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nnz-Forum: Unter Dauerbeschuss

Montag, 08. März 2010, 09:11 Uhr
Die Regierungspartei FDP hat derzeit einen schweren Stand. Der Parteivorsitzende Guido Westerwelle nicht weniger. Auch die nnz schrieb einen wenig schmeichelhaften Artikel über sein vermeintliches Gebaren, meint ein Leser der nnz.


Zwar existiert weit verbreitet die Meinung, dass die von Herrn Westerwelle angestoßene Hartz-IV-Debatte ihrem Sinn und Inhalt nach nicht falsch sei, aber die öffentliche Kritik an der Form, wie er diese aufgeworfen hat und an seiner Person, darf getrost Verriss genannt werden.

Der FDP-Vorsitzende polarisiert. Das scheint seinerseits genau kalkuliertes Handeln zu sein. Aber auch die Medienkampagne gegen ihn läuft nach einem Regieplan ab, wobei die Art und Weise für meinen Geschmack schon mehr als grenzwertig ist. Alles weist auf eine zunehmende „Amerikanisierung“ der Wahrnehmung von politischen Diskursen in unserem Land - weg von der Sachdiskussion hin zu den Persönlichkeiten.

Beispielsweise stellt der renommierte „Spiegel“ in seiner vorletzten Ausgabe im Titelbeitrag „Herr Schrill gegen Frau Still“ die Befähigung Herrn Westerwelles als ernsthaften Politiker grundsätzlich in Frage. Die Leser der nnz können sich selbst ein Spiegelbild machen, hier ist der Link zum Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69174865.html . Eine unkonventionell Kommentierung zu diesem Artikel des „Spiegel“ findet sich in „Die kleine Zeitung“: http://kleinezeitung.de/2010/02/tabubrecher-guido-w-gegen-die-dauerhartzer/ .

Die Schlussfolgerung des SPIEGEL, dass nicht Guido Westerwelles Themen falsch seien, sondern er selbst nicht glaubwürdig, halte ich für Stimmungsmache. Damit lenkt der SPIEGEL vom eigentlichen Thema ab. Das besteht doch wohl in der Frage, wie wir es mit der sozialen Schieflage und ihren Ursachen in unserem Land halten. Stattdessen wird der CSU-Chef Seehofer zitiert (dessen Meinung über die FDP bekannt ist), wonach der FDP-Vorsitzende der „ewige Praktikant“ sei, dem die „nötige Schwere“ und die Seriosität für die große Politik abginge.

Wörter wie „Leichtmatrose“ und „Sensibelchen“ aus Seehofers Munde stehen da im SPIEGEL. Wenn so ein Spitzenvertreter einer anderen Partei in der deutschen Presse abgekanzelt würde, könnte sich der SPIEGEL vor Protesten nicht retten. Die FDP wehrt sich viel zu zaghaft und ich erwarte hier eigentlich eine offensive Erklärung der Partei in den Medien.

Sicherlich wollte Herr Westerwelle mit seiner Hartz-IV-Debatte überspitzen. Ob das gut war, sei dahin gestellt. Ich selbst bezweifle es. Der „spätrömische Dekadenz“-Vergleich zu Hartz-IV-Empfängern ist polemisch geführt und inhaltlich unsinnig. Nur, weshalb Guido Westerwelle dafür publizistisch schlachten? Wer macht schon keine Fehler? Und ihm deshalb die Politikerfähigkeit abzusprechen ist doch mindestens genau so weit überzogen wie seine Polemik.

Den Machern der nnz etwa unterlaufen auch schon mal Rechtschreib- oder Flüchtigkeitsfehler. Deshalb wird niemand Herrn Greiner die Befähigung zum Journalismus absprechen. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn die nnz-Redaktion, sagen wir mal, aus lauter Legasthenikern bestünde, die nur deshalb ihren Job haben, weil sie ihrem Geldgeber treu ergeben sind. Nicht, dass Legastheniker wegen ihrer Behinderung schlechtere oder bessere Menschen als Durchschnittsbürger wären.

Aber mit einer solchen Krankheit ist man für die Ausübung eines schreibenden Berufs im Normalfall (es gibt Ausnahmen) schwer gehandicapt. Auf den Politiker Westerwelle übertragen heißt das für die Journalisten, dass, bevor sie unisono den Stab über dem FDP-Vorsitzenden brechen, sie ihre Behauptung, er würde ständig unverzeihliche Fehler machen und sei für sein Amt ungeeignet, nachweisen und sich der direkten Auseinandersetzung mit ihm stellen sollten. Alles andere ist nicht nur journalistisch unseriös.
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: nnz

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