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Pleitewelle rollt ungebremst

Montag, 24. März 2003, 07:09 Uhr
Nordhausen (nnz). 3 Sat bot am Freitag seinen Zusehern eine Kabarett-Sendung in der einer der Künstler das Thema Pleiten beleuchtete. Um den „Charme des Pleitemachens“ ging es da, sehr zur Unterhaltung des Publikums. Die Wirklichkeit ist weniger charmant, findet nnz.


Die Nachrichtenagenturen verbreiteten schon am Wochenende die Meldung: mit 37 579 gemeldeten Insolvenzen wurde im vergangenen Jahr ein neuer Rekord erzielt. Wirtschaftsexperten führen den „gravierenden Anstieg" mit rund 5300 Pleiten gegenüber 2001 auf die schlechte Konjunktur zurück. Daneben spielt auch die Reform des Insolvenzrechtes von Ende 2001 eine nicht unwesentliche Rolle, wie das Statistische Bundesamt erklärte. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn stellt allerdings ebenso deutlich fest, dass in nicht wenigen Fällen auch die Unfähigkeit der deutschen Manager einen Teil der Schuld daran trägt.

Nimmt man unter diesen Gesichtspunkten eine Trennung der registrierten Pleiten vor, müssen Kapital- und Personengesellschaften, die von dem neuen Insolvenzrecht nicht betroffen sind, gesondert betrachtet werden. Bei ihnen stieg die Zahl der Firmenpleiten um 13 Prozent auf 24 025 Fälle. Ohne hier eine weitere zahlenmäßige Berücksichtigung von Verbraucher- und Kleinunternehmer-Pleiten vorzunehmen sei festgestellt, dass diese Entwicklung empfindliche Folgen für den ohnehin angeschlagenen deutschen Arbeitsmarkt zur Folge hatte. Bei den betroffenen Unternehmen waren zum Zeitpunkt der Insolvenz 274 000 Arbeitnehmer beschäftigt. Die Zahl der von einer Pleite betroffenen Arbeitnehmer dürfte aber weitaus höher liegen, da bei einen knappen Fünftel aller Fälle von den zuständigen Gerichten keine Angaben zu den Beschäftigten gemacht werden konnten.


Für die deutsche Volkswirtschaft entstand durch die Pleitewelle ein enormer Schaden. Die Gerichte beziffern die offenen Forderungen der Gläubiger im Jahr 2002 auf 61,5 Milliarden Euro, darunter richteten sich 51,8 Milliarden Euro gegen Unternehmen. Dies sei annähernd doppelt so viel wie im Jahr zuvor und Folge einer hohen Zahl von Großpleiten, erklärte das Wiesbadener Bundesamt. Im vergangenen Jahr hatten ja die Zeitungen monatelang über das Aus für renommierte Unternehmen wie den Baukonzern Phlipp Holzmann, den Maschinenbauer Babcock Borsig, die Kirch-Gruppe uam berichtet..

Innerhalb von fünf Jahren ist damit rein statistisch gesehen die Gesamtzahl der Insolvenzen um 150 Prozent angestiegen, die Zahl der Unternehmenspleiten um ein Viertel. Die Steigerungen für das Bruttoinlandsprodukt werden nach Einschätzung der Wirtschaftsexperten für das laufende Jahr nur noch auf 0,5 Prozent geschätzt. „Die Lage war noch nie so schlecht“ konstatiert Gunter Kayser vom IfM. Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zufolge haben 90 Prozent aller ausgeschiedenen Unternehmen weniger als 100 Mitarbeiter. Insgesamt gibt es rund drei Millionen Firmen in Deutschland, der Großteil davon sind Mittelständler. Auch der Verband der Vereine Creditreform bestätigt nach eigenen Erhebungen die aufgezeigte Entwicklung. Vor allem Handwerksbetriebe berichten von großen Problemen.

Nur sechs von hundert in einer Umfrage befragten Unternehmen wollen in diesem Jahr ihr Personal erhöhen. Jedes dritte will dagegen Mitarbeiter entlassen. Außerdem gaben zwei Drittel der Betriebe an, in diesem Jahr nicht investieren zu wollen. nnz wird sich in einem noch folgenden Beitrag speziell mit den Folgen des geänderten Insolvenzrechts, aber auch mit dem Anteil befassen, der nach Einschätzung des IfM den Managern an den Pleiten zukommt.
Autor: nnz

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