Nachdenken
Donnerstag, 17. April 2003, 07:16 Uhr
Nordhausen (nnz). Gedenken hängt im Idealfall eng mit Nachdenken zusammen. Gedenken ohne Nachdenken wird schnell und häufig sinnentleerte Routine, wenn nicht sogar eine reine Alibihandlung. Dazu eine Betrachtung von Holger Obbarius.
Vor ein paar Tagen, am 11. April, war der 58. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora; ein Anlass also, der - jährlich wiederkehrend - zum Gedenken aufruft, aber vor allem auch zum Nachdenken einlädt.
Vielleicht rechtlich korrekt, auf alle Fälle wenig bedacht, haben die zuständigen Behörden von Landkreis und Stadt Nordhausen einen Neu- bzw. Ausbau eines Hauses genehmigt. Der auffällige Bau entstand jüngst auf der Südseite des Kohnsteins direkt oberhalb des Industriebereiches des KZ Mittelbau-Dora. Unter anderen gesetzlichen Regelungen fordert das Baugesetzbuch die Anhörung aller Beteiligten in einem Genehmigungsverfahren zur Erteilung einer Baugenehmigung.
Dass die Leitung der Gedenkstätte Mittelbau-Dora in diesem Verfahren zwingend zu beteiligen gewesen wäre, hätte jedem gedankenvoll (Antonym: gedankenlos) agierenden Behördenmitarbeiter klar sein können. Denn die gleichen Behörden waren in das nun fast schon Jahre dauernde Gezerre um die Verlegung des Hundesportplatzes vom Umfeld der ehemaligen Bahnhofs- bzw. der Ankunftsrampe des KZ an einen anderen Standort involviert. Sie hatten und haben also von der angestrebten Neugestaltung sowie der Neukonzeption der Gedenkstätte Kenntnis. Die Gedenkstättenleitung in das Verfahren mit einzubeziehen, hätte übrigens die Chance geboten, den Hausbau und die Neugestaltung der Gedenkstätte in Einklang zu bringen. Nun aber dominiert das große Holzgebäude den Ort.
Ziel der Neugestaltung der Gedenkstätte ist, die historischen Strukturen des ehemaligen Konzentrationslagers wieder sichtbarer zu machen, soweit das nach jahrzehntelangem Verfall, Überwucherung und teils bewusster Überformung seitens der DDR-Behörden überhaupt noch möglich ist. Eventuell vermag die kaum noch erkennbare historische Struktur von Dora erklären, weshalb Familien vornehmlich zum Spazierengehen, Großeltern gern mit ihren Enkeln zum Spielen und Toben und Jugendliche mit Inline-Skates auf das Gedenkstättengelände kommen. Vielleicht begründet der durch allzu dichten Baumbewuchs meist versperrte Blick auf das Krematorium und das an sich wenig aufschlussreiche Vorhandensein der Plattenwege durch das Lagergelände, dass eine Reihe von Hundebesitzern die Gedenkstätte regelmäßig als bequem erreichbare Entleerungsstelle für ihre Lieblinge gebrauchen. Möglicherweise verdeckt der idyllisch gelegene, parkähnliche Ort inzwischen mehr als er Besuchern begreiflich machen kann.
Jedenfalls ist es ein weiteres Ziel der Neukonzeption, einen angemessenen Umgang mit dem Ort der Opfer zu erreichen. Mit dem Ort der Opfer ist übrigens der gesamte Lagerbereich inklusive vormaliges SS-Lager, das frühere Industriegelände und der Bahnhof des ehemaligen KZ gemeint. Die im vorigen Absatz genannten Beispiele können schwerlich als angemessener Umgang mit diesem Ort, also mit der Gedenkstätte charakterisiert werden. Denn für mitdenkende Menschen wäre es doch kaum vorstellbar, auf einem Friedhof herumzutoben, Inline-Skates zu fahren oder im Privat-PKW für den Führerschein zu üben. Der Hinweis, dass in Dora und Umgebung tausende Menschen ihr Leben ließen, sollte eigentlich überflüssig sein. Schließlich hat ja Gedenken etwas mit Nachdenken zu tun.
Holger Obbarius, Nordhausen
Autor: nnzVor ein paar Tagen, am 11. April, war der 58. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora; ein Anlass also, der - jährlich wiederkehrend - zum Gedenken aufruft, aber vor allem auch zum Nachdenken einlädt.
Vielleicht rechtlich korrekt, auf alle Fälle wenig bedacht, haben die zuständigen Behörden von Landkreis und Stadt Nordhausen einen Neu- bzw. Ausbau eines Hauses genehmigt. Der auffällige Bau entstand jüngst auf der Südseite des Kohnsteins direkt oberhalb des Industriebereiches des KZ Mittelbau-Dora. Unter anderen gesetzlichen Regelungen fordert das Baugesetzbuch die Anhörung aller Beteiligten in einem Genehmigungsverfahren zur Erteilung einer Baugenehmigung.
Dass die Leitung der Gedenkstätte Mittelbau-Dora in diesem Verfahren zwingend zu beteiligen gewesen wäre, hätte jedem gedankenvoll (Antonym: gedankenlos) agierenden Behördenmitarbeiter klar sein können. Denn die gleichen Behörden waren in das nun fast schon Jahre dauernde Gezerre um die Verlegung des Hundesportplatzes vom Umfeld der ehemaligen Bahnhofs- bzw. der Ankunftsrampe des KZ an einen anderen Standort involviert. Sie hatten und haben also von der angestrebten Neugestaltung sowie der Neukonzeption der Gedenkstätte Kenntnis. Die Gedenkstättenleitung in das Verfahren mit einzubeziehen, hätte übrigens die Chance geboten, den Hausbau und die Neugestaltung der Gedenkstätte in Einklang zu bringen. Nun aber dominiert das große Holzgebäude den Ort.
Ziel der Neugestaltung der Gedenkstätte ist, die historischen Strukturen des ehemaligen Konzentrationslagers wieder sichtbarer zu machen, soweit das nach jahrzehntelangem Verfall, Überwucherung und teils bewusster Überformung seitens der DDR-Behörden überhaupt noch möglich ist. Eventuell vermag die kaum noch erkennbare historische Struktur von Dora erklären, weshalb Familien vornehmlich zum Spazierengehen, Großeltern gern mit ihren Enkeln zum Spielen und Toben und Jugendliche mit Inline-Skates auf das Gedenkstättengelände kommen. Vielleicht begründet der durch allzu dichten Baumbewuchs meist versperrte Blick auf das Krematorium und das an sich wenig aufschlussreiche Vorhandensein der Plattenwege durch das Lagergelände, dass eine Reihe von Hundebesitzern die Gedenkstätte regelmäßig als bequem erreichbare Entleerungsstelle für ihre Lieblinge gebrauchen. Möglicherweise verdeckt der idyllisch gelegene, parkähnliche Ort inzwischen mehr als er Besuchern begreiflich machen kann.
Jedenfalls ist es ein weiteres Ziel der Neukonzeption, einen angemessenen Umgang mit dem Ort der Opfer zu erreichen. Mit dem Ort der Opfer ist übrigens der gesamte Lagerbereich inklusive vormaliges SS-Lager, das frühere Industriegelände und der Bahnhof des ehemaligen KZ gemeint. Die im vorigen Absatz genannten Beispiele können schwerlich als angemessener Umgang mit diesem Ort, also mit der Gedenkstätte charakterisiert werden. Denn für mitdenkende Menschen wäre es doch kaum vorstellbar, auf einem Friedhof herumzutoben, Inline-Skates zu fahren oder im Privat-PKW für den Führerschein zu üben. Der Hinweis, dass in Dora und Umgebung tausende Menschen ihr Leben ließen, sollte eigentlich überflüssig sein. Schließlich hat ja Gedenken etwas mit Nachdenken zu tun.
Holger Obbarius, Nordhausen
