nnz-Chronik: Die Schneckenzucht in Bleicherode
Samstag, 13. Januar 2001, 12:12 Uhr
Bleicherode (nnz). Die Chronik eines Ortes mit Berichten über das tägliche Leben der Bewohner, über merkwürdige Begebenheiten und Beobachtungen versetzt uns in der Lage, Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche unserer näheren Heimat aus längst vergangenen Zeiten zu verstehen und zu vergegenwärtigen. Zu allen Zeiten gab es Chronisten, meistens Kirchenmänner, die Ereignisse aufgeschrieben haben. Der Bleicheröder Pastor Friedrich Ferdinand Scheifler, der am 6. Dezember 1804 in Niederboernecke, Kreis Aschersleben, geboren wurde, als erster Töchterlehrer 1830 nach Bleicherode kam; hier am 28. Juli 1833 Diakonus wurde und 1842 starb, stellte im Jahre 1839 die ihm zugänglichen Nachrichten aus der Vergangenheit seines Wirkungsortes zusammen. In seinen "Nachrichten über Bleicherode" widmete er sich besonders der Kirchengeschichte, informierte aber auch über das alltägliche Leben im Ort.
So berichtete er u.a. von einer Hinrichtung im Jahre 1593 wo "zu Bleicherode einer von Adel namens von Horn nebst seinem Knecht Bonifacius gehängt worden ist. Der von Horn hat dem Hauptmann von Zengen, der zugegen war, zugerufen, er sollte als einer von Adel für ihn bitten, daß er nicht gehängt würde, denn es müßte ein harter Winter sein, wenn ein Wolf den anderen frißt. Darauf hat der Hauptmann von Zengen geantwortet, es würde keiner von Adel, sondern ein Dieb gehängt. Von Horn hatte seinem Vetter Pferde gestohlen". Von einer weiteren Hinrichtung berichtet der Chronist: "Im Jahre 1631 ist der in Bleicherode geborene Pastor Andreas Schütze auf dem Plan beim Rathaus durch Enthaupten hingerichtet worden, weil er Bleicherode in Brand gesteckt hatte."
Am 3. Oktober 1632 wurde der Ort von den Kaiserlichen Soldaten unter dem Kommando Pappenheims überfallen, ausgeplündert und an verschiedenen Stellen in Brand gesteckt. Bleicherode brannte völlig ab, nur das Rathaus und die Kirche blieben verschont. Die Einwohner aber verloren alles Hab und Gut. Aus der Not heraus begannen sie in den verödeten Weinbergen Schnecken zu sammeln. Der Chronist Rohr schildert 1739 diese Begebenheit nachträglich: "Vor einigen (107) Jahren haben viele Einwohner dieses Orts eine curieuse (merkwürdige) Nahrung gehabt, die wohl schwerlich an vielen Orten anzutreffen ist. Sie haben nämlich die großen Schnecken, die man zu essen pflegt, bei vielen tausend Schocken (ein Schock entspr. 60 Stück) auf hiesigen Bergen gesammelt und zusammengelesen, dieselben in ihren Gärten aufbehalten, einen Wellholzhaufen gemacht, welcher von einem Wassergraben umschlossen gewesen ist, oder sie auch nur mit Holz umlagert, damit sie nicht davonkommen können, und solche anschließend mit Kohlblättern, auch einem Kraute von solcher Art, welches im Wasser wächst, gefüttert, bis sich die Schnecken schlossen. Alsdann haben sie solche zum Verkauf in benachbarte Orte getragen. Man hat wohl ganze vierspännige Wagen voll solcher aufgefütterten Schnecken mit gutem Gewinn nach Leipzig gefahren und dort verkauft. Nachdem aber vor einiger Zeit ein solcher gewinnsüchtiger Handelsmann das Unglück gehabt hatte, daß er auf der Reise von einer warmen Witterung überrascht wurde und wie er nach Leipzig kommt, der ganze Wagen lebendig geworden ist, so daß er seinen ganzen Karren in den Kot schütten mußte. So ist hernach manchen der Appetit vergangen, sich durch die Schneckenfütterung zu bereichern." Der Nordhäuser Pastor Lesser äußert sich 1744 dazu abschließend: "...Es ist ein solcher Handel nunmehro in Abnehmen gekommen, weil man vorgibt, daß die Kosten die Mühe nicht bezahlen, welche man darauf verwenden müßte. Doch pflegen noch arme Einwohner die Schnecken zusammenzulesen und sie schockweise allhier zu Markte zu bringen."
Die Erinnerung an die Schneckenzucht ist bis heute in der Form im Volk erhalten geblieben, daß man die Bleicheröder mit Spitznamen "Schneckenhengste" nennt.
Autor: rhSo berichtete er u.a. von einer Hinrichtung im Jahre 1593 wo "zu Bleicherode einer von Adel namens von Horn nebst seinem Knecht Bonifacius gehängt worden ist. Der von Horn hat dem Hauptmann von Zengen, der zugegen war, zugerufen, er sollte als einer von Adel für ihn bitten, daß er nicht gehängt würde, denn es müßte ein harter Winter sein, wenn ein Wolf den anderen frißt. Darauf hat der Hauptmann von Zengen geantwortet, es würde keiner von Adel, sondern ein Dieb gehängt. Von Horn hatte seinem Vetter Pferde gestohlen". Von einer weiteren Hinrichtung berichtet der Chronist: "Im Jahre 1631 ist der in Bleicherode geborene Pastor Andreas Schütze auf dem Plan beim Rathaus durch Enthaupten hingerichtet worden, weil er Bleicherode in Brand gesteckt hatte."
Am 3. Oktober 1632 wurde der Ort von den Kaiserlichen Soldaten unter dem Kommando Pappenheims überfallen, ausgeplündert und an verschiedenen Stellen in Brand gesteckt. Bleicherode brannte völlig ab, nur das Rathaus und die Kirche blieben verschont. Die Einwohner aber verloren alles Hab und Gut. Aus der Not heraus begannen sie in den verödeten Weinbergen Schnecken zu sammeln. Der Chronist Rohr schildert 1739 diese Begebenheit nachträglich: "Vor einigen (107) Jahren haben viele Einwohner dieses Orts eine curieuse (merkwürdige) Nahrung gehabt, die wohl schwerlich an vielen Orten anzutreffen ist. Sie haben nämlich die großen Schnecken, die man zu essen pflegt, bei vielen tausend Schocken (ein Schock entspr. 60 Stück) auf hiesigen Bergen gesammelt und zusammengelesen, dieselben in ihren Gärten aufbehalten, einen Wellholzhaufen gemacht, welcher von einem Wassergraben umschlossen gewesen ist, oder sie auch nur mit Holz umlagert, damit sie nicht davonkommen können, und solche anschließend mit Kohlblättern, auch einem Kraute von solcher Art, welches im Wasser wächst, gefüttert, bis sich die Schnecken schlossen. Alsdann haben sie solche zum Verkauf in benachbarte Orte getragen. Man hat wohl ganze vierspännige Wagen voll solcher aufgefütterten Schnecken mit gutem Gewinn nach Leipzig gefahren und dort verkauft. Nachdem aber vor einiger Zeit ein solcher gewinnsüchtiger Handelsmann das Unglück gehabt hatte, daß er auf der Reise von einer warmen Witterung überrascht wurde und wie er nach Leipzig kommt, der ganze Wagen lebendig geworden ist, so daß er seinen ganzen Karren in den Kot schütten mußte. So ist hernach manchen der Appetit vergangen, sich durch die Schneckenfütterung zu bereichern." Der Nordhäuser Pastor Lesser äußert sich 1744 dazu abschließend: "...Es ist ein solcher Handel nunmehro in Abnehmen gekommen, weil man vorgibt, daß die Kosten die Mühe nicht bezahlen, welche man darauf verwenden müßte. Doch pflegen noch arme Einwohner die Schnecken zusammenzulesen und sie schockweise allhier zu Markte zu bringen."
Die Erinnerung an die Schneckenzucht ist bis heute in der Form im Volk erhalten geblieben, daß man die Bleicheröder mit Spitznamen "Schneckenhengste" nennt.
