft noch weitere Flächen abzuringen.

Denn eine generelle Verhinderung von Wirtschaft, wie im Fall Autohof vielleicht angezeigt, ohne neue Denkansätze, löst das Problem Ökologie / Ökonomie nicht wirklich, eher schon verschärft es Spannungen und Misstrauen. Auch das sei den Sundhäusern hier gesagt.

Nachhaltigkeit bedeutet Kompromiss, aber immer auch das Hinterfragen von dem, was WIRKLICH wichtig ist. Ohne intakte Natur keine überlebensfähige Menschen und damit keine Wirtschaft und keine Arbeit. Allzuschnell aber werden die Katastrophen vergessen, die uns das Wirtschaften beschert, die aber, jede für sich genommen, an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen. -

Wer denkt noch an die Ölkatastrophe 2010 im Golf von Mexiko? Ja selbst das vor sich hin strahlende Fukushima steht nicht mehr auf den ersten Zeitungsseiten - wird vielleicht schon als "leider nicht zu verhindern" akzeptiert. Ganz zu schweigen von der vielleicht größten Katastrophe: Dem weltweit immer weiter steigenden CO2-Ausstoß. Brauchen wir all das wirklich, was zu diesen Katastrophen führt?? Hier vor Ort sollten wir zum Beispiel darüber nachdenken, ob der Gipsabbau generell geeignet ist, unserer Region Vorteile zu bescheren, ob er also wirklich mit dem Label "nachhaltig" versehen werden könnte, oder ob nur versucht wird, die Interessen Einzelner dem Volk als unbedingt notwendig unterzujubeln. Der Kohnstein kann als warnendes Beispiel dienen. Was also brauchen wir wirklich für unser Überleben?
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de