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Stimmung auf dem Nullpunkt

Mittwoch, 29. Januar 2003, 13:15 Uhr
Nordhausen (nnz). Auch wenn die Bundesregierung unverdrossen Optimismus predigt: In der regionalen Wirtschaft herrscht Eiszeit. Mangelnde Inlandsnachfrage, Zurückhaltung bei den Verbrauchern, sinkende Umsätze – die Stimmung tendiert gegen Null. So eine Zustandsbeschreibung der Erfurter IHK...

Drohende Kriegsgefahr, steigende Ölpreise sowie der Abwärtstrend an den Börsen verunsichern die Unternehmer zusätzlich. Der prognostizierte Aufschwung für 2003 lässt auf sich warten. Skepsis und Lähmung kennzeichnen die Lage. Die nach unten korrigierten Wachstumsprognosen der Wirtschaftsinstitute widerspiegeln sich in den Ergebnissen der ersten IHK-Konjunkturumfrage nach der Bundestagswahl im September 2002. Der Klimaindex, der sowohl die aktuelle wirtschaftliche Lage der Unternehmen als auch die Erwartungen und Pläne berücksichtigt, erreicht nur noch 100 von 200 möglichen Prozentpunkten und fällt damit um 10 Punkte zur vorhergehenden Analyse.

Das Szenario in den 1.016 befragten Betrieben Nord- und Mittelthüringens ist düster. Dementsprechend fällt die Prognose für die kommenden Monate aus. Die wenigsten Firmen rechnen mit einer Belebung der Konjunktur. 42 Prozent der Befragten befürchten sogar, dass es noch schlimmer kommt. So deprimierend war die Stimmung noch nie. Vor der Bundestagswahl im September 2002 lag die Zahl der Pessimisten noch bei 26 Prozent.

"Das Vertrauen der Unternehmer in die rot-grüne Bundesregierung ist schwer gestört", sieht IHK-Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser eine der Ursachen für den rapiden Absturz. Steigende Sozialabgaben und höhere Steuern auf den Energieverbrauch würden die Firmen enorm belasten. Angesichts der Unsicherheiten über die politische und wirtschaftliche Entwicklung und vor dem Hintergrund sinkender Erträge sowie mangelnder Kapazitätsauslastung schreckten viele Unternehmer vor neuen Investitionen und damit verbundenen Risiken zurück. Jeder zweite hätte seine Investitionsabsichten zunächst eingefroren.
"Dies wirkt sich negativ auf die Beschäftigtenpläne aus. Lediglich 6 Prozent der Befragten wollen Personal einstellen. Da gleichzeitig 40 Prozent der Firmen einen weiteren Stellenabbau anpeilen, ist eine Zuspitzung der Arbeitsmarktlage durchaus zu befürchten", warnt Grusser.

So müsse damit gerechnet werden, dass die durchschnittliche Erwerbslosenzahl in Thüringen im Jahr 2003 nicht unter 200.000 gesenkt werden kann. Die Lage wäre noch weitaus dramatischer, gäbe es da nicht die Thüringer Industrie. Wie schon in den letzten Monaten habe sie sich als robust genug erwiesen, dem allgemeinen Abwärtstrend zu wiederstehen. Die lahmende Binnennachfrage sei mit zweistelligen Zuwachsraten im Export weitgehend ausgeglichen worden. Dennoch: Bei jedem zweiten Unternehmen wäre der Gewinn rückläufig und das Auftragspolster viel zu dünn.

Der Einzelhandel habe das bisherige Schlusslicht Bau im Konjunkturklimaindex abgelöst. Inzwischen zeigten alle wichtigen Indikatoren nach unten. Die Umsatzflaute ziehe die Branche immer tiefer in die Krise - Käufer blieben aus, Lagerbestände würden steigen. Und auch die Aussichten für 2003 seien keineswegs rosig: 72 Prozent der Einzelhändler erwarteten eine weitere Verschlechterung ihrer Geschäftslage. Zunehmende Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz würden die Konsumausgaben der Verbraucher hemmen. Steigende Renten- und Krankenversicherungsbeiträge belasteten ebenso wie höhere Benzinkosten, Strom- und Gasrechnungen das verfügbare Einkommen.

Davon seien natürlich auch die Gastronomen und Hoteliers betroffen. Umsatzeinbußen und ausbleibende Gäste ließen viele Firmen um ihre Existenz bangen. 56 Prozent arbeiteten bereits im Verlustbereich.
Auch auf dem Bau sei der Abwärtstrend ungebrochen. Nur 4 Prozent der Unternehmer beurteilten ihre Geschäftslage mit gut.

Fazit: Das Ende der konjunkturellen Talfahrt ist nicht in Sicht. Konsumausgaben werden gedrosselt und Investitionen in die Zukunft verschoben - Lähmung ist die Folge! Für 2003 rechnet die IHK Erfurt demzufolge nur mit einem geringen Wirtschaftswachstum. "Die nächsten Wochen und Monate werden entscheiden, ob es der Bundesregierung gelingt, das verlorengegangene Vertrauen der Firmenchefs zurückzugewinnen. Der Unternehmer muss wieder erkennen, dass sich Leistung und Mut zum Risiko durchaus lohnen können", fordert Grusser endlich eine Kehrtwende in der Bundespolitik.
Autor: nnz

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