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nnz-Doku: Brücken schlagen

Sonntag, 03. Oktober 2010, 20:27 Uhr
Im Nordhäuser Theater ist am Abend an 20 Jahre deutscher Einheit erinnert worden. Dabei hielt die Nordhäuser Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) eine Ansprache, die wir innerhalb unserer doku-Reihe veröffentlichen.


Sehr geehrte Damen und Herren,

Rinke (Foto: nnz) Rinke (Foto: nnz) ich heiße Sie alle herzlich willkommen an diesem 3. Oktober des Jahres 2010 in unserem Nordhäuser Theater. Können Sie sich noch erinnern, wie es heute vor 20 Jahren in Nordhausen war? Was Sie dachten, was Sie fühlten, welche Hoffnungen Sie hatten? Waren Sie bei dem großen Volksfest auf dem Rathausplatz unter den vielen feiernden, singenden, tanzenden Menschen oder waren Sie bei der mehr besinnlichen Festveranstaltung hier im Theater? Vielleicht gehörten Sie aber auch zu denen, die zu Hause geblieben sind, weil Ihnen das alles zu schnell ging mit der Wiedervereinigung, weil Ihre Gefühle mit dem Tempo nicht Schritt halten konnten. Oder weil Ihre Skepsis schwerer wog als Ihre Hoffnung.

Ich war an diesem Abend im Theater. Am Abschluss der Festveranstaltung erklang das Deutschlandlied – wie selbstverständlich. Mir wollte der Text noch nicht so richtig über die Lippen gehen. Da saß ein Kloß im Hals und im Herzen der inständige Wunsch, endlich einmal unsere bis dahin verbotene Nationalhymne zu singen – und diesmal aus vollster Überzeugung.

Denn das war doch unser aller Wunsch und Ziel vor 20 Jahren: „Der Zukunft zugewandt, alles dafür zu tun, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.“ Und wir wollten das tolerante Selbstverständnis, das sich in den schlichten Zeilen: „Und nicht über und nicht unter andern Völkern wollen wir sein“ widerspiegelt. Wir wollten weder Herren noch Knechte, sondern endlich Freie sein, die ihr Land lieben so wie andere Völker ihr’s.

Nicht wenigen von uns bleibt es schwer begreiflich, warum nichts bleiben konnte, was uns Ostdeutsche doch auch ausmachte neben allen Verkehrten und Verqueren. Mit dem Satz „Was sich bewährt hat, hat sich bewährt“ wurde fast ausschließlich auf alt Bekanntes, westwärts Etabliertes zurückgegriffen. So wurden Chancen verpasst. Dass der Verfassungsentwurf des „Runden Tisches“ dem Tempodruck zur Wiedervereinigung geopfert werden musste, ist nur ein Beispiel.

Als die Menschen riefen: Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht gehen wir zu ihr, musste gehandelt werden. Allerdings will ich mit einem Augenzwinkern nicht verschweigen, dass wenigstens zwei Männer aus dem Osten Kultstatus im vereinten Deutschland erlangt haben: Das Sandmännchen und das grüne Ampelmännchen.
Ja, im Jahr 1990 standen die Ampeln überall auf Grün. Es ereignete sich Weltpolitik und wir waren dabei: Die ersten freien Wahlen, die Währungsunion, der 2-plus-4-Vertrag über den Abzug der sowjetischen Truppen und am 23. August der Beschluss der Volkskammer zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, am 24. September trat die DDR aus dem Warschauer Pakt aus, der 3. Oktober wurde zum Nationalfeiertag erklärt. Nun waren wir Bundesbürger. Ein Bekannter aus Süddeutschland sagte mir damals freudestrahlend: „Wie schön, nun seid Ihr auch Deutsche.“

Wir wechselten vom Sozialismus, der nie einer war, in den Kapitalismus, der jetzt erst recht einer werden konnte. So ein Zitat vom Kabarettisten Bernd-Lutz Lange. Endlich haben wir uns die Demokratie erkämpft als eine jedermann angebotene Möglichkeit für widerstreitenden politische Richtungen und ökonomische Interessen so zu wirken, dass das Gemeinwohl im Mittelpunkt steht. Wie schwer das werden würde und auf welchen langen Weg wir uns machten, ahnten wir damals nicht. Aber die Freude und der Dank über die neue Freiheit verlieh Kraft und Zuversicht.

Bürgerinnen und Bürger aus allen Berufen haben sich ins politische Geschäft drängen lassen, haben mit angepackt auf allen Ebenen, in Staat und Bürgerschaft, oft ohne jegliche Erfahrung. Jeder, der damals mit zupackte, ist unseres Respekts würdig, wenn er sich beherzt für’s Gemeinwohl einsetzte, statt mit hämischer Besserwisserei und klugen Kommentaren sich aus der Gestaltung unseres Gemeinwesens herauszuhalten. Das Wort von Jefferson „Frage nicht nur, was Dein Land für Dich tut, sondern frage auch, was Du für Dein Land tun kannst“ hat viele damals beflügelt, mit anzupacken. Jene, die wir heute auszeichnen, stehen in besonderer Weise dafür. Das Engagement in der Kommunalpolitik, das frühzeitige soziale Engagement für Kinder und Senioren, das Engagement für die Aufarbeitung des dunklen Teils der DDR-Geschichte sowie das Brückenschlagen zwischen Ost und West haben sie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Dafür werden wir sie nachher ehren.
Autor: nnz

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