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nnz-Forum: Gibt es die besseren Opfer?

Montag, 28. März 2011, 20:04 Uhr
Wer sind die Opfer von Gewalt, Faschismus und Barbarei? Im Forum der nnz setzte sich eine Leserin mit Äußerungen des Nordhäuser Bürgermeisters auseinander. Dazu gibt es eine weitere Wortmeldung in unserem Forum...


Frau Stein sprach sich heute in der nnz gegen die ihrer Meinung nach die Opfer des Naziterrors verhöhnende Aufforderung unseres Bürgermeisters aus. Herr Jendricke meint, dass es angebracht sei, auch den gefallenen deutschen Soldaten des Weltkrieges zu gedenken. Ich finde, dass er eine wichtige Aussage getroffen hat. Und nicht, weil er etwa zum Revanchismus oder zur Akzeptanz deutscher Kriegverbrechen aufgefordert hätte. Ich bin davon überzeugt, dass die Meinung des Bürgermeisters wichtig für die heutige Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart und Zukunft ist.

Zu Beginn der achtziger Jahre arbeitete ich im Studentensommer in Südrussland. Ich war der einzige Deutsche in der Baubrigade, die in den Dörfern des Gebiets Millerowo, zwischen Don und Wolga gelegen, Häuser baute. Ich wusste davon, wie schlimm die Wehrmacht und die SS während der Stalingradschlacht in diesem Rayon gehaust hatten. Viele, die den Krieg in den Dörfern gesehen und erlitten hatten, waren noch am Leben. Und ich hatte gehörigen Bammel davor, dass die Dorfkinder, wenn sie rauskriegten, dass ich Deutscher bin, mir den Schandruf „Fritz-Faschist“ hinterher schreien.

Zu der Zeit gab es das noch. Ein paar von uns, auch ich, wurden von einer Babuschka, an deren Schafstall wir werkelten, zum Kuchen eingeladen. Und, als man so ins Gespräch kam, erzählte sie von der schlimmen Zeit. Von ihrem Mann, der als Soldat in der Schlacht blieb, ohne auch nur ein Grab zu haben. Vom Bruder, der in deutsche Kriegsgefangenschaft kam und anschließend in Stalins Gulag starb, von ihren jüngeren Schwestern, die nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, von den jüdischen Nachbarn, die die SS vor ihren Augen erschoss.

Als ich dran war, mich der Höflichkeit gehorchend vorzustellen, habe ich mir vor Scham fast in die Hose gemacht. Die Alte bemerkte meine Benommenheit. Und was sagte sie? „Mach` dir keine Sorgen, Söhnchen. Wir alle sind Gottes Geschöpfe und seine Sonne scheint über die Guten und Bösen. Alle Menschen aber sind für das Gute geschaffen. Und auch die Deutschen sind gut. Sei du nur gut und gerecht, und meide das Böse, dann wirst du ein rechtes Leben führen.“ Die einfachen Worte habe ich mir gemerkt. Sie enthalten viel Lebensweisheit und eine Güte, wie sie wahrscheinlich nur erlebtes und verarbeitetes Leid hervorzubringen vermag.

In Israel gibt es heuer eine politische Debatte, in der sich liberal und humanistisch gesinnte Intellektuelle dagegen wehren, dass die Millionen Toten der Shoah von der offiziellen israelischen Politik als Begründung für den permanenten Kriegszustand des Landes, die Atomwaffen im israelischen Besitz und die Politik der Apartheid gegenüber den Palästinensern herhalten müssen. In Deutschland wäre diese Diskussion undenkbar, was auch richtig ist. Fakt bleibt jedoch, dass die Opfer der schlimmsten Barbarei der Menschheitsgeschichte von konservativer zionistischer Seite für Krieg und Aggression instrumentalisiert werden. Wird das diesen Opfern gerecht?

Was ist der Wert eines menschlichen Lebens? Wer bestimmt diesen Wert? Und wer den seines Verlustes? Ich habe als junger Mensch, so wie Frau Stein es jetzt tut, die Toten in gute und böse geteilt. Und ich habe mich selbst in die Reihe der Guten und Gerechten stellen wollen. Das ist der Anspruch der Jugend und der ist sicher in diesem Alter angemessen. Heute weiß ich, dass eine solche Differenzierung, das uns von der Evolution mitgegebene Schwarz-Weiß-Denken, nur sehr bedingt Gültigkeit besitzt. Jedes menschliche Leben ist ein Wert an und für sich. Es abwägen zu wollen, es für schwerer oder leichter als ein anderes zu bemessen oder seinen Verlust moralisch zu differenzieren, dafür bin ich mir heute meiner menschlichen Unzulänglichkeit und Fehlbarkeit zu bewusst.

Die Toten von Krieg und Völkermord sind alle Opfer. Die ermordeten Widerstandskämpfer und die gefallenen Alliierten. Die unschuldig Umgekommenen, aber auch die Mitläufer, die schuldhaft Verstrickten und die Täter, die ihre Menschlichkeit verloren hatten. Das relativiert die Frage von rechtlicher und moralischer Schuld in keinster Weise. Aber es stellt die Verantwortung für die eigenen Gedanken und Taten in ein klareres Licht. Denn die alte Russin hatte Recht. Jeder Mensch ist für das Gute geboren. Ob er dies Gute aber leben, in langen und gesunden Jahren ausleben kann, hängt von vielen Umständen ab. Oft ist es einfach nur ein Geschenk, die Gnade der späten Geburt etwa, von der Helmut Kohl sprach. Nicht immer ist der Einzelne dem Druck und der Versuchung seiner Zeit gewachsen und geht den scheinbar leichteren Weg. Von der Anpassung über das Wegschauen zum Mitmachen bis hin zum aktiven Verbrechen. Sind wir heute davor gefeit? Ich glaube nicht. Keiner von uns.

Gerade deshalb sollten wir aller Opfer gedenken, die uns mahnen, gut und gerecht zu sein und das Böse zu meiden – und uns unserer Verantwortung zu stellen. Das klingt sehr einfach.
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

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