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nnz-Forum: Schwierigkeiten mit Wahrheit

Samstag, 19. April 2003, 07:59 Uhr
Nordhausen (nnz). Die nnz erreichten auch über die Osterfeiertage weitere Zuschriften über das Verhältnis der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und der sie umgebenden Region. Im Forum werden diese Reaktionen von nnz-Lesern veröffentlicht.


Ich nehme hiermit Bezug auf den Artikel „Irritationen ausgeräumt“ in der „Neuen Nordhäuser Zeitung“ vom 13.04.03. Mit Befremden habe ich in ihrem Artikel den Neubau eines Wohnhauses in der Nähe der Gedenkstätte zur Kenntnis genommen. Der genehmigte Neubau eines Wohnhauses in der Nähe der Gedenkstätte zeigt für mich einen Mangel an historischer Sensibilität in der Stadtverwaltung. Zum Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gehört nicht nur das Gelände des ehemaligen Häftlingslagers, sondern auch das vorgelagerte Areal des SS-Lagers und des Industriegeländes des „Mittelwerkes“. Für mich ist dies ein Beleg für mangelndes historisches Einfühlungsvermögen.

Ein weiteres Beispiel dafür ist auch der Umgang mit dem Gedenkstein für den im KZ Mittelbau-Dora ermordeten KPD-Funktionär Albert Kuntz. Die Gedenkstein war seit 1946 für lange Zeit die einzige Stelle in Nordhausen, die an die Opfer des KZ Mittelbau-Dora erinnerte. Nach dem Umbau des Bahnhofsvorplatzes wurde er im Garten des Meyenburg-Museums entsorgt.

Das Verhalten der Stadtverwaltung Nordhausen ist eine Fortsetzung der historischen Ignoranz aus den 80er Jahren. Zu diesen Zeitpunkt gab man einem Hundesportverein die Genehmigung einen Teil der ehemaligen Bahnrampe des KZ Mittelbau-Dora mit dem Vereinsgebäude zu bebauen. Die Hundefreunde trainieren ihre Hunde genau dort, wo Häftlinge in das Lager kamen. Dank der Bemühungen der Gedenkstättenleitung konnte das Problem inzwischen gelöst werden. Im Herbst dieses Jahres wird es wohl keinen Hundesport mehr auf dem Gelände der Gedenkstätte geben.

Das Verhalten der Stadtverwaltung widerspricht der Tatsache, dass der Bund die Gedenkstätte Mittelbau-Dora 1999 als Gedenkort nationaler Bedeutung anerkannt hat. Für mich sind die Pläne der Stadtverwaltung, das Gelände am Kohnstein zum Naherholungsgebiet zu erklären schlichtweg skandalös und zynisch gegenüber den überlebenden Opfern. Die Politik der Stadtverwaltung ist meiner Meinung nach gekennzeichnet durch einen geschichtslosen Pragmatismus. Wir sollten die Augen offenhalten, damit diese Stätte des Gedenkens nicht zum Rummelplatz wird.

Offenbar tut man sich in der Stadtverwaltung schwer mit der in seinen Stadtgrenzen gelegenen KZ-Gedenkstätte. Nicht zuletzt wegen der beispiellos engen Verflechtungen zwischen dem Konzentrationslager Mittelbau und seinem gesellschaftlichen Umfeld. Ich möchte hier in Erinnerung rufen, dass es allein in der Stadt Nordhausen 30 Häftlingskommandos gearbeitet haben. Eines dieser Kommandos war auch in der Stadtverwaltung eingesetzt. Durch die historische Forschung ist nachgewiesen, dass es eine breite Basis der Mittäterschaft gab. Nur wenige waren bereit Häftlingen zu helfen. Viele andere beteiligten sich an den Verbrechen, indem sie bei den SS-Lagerführern KZ-Gefangene als Arbeitskräfte anforderten oder sie am Arbeitsplatz oder auf der Straße schikanierten und mißhandelten. Die Mehrheit übte sich im Wegschauen.
Jörg Kulbe, Nordhausen

Anmerkung der nnz-Redaktion: Die im nnz-Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Autor: nnz

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