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Zurück an den Bahnhof

Donnerstag, 12. Juni 2003, 15:43 Uhr
Nordhausen (nnz). Am 25. Juni 2003 soll der Nordhäuser Stadtrat über die Zukunft des Albert-Kuntz-Gedenksteines entscheiden. Im Hauptausschuß sind gestern zwei Varianten vorgestellt worden, wie mit dem Stein in Zukunft zu verfahren sei. Jetzt meldet sich der Häftlingsbeirat der Gedenkstätte Mittelbau-Dora zu Wort.


Der Kommunist Albert Kuntz starb im Januar 1945 nach wochenlangen Folterungen im „Bunker“ des KZ Mittelbau-Dora. In DDR-Zeiten wurde die Erinnerung an Albert Kuntz im Sinne der SED-Ideologie vereinnahmt. Der Stadtrat wird über zwei Varianten befinden: Entweder soll der Stein am originalen Standort wieder aufgestellt werden, oder er soll durch eine Hinweistafel ersetzt werden, während der eigentliche Stein ins Museum kommt. Dieser Variante hatten gestern bereits die Fraktionen im Hauptausschuß den Vorzu gegeben. Auch der Bund der Antifaschisten plädiere dafür, so Frank Hermsdorf von der PDS.

Der Häftlingsbeirat der Gedenkstätte Mittelbau-Dora hat sich als Vertretung der Überlebenden nun eindeutig für die erste Variante ausgesprochen. Allerdings solle auf einer zusätzlichen Hinweistafel die Geschichte des Gedenksteins erläutert werden. Dabei solle auch erwähnt werden, dass trotz aller Vereinnahmung durch die SED-Führung mit Albert Kuntz stellvertretend aller Opfer des KZ Mittelbau-Dora gedacht wurde, als der Stein im Dezember 1946 eingeweiht wurde. Bis Mitte der 50er Jahre war der Bahnhofsvorplatz in Nordhausen der zentrale Gedenkort für die Opfer des KZ Mittelbau-Dora.

Auch der Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Dr. Jens-Christian Wagner, spricht sich dafür aus, den Gedenkstein wieder am Bahnhofsvorplatz aufzustellen. Als zeitgeschichtliches Dokument für den lokalen Umgang mit der NS-Vergangenheit sei der Stein von herausragender Bedeutung: „1946 war er das erste Mahnmal im Südharz, das an die im KZ Mittelbau-Dora begangenen Verbrechen erinnerte“. Man könne durchaus darauf vertrauen, dass die Nordhäuser Bürgerschaft differenziert mit der komplexen Geschichte des Denkmals umzugehen weiß.

Die von der Stadtverwaltung vorgetragene Befürchtung, der Gedenkstein für den im KZ Mittelbau-Dora ermordeten Kommunisten Albert Kuntz könne zu einer Wallfahrtsstätte für Rechtsextreme werden, weil man als Material für den Stein einen Gesteinsblock aus einem geschliffenen NS-Denkmal entnahm, halte er für überhaupt nicht nachvollziehbar. „Verbunden mit einer ergänzenden Hinweistafel bietet der am originalen Standort wieder aufgestellte Gedenkstein vielmehr die Möglichkeit, zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer Präsentation durch die jeweilig politisch Verantwortlichen anzuregen - und zwar im öffentlichen Raum“, meint der Historiker. Diese Chance würde mit einer „Entsorgung“ ins Museum vertan.
Autor: nnz

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