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Modell mit positiver Bilanz

Montag, 10. Mai 2010, 12:24 Uhr
In ziemlich geraden Reihen haben sich die Mädchen hintereinander postiert. Rosa Cowboyhüte auf dem Kopf. Gleich zu den ersten Takten der Musik wippen sie mit den Füßen und starten die Schrittfolge, die sie in den letzten Stunden gelernt haben. Immer montags lädt Erzieherin Jana Selig die Hortkinder der Grundschule Niedersachswerfen zum Line-Dance ein...


Das ist nur eine von vielen Arbeitsgemeinschaften, die der Hort in Niedersachswerfen anbietet. Es gibt eine Computer-AG, Sport-AGs in Kooperation mit Vereinen, wie die anderen Grundschulen macht sie mit beim Handball-Projekt „Kinder von der Straße“ des Handball HFA Nord. Die Schule arbeitet mit der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr und dem Jugend-Rot-Kreuz zusammen. Neu in diesem Schuljahr ist, dass eine Honorarkraft eine Bauchtanz-AG anbietet. Ermöglicht hat das ein Modellprojekt im Rahmen des Landesprogramms zur Weiterentwicklung der Thüringer Grundschulen.

Seit September vergangenen Jahres liegt der Hort nicht mehr in der Obhut des Landes, sondern in der des Landratsamtes. Die zwölf Grundschulen in Trägerschaft des Landkreises nehmen bis Juli 2012 an einem Modelprojekt zur Hortkommunalisierung teil. „Seitdem können wir das Angebot am Nachmittag noch vielfältiger gestalten als bislang“, sagt Andrea Medzech, die im Landratsamt die Horte koordiniert. Denn nun kann der Landkreis beispielsweise qualifizierten, fachspezifischen AG-Leitern ein Honorar anbieten. In den ersten Monaten des Modellprojekts konnten die Grundschulen dem Landkreis ihren Bedarf melden.

So sind bislang 13 Arbeitsgemeinschaften auf Honorarbasis für Hortkinder entstanden, zum Beispiel in der Bleicheröder Grundschule eine Leichtathletik- und eine Fußball-AG mit Trainern des Sportvereins Glück Auf Bleicherode und eine Kunst-AG mit einer ehemaligen Lehrerin.

Außerdem wurde nach einem vorgegebenen Schlüssel untersucht, ob genügend Erzieher für die Anzahl der Hortkinder im Einsatz sind. Und das sind nicht wenige: Im Gesamtdurchschnitt besuchen zwei von drei Schülern der zwölf Grundschulen des Landkreises den Hort. An einigen Schulen liegt die Quote bei über 80 Prozent. Etwaige Personallücken können im Modellprojekt geschlossen werden.

Statt bislang 39 kümmern sich nun 44 Erzieher um die Hortkinder. Zwei Erzieher arbeiten als Springer und helfen aus, wenn kurzfristig Lücken an einer Schule entstehen. „Durch mehr Personal habe ich mehr Spielraum und junge Kollegen bringen neue Impulse mit in die Arbeit. Wir sind nun viel flexibler und können die Betreuung beispielsweise im Krankheitsfall besser absichern“, so Andrea Medzech. Die Erzieher arbeiten nicht nur im Frühhort vor Unterrichtsbeginn oder am Nachmittag, sondern auch stundenweise im Unterricht mit.

Ein deutlicher Vorteil des Schulhorts im Vergleich zu anderen Betreuungsformen am Nachmittag, wie die Horterzieherinnen einhellig finden. „Das ist unser großes Plus: Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Erziehern – das ist das A und O. Wenn ich als Erzieher mit im Unterricht bin, weiß ich, wie der Lehrer arbeitet und kann dort am Nachmittag ansetzen. Wir können uns auf kurzem Wege austauschen, auch über Stärken, Schwächen und Förderbedarf der Kinder“, sagt Sigrid Geroldt, die den Hort in der Grundschule Niedersachswerfen leitet. Das zeigt sich beispielsweise in der Hausaufgabenbetreuung.

So kennzeichnen die Erzieher, ob ein Schüler die Aufgaben allein lösen konnte oder Hilfe brauchte. Ein wichtiger Hinweis für die Lehrer. „Wenn wir merken, dass viele Kinder die Aufgabenstellung nicht verstanden haben, brechen wir auch die Bearbeitung ab und halten Rücksprache, dass dieses Thema noch einmal behandelt wird“, sagt Sigrid Geroldt. „Wir unterstützen uns auch gegenseitig bei größeren Projekten in der Schule wie kürzlich bei unserer Lesewoche, bei kulturellen Programmen wie zur Einschulung, bei Festen wie dem Schulgeburtstag oder bei Ausflügen“, ergänzt die stellvertretende Schulleiterin Carola Grützner.

Diese gute Zusammenarbeit kann Martina Schulte, Leiterin der Goeckingk-Schule Ellrich, nur bestätigen: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es ohne Hort so gut klappen würde.“ In Ellrich nehmen die Horterzieher ebenfalls genauso selbstverständlich an den Dienstberatungen teil wie die Lehrer und begleiten auch Elterngespräche. Die Palette der Angebote ist auch hier breit gefächert: So gibt es beispielsweise ein Projekt zur Lesemotivation, bei dem die Goeckingk-Schule mit dem Mehrgenerationenhaus von Lift zusammenarbeitet.

„Die Kinder sind von früh halb sieben bis nachmittags halb fünf immer gut betreut. Auch bei Freistunden und Ausfall brauchen sich die Eltern keine Sorgen zu machen“, sagt die Ellricher Hortleiterin Sabine Elle. „Durch den Hort haben die Kinder bis zur vierten Klasse gelernt, ihren Tagesablauf am Nachmittag zu gestalten. So schaffen sie das ab der fünften Klasse auch allein“, fügt Andrea Medzech hinzu. Momentan wirbt die Hortkoordinatorin für das Bundesmodellprojekt „Stups – Stark durch Spiel“, das spielerisch dem Thema Fremdenfeindlichkeit begegnet und die sozialen Kompetenzen der Kinder stärkt.

Viele ihrer Kollegen haben sich schon für diese Weiterbildung angemeldet – denn es gehöre für die Erzieher dazu, sich für das soziale Klima in der Grundschule einzusetzen. Im Eingangsbereich zu den Horträumen in der Ellricher Grundschule klebt schon seit Jahren ein Aufkleber: „Wir sagen Ja zum Hort“ steht drauf. Ein Satz, den die Erzieher – und auch die Lehrer – jederzeit unterschrieben würden.
Jessica Piper
Autor: nnz

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