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Die Bilder aus „Block 4“

Mittwoch, 03. März 2010, 18:21 Uhr
Gipsfresken aus dem KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte, die über 50 Jahre als verschollen galten, sind in einem Berliner Museumsdepot wiederentdeckt worden. Derzeit werden sie in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora restauriert...


Zum 65. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager im Südharz sollen die von einem französischen Häftling gefertigten Fresken erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die farbigen Wandbilder stammen aus „Block 4“, dem Lagerschuppen einer stillgelegten Gipsfabrik, der im KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte als Häftlingsunterkunft genutzt wurde.

Die Bildmotive standen in scharfem Kontrast zum mörderischen KZ-Alltag: Zu sehen sind Szenen aus dem Märchen „Aschenputtel“. Offenbar sollte das Dargestellte Ablenkung von der grausamen Lagerrealität bieten.

Das KZ Ellrich-Juliushütte zählte zu den größten und zu den am meisten gefürchteten Außenlagern des Mittelbau-Komplexes. Im Industriegebiet am Rande der Kleinstadt eingerichtet, diente es ab Mai 1944 zur Unterbringung von KZ-Insassen, die beim Stollenvortrieb für den Bau geplanter unterirdische Flugzeugfabriken schwerste Zwangsarbeit verrichten mussten.

Die SS pferchte hier durchschnittlich 8000 Häftlinge völlig improvisiert in überbelegte, halb verfallenen Fabrikgebäude. Sanitäre Anlagen gab es kaum, Verpflegung oder medizinische Versorgung waren äußerst mangelhaft, nicht einmal Kleidung war ausreichend vorhanden. Mehr als 4000 Menschen aus allen Teilen Europas überlebten die Deportation nach
Ellrich nicht.

Im Winter 1944/45 bemalte hier der Franzose Georges Sanchidrian auf Anweisung eines von der SS eingesetzten Funktionshäftlings mehrere mit Gips verputzte Wände. Überlebende berichten von Pariser Straßenszenen, die weiterhin verschollen sind. Vermutlich schuf Sanchidrian aber auch die fragmentarisch erhaltenen „Aschenputtel“-Zeichnungen – die Märchenfigur ist in Frankreich als „Cendrillon“ bekannt.

Der Funktechniker Georges Sanchidrian, 1905 in Oran (Algerien) geboren, schloss sich nach dem deutschen Einmarsch im anfangs unbesetzten Südfrankreich im Jahr 1942 der französischen Résistance an. 1944 verhaftete ihn die Gestapo und wies in in das KZ Buchenwald ein. Von dort überstellte ihn die SS im Herbst 1944 nach Ellrich. Die Arbeit an den Fresken befreite zeitweilig von der Zwangsarbeit auf der Baustelle, rettete ihn aber letztlich nicht. Sanchidrian starb im April 1945 auf einem Todesmarsch in das KZ Sachsenhausen.

Seine Wandbilder blieben zunächst erhalten. Noch 1951 machte ein französischer KZ-Überlebender Fotos – für lange Zeit die einzigen visuellen Belege für die Fresken. Ende der 1950er Jahre musste auch die Ruine von „Block 4“ dem Ausbau der deutsch-deutschen Grenze weichen, die nach 1945 das Ellricher KZ-Gelände durchschnitt. Vor dem Abriss stellte das Ostberliner Museum für Deutsche Geschichte (heute: Deutsches Historisches Museum)
Fragmente der Wandfresken sicher und brachte sie nach Berlin.

Entstehungskontext und Überlieferungsgeschichte gerieten jedoch bald in Vergessenheit. Über Jahrzehnte galten die Fresken als verschollen. Erst 2009 führten Recherchen zur Ellricher Lagergeschichte zur
Wiederentdeckung.

In einer Sonderausstellung, die am 12. April 2010 in der ehemaligen Feuerwache eröffnet wird, präsentiert die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora die erhaltenen Gipsfresken erstmals der Öffentlichkeit.
Autor: nnz

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