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Post von Luisa (27)

Montag, 03. Mai 2010, 19:09 Uhr
Luisa Schäfer, eine junge Frau aus Niedersachswerfen, schreibt in der nnz ein ungewöhnliches Tagebuch über ihre Erlebnisse am anderen Ende der Welt. Auf dieser Tagebuchseite erzählt die junge Thüringerin von den Kindern, die sie betreut...


Inzwischen hat der Mai begonnen und damit werden hier wohl immer mehr kalte Tage kommen. Da es hier in den wenigsten Häusern Heizungen gibt, bedeutet das wohl, wieder alle dicken zur Verfügung stehenden Pullis auszugraben und zu versuchen diese alle übereinander zu ziehen. Nicht die leichteste Aufgabe, aber es funktioniert.

Auch in den Projekten wird es nun frisch. Für die Kleinen, welche ich zweimal die Woche im Kindergarten betreue, werden schon die Wolldecken herausgeholt, denn der Steinboden wird nun echt zu kalt zum spielen. Durch das Herumtollen haben sie es aber noch einigermaßen warm, im Gegensatz zu den größeren die, bloß abgetrennt von einer provisorischen Trennwand versuchen müssen ihre Hausaufgaben zu bewältigen.

Da es hier, bedingt durch die vielen Feiertage, Ferien und sonstige Ereignisse viel Schulausfall gibt, versuchen einige Lehrer dies wieder mit vielen Hausaufgaben zu kompensieren. So sitzen wir dann ziemlich lange zusammen und versuchen Zahlen schreiben zu lernen, Einkaufspreise auszurechnen oder Binomische Formeln zu erkennen. Dabei, und natürlich bei allen weiteren Sachen die wir zusammen machen, lernt man sich mit der Zeit ziemlich gut kennen. Die Kinder sind mir daher auch schon sehr ans Herz gewachsen. Und ich glaube und hoffe ich ihnen auch.

Das ist sehr toll, aber manchmal auch schwierig. Ich denke schon, dass ich für die Kinder so etwas wie ein Freund bin, aber auch in gewisser Weise ein “Lehrer“. Aber damit haben wir uns, denke ich, auch schon ganz gut abgefunden. Mit der Zeit und den wachsenden Sprachkenntnissen erfährt man nach und nach viel mehr voneinander. Die Kinder von mir und ich auch viel von ihnen. Mittlerweile kenne ich auch schon viele dazugehörige Mamas, Papas, Onkels, Tanten, Omas und Opas. Und ihre Geschichten.

Was man da zu hören bekommt, ist immer wieder erschütternd. In der Theorie ist es klar, dass hier Geld und oft damit auch die Hoffnung fehlt. Wenn man dann aber denen begegnet, die ohne sich wehren zu können unter dieser Verzweifelung leiden, ist es etwas ganz anderes. Man fühlt sich hilflos. Denn was kann man machen, wenn die eigenen Eltern es nicht schaffen dem Kind das geringste Interesse entgegen zu bringen? Was kann man sagen, wenn Zwölfjährige die Schule abbrechen, weil sie sowie keine Möglichkeit sehen jemals aus ihrem Viertel hinauszukommen? Kann man irgendwie helfen?

Um ein wenig zu verdeutlichen, wovon ich schreibe, werde ich nun einmal ein paar meiner Kinder vorstellen. Was sie ausmacht ist zu einem großen Teil, dass was sie erlebt haben. Daher kommt man um die Schwierigkeiten gar nicht drum herum! Ich habe die Namen der betreffenden Kinder geändert, aber alle Verwendeten findet man hier oft vor.

Malena, 13 Jahre alt

Malena hat nicht viel Lust auf Schule. Das ist auch nicht außergewöhnlich für ein Mädchen am Anfang der Pubertät. Da sind andere Sachen wie Mode und Jungs interessanter. Sie ist sehr aufgeweckt, lustig und frech. Was allerdings bei ihr zu Hause los ist, merkt man ihr nicht an. Also fast nicht. Als ich den ersten blauen Fleck gesehen habe und ihre Erklärung davon, dass sie diesen bekommen hat, als sie aus Versehen gegen einen Tisch gelaufen ist, habe ich ihr noch geglaubt.

Der blaue Striemen am Rücken einige Zeit später war dann aber schon des Zufalls zu viel. Das lädierte Auge war dann nicht mehr wegzureden. Nach dem Türknauf wurde dann klar, dass wohl doch die Mutter daran Schuld hatte. Die Mutter mit der sie allein in einer kleinen Hütte wohnt. Die anderen drei Geschwister wohnen alle beim Vater. Also ist Malena die einzig verbleibende Zielscheibe für alles was so schief läuft im Leben der Mutter. Was man da tun kann?

Ich erstmal allein sehr wenig, meine Kolleginnen allerdings auch nicht viel mehr. Eine von ihnen ist Psychologin und veranstaltet Elterntreffen, bei denen an die Gewaltvermeidung in der Erziehung appelliert wird. Da hört dann aber auch der Einfluss auf. Etwas wie
Jugendamt gibt es hier nicht. So lange es bei einzelnen blauen Flecken bleibt, so schlimm dies auch klingt, wird nichts unternommen. Und nicht nur Malena hat dieses Problem. Schlagen und treten sind hier gängige Erziehungsmethoden. Meist versuchen die Eltern nicht einmal mit den Kindern zu reden. Damit Ruhe herrscht haben sie effektivere Möglichkeiten.

Juliana, 6 Jahre und ihre Schwester Brisilla, 12 Jahre alt

Die beiden sind eigentlich jeden Morgen da. Dennoch ist es nicht leicht, etwas über ihr Leben zu erfahren. Die Kleine spricht nicht darüber, da die Größere schon weiß, dass viele Dinge nicht nach außen dringen sollen. Das da so einiges schief läuft ist aber leicht zu erkennen. Regelmäßig rastet Juliana aus. Die kleinste Kleinigkeit bringt sie dazu Heulkrämpfe zu bekommen oder Gegendstände durch den Raum zu schmeißen. Ab da an kümmert sich dann Brisilla um die Sache.

Die Kleinere bekommt ihre Strafe, die, da sie immer aus Schlagen oder ähnlichem besteht, natürlich die Situation nur noch verschlimmert. Natürlich versuchen wir alle darauf einzuwirken, aber das ist nicht leicht, denn man sieht immer nur die Spitze des Eisbergs. Was darunter liegt kann man nur ahnen. Sicher ist, dass es in diesem Fall eher weniger gibt was überhaupt in Ordnung ist. Der Vater war lange Zeit im Gefängnis. Nun, da er wieder frei ist, ist die ganze Familie umgezogen. Im Viertel wollten sie nicht mehr bleiben. Der Mann schlug seine Frau vor vielen Augen bewusstlos.

Das wird nicht so schnell vergessen. Da sie ohne ihn aber anscheinend nicht leben möchte, sind sie umgezogen. Doch auch dort hören nun die Probleme nicht auf. Es gibt noch einen älteren Sohn, den ich nicht kenne, der aber anscheinend ein sehr großes Drogenproblem hat. Hinzu kommt, dass es dem Vater dann doch schon wieder zu viel wurde. Also zogen die beiden Mädchen wieder zurück, diesmal zu ihren Großeltern. Das alles nimmt die beiden augenscheinlich sehr mit. Sie haben sich zwar wieder ein bisschen eingelebt, doch mal sehen wie lange der Frieden gewahrt
bleibt.

Daniel, 13 Jahre alt

Daniel hat sehr viele Geschwister. Ich kenne ihn und seinen Bruder, beides sehr intelligente und nette Jungs. Hinzu kommen wohl noch drei weitere Geschwister die zusammen mit der fast tauben Mutter im Haus wohnen. Also jedenfalls auf der einen Seite des Hauses. In der anderen wohnen noch mehr Geschwister, allerdings Halbgeschwister. Das klingt verwirrend, ist es auch. Der Vater dachte sich nämlich anscheinend, dass es günstig wäre nicht zu weit wegzuziehen nach der Trennung der Mutter. So wohnte er jetzt mit seiner neuen Frau nur ein paar Fußschritte weit weg. Wie diese Situation auszuhalten ist, das ist wirklich ein Rätsel.

Denn die älteren Kinder haben jeweils selber schon Kinder und das bedeutet, dass es einfach ein riesiges Durcheinander ist. Und was ich Haus genannt habe, verdient eigentlich nicht diese Bezeichnung. Es sind alles eher Hütte in denen die Familien in den Armenvierteln wohnen. Es werden nicht nur Zimmer sondern oft auch Betten geteilt. Einrichtung ist kaum vorhanden, mit Ausnahme eines Fernsehers. Den findet man überall, den ganzen Tag im Einsatz. Es gibt also überhaupt keine andere Möglichkeit für Daniel als zum Hausaufgaben machen in den Comedor zu kommen. Rückzugsräume für sich kennen die Kinder hier nicht.

Brisa, Jaquin, Cynthia und Marcos, zwischen 6 Jahre alt 12 Jahre

Diese vier sind die ersten Kinder die ich hier kennen lernen konnte. Sie sind toll, alle vier. Mit den größeren habe ich mich schon durch so manche Multiplikationstabelle oder Textaufgabe gekämpft. Der kleinste lernt jetzt gerade die ersten Zahlen. Ziemlich gut kenne ich auch die Mutter der vier. Sie ist einer sehr nette Frau, insgesamt wirken alle sehr glücklich. Aber auch hinter dieser Tür verbirgt sich so einiges. Es gibt da beispielsweise noch eine Tochter. Die habe ich, aber anscheinend auch die Kinder selbst erst kennen gelernt.

Sie lebt sonst bei ihren Großeltern. Die Eltern sind beide Alkoholiker. Der Alkohol ist auch schon normal für die Kinder. Alle von ihnen waren schon einmal betrunken. Wer soll da auch aufpassen, wenn beide Erziehungsberechtigten im Delirium verweilen. Seit einiger Zeit gibt es aber noch mehr Probleme. Vermutlich hat der Vater seine Frau betrogen. Die gesamte Familie prügelt auf ihn ein und das Paar wollte sich trennen. Nicht ganz leicht, wenn kein Geld da ist. Wo soll man denn hin? Ich war bei ihnen schon einmal zu Hause. Es gibt nur zwei Schlafzimmer für die sechs Personen. Die werden jetzt neu aufgeteilt werden.

Jedenfalls solange der Streit anhält. Dann sieht man vielleicht auch mal wieder öfter ein Lächeln im Gesicht der Kinder. Diese Namen und Geschichten stehen für so viele weitere. Das richtig Schlimme nämlich ist, dass dies alles nichts Ungewöhnliches ist. Selbst die Kleinen Wissen wo nachts die Drogendealer stehen und wundern sich schon lange nicht mehr darüber dass mindestens einmal am Tag die Polizei auf der Suche nach Tätern durch das Viertel kommt.

Gewalt bei der Erziehung ist ein verbreitetes Mittel. Die Eltern kennen keine anderen Methoden, sie werden es mit Sicherheit auch nicht anders erlebt haben. Die Frauen haben es hier nochmal schwerer. Oft werden sie von ihren Männern mit den Kindern im Stich gelassen. In anderen Fällen wäre es sogar besser, sie wären allein. Doch trotz allem ist es für mich schön in diesem Viertel zu sein. Mit den Kindern haben wir sehr viel Spaß. Es gibt immer wieder Projekte die versuchen Wege aufzuzeigen, Wege für eine bessere Zukunft.

So ein wenig sehe auch ich darin meine Aufgabe. Zu motivieren, Bildung als eine Chance anzusehen. Eine der wenigen die sie wohl haben werden. Daher hoffe und denke ich schon, dass man helfen kann. Und wenn es nur ein ganz kleines bisschen ist. Denn wenn ich den Kindern ein paar tolle Momente bereiten kann, dann ist das wie ich finde schon eine Menge. Und dafür gebe ich jeden Tag mein Bestes!
Autor: nnz

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