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Anschlag auf Weltladen

Mittwoch, 06. Januar 2010, 08:44 Uhr
Am Silvestermorgen klingelten um 4.26 nicht die Wecker in der Kurzen Meile. Im Haus Nr. 32 und in den angrenzenden Gebäuden schreckten Menschen hoch. Kurz nacheinander, dass es einigen wie ein Schlag klang, krachten drei Steine in zwei Schaufenster und gegen die Verglasung der Eingangstür. Dazueine Betrachtung von Peter Kube in der nnz...

Anschlag auf Welt-Laden (Foto: privat) Anschlag auf Welt-Laden (Foto: privat)

Glas splitterte, zwei Scheiben gingen zu Bruch, das Türglas war gesprungen und doch im Rahmen geblieben. Drei kiloschwere Steine lagen zwischen den Scherben. Mindestens drei Täter mussten hier ihren "Spaß" gehabt haben. So nüchtern und klar, dass sie gleichzeitig und auf Kommando zielgerichtet werfen wollten und konnten. Kein versuchter Einbruch, stellte die Polizei sofort fest. Vandalismus sei es. Zerstörungslust und -wut.

Und es war nicht der einzige polizeilich wahrgenommene Vorfall mit drei Leuten in dieser Nacht, sagten aufmerksame Bewohner der Kurzen Meile, als sie beim Zusammenfegen und Wegtragen der Splitter halfen: "Da haben schon vor Mitternacht drei Leute randaliert, das konnte ich hören und sehen" und ein anderer " ... doch suchen wir möglichst alle Glasscherben, das auch Hunde sich nicht die Pfoten aufschlitzen, wenn sie morgens ausgeführt werden".

Anschlag auf Welt-Laden (Foto: privat) Anschlag auf Welt-Laden (Foto: privat)

Allein das? Es sind die Scheiben nicht irgend eines der Geschäfte in der Kurzen Meile. Der (Eine-) Weltladen des Schrankenlos e.V. Nordhausen hat hier sein zuhause. Und beruhigend für alle anderen Geschäftsleute – kein anderer Laden hat in dieser Zeit in diesem Geschäftsmeilchen etwas Vergleichbares erlebt. Das wird auch so bleiben.

Warum? Dazu einige erhellende Rückblicke:
  • Bald nach der Wieder-Eröffnung vor ca. zwei Jahren brachten wir in Körperhöhe ein Schild an, das in den Weltladen und das dazugehörige Café einladen sollte und das Anliegen kennzeichnete. Das wurde in einer vergleichbaren Nachtaktion mit roher Gewalt von der Wand gerissen, zerstückelt und einige dutzend Meter weiter verstreut. Die Fußabtritte waren noch an der Wand zu sehen. Die Polizei fand eben den Vandalismus als Beschreibung des Vorgangs. Täter unbekannt.
  • Am 27.3.2009 zogen die Naz(!)ionalisten vor dem Weltladen auf: ihre Parolen rufend tänzelten sie aufgeregt vor dem Ladeneingang, filmten und forderten heraus, fühlten sich stark und erregten sich selbst wohl am meisten. Ihre deutsche Sprache ließ zu wünschen übrig, aber das kompensierten sie locker vor ihren Damen, denen sie wie Helden erscheinen müssen.
  • Zum 1.Mai wagten sich die jungen "Nationalen" auf den Petersberg. Ihr "Protest"-Auftritt war nicht Willkommen und wurde mit einem Platzverweis beendet. Nur wenige Minuten später standen sie mit Transparenten und lauten Parolen erneut vor dem Weltladen, für die Kamera und ihre Internetseite pos(s)ierend.
  • Nach der jüngsten Meinungsäußerung in und nach der Stadtratssitzung samt einer populistisch-naiven (oder lächerlichen) Darstellung seiner Einsichten um ökonomische Zusammenhänge (Thema: Fair-trade-town oder Fair-Handels-Stadt Nordhausen) hatte der zuständige NPD-Funtionär damit geradezu Mut gemacht, seinen Worten tatkräftige Zeichen folgen zu lassen.
Sicherlich wird er Krokodilstränen zeigen, wenn er diese vandalisierende Form für ungeeignet erklären sollte (so ihn jemand fragt). Aber die ihn Wählenden sind eben nicht nur paar ver(w)irrte biedere Bürger, sondern auch der Tross "(deutsch)nationalen Widerstandes" kruder Kulturchauvinisten zwischen paar Hools, einigen NDH-Citys und vermummten nationalen Widerständlern. Jedem deutschnationali(istisch)en Biedermann stellt sich sein Brandstifter an die Seite. Freiwillig.

Tatsächlich finden sich im Weltladen eher Aktive aus dem BgR (Bündnis gegen Rechtsextremismus) als von den Nationalisten und ihren schlagkräftigen Truppen. Die müssten aber nach 'rechtem' Verständnis schon deshalb hier einkaufen (was übrigens EINER der mit ihnen ab und an Umherziehenden auch tat), um den vielen auf sie einstürmenden Ausländern deren Heimat schmackhaft zu machen. Sie würden mit ihrem Einkauf hier dafür sorgen, dass dort endlich gerechtere Löhne bezahlt werden. Aber das können wir ja in einer Gesprächsrunde und Fair-Trade-Lehrstunde bearbeiten. Dazu später.

Jetzt erstmal so viel: Die Bewohner halfen, die Scherben zu beseitigen, die SWG sorgte sich darum, dass niemand in der Silvesternacht in die Glassplitter fallen könnte, die Polizei wird Spurensuche betreiben und Indizien und Beweise sammelnd an die Täter herankommen. Dass den Tätern, wie von einigen gewünscht, die Hände ab... sollen, das sei unser Wunsch nicht. Sie sollen ihre Hände sinnvoll regen (müssen!).

Anschlag auf Welt-Laden (Foto: privat) Anschlag auf Welt-Laden (Foto: privat)

Für die Stadt ein herber Rückschlag? Was sind da ein paar Pflastersteine, bitte nicht aufbauschen und keine negativen Schlagzeilen. Ignorieren? Auch das erfreute die Täter zu sehr, gäbe ihrem Handeln ebenso jene Signalwirkung, die sie glänzen ließe als Helden patriotischer, pah – idiotischer, Selbstdarstellung mit Nachahmungseffekt. Die Stadt, die eine weltoffene, nationalistische und chauvinistische Parolen ablehnende Wirkung nach Innen und Außen vermittelt und genug Ansätze und Umsetzungen dafür aufweist, wird bessere Wege beschreiten können und wollen, als ihnen Genugtuung zu geben

Glassplitter entstehen, wenn wir nicht mehr vermitteln können, was innen, hinter den Glasfassaden der Geschäfte und Verwaltungen, Ämter und Institutionen, zum Wohle der Mitmenschen gedacht und umgesetzt werden soll. Die Populisten unter den Neo-Nazis, Nasos u.ä. meinen, leicht Argumente zu finden, um ihren nationalen Ego-Trip als Alternative zur von ihnen so bezeichneten verkommenden mittleren Wohlstandsverwaltung aufleuchten zu lassen.

Was wäre es doch für ein Wert, wenn der Neujahrsempfang der Stadt in der kurzen Meile mit fair-trade-Sekt und Säften geschähe? Das Wetter... Was wäre es, wenn Menschen sich zeigten mit Amt und Würde, mit Courage und Gemeinsinn, mit Stolz auf ihre Nordhäuser (Rest)Altstadt, um derartigem Geschehen die Pflastersteine aus der Hand zu nehmen? Kalt wäre es. Dem Wetter nach...Wenn dieser Vorschlag vielleicht nicht umsetzbar ist, ist das nicht so schlimm – dafür arbeitet die Stadt um so schneller am ersten vergebenen FAIR-TRADE-town Titel in Thüringen und seiner aktiven Weiterentwicklung.

So können wir den Tätern ihre Idiotie als solche lassen und sie ihrer ehernen Überzeugung überlassen, denn sie erzeugten den couragierten Weckruf der Stadtratssitzung aufs Neue. Danke, knallharte Jungs – das wäre zu viel, aber geschnitten habt ihr Euch selbst und uns bestärkt. Den Scherbenhaufen sollen sie sich selbst bereitet haben.

Darum sollten wir das Geschehene nicht ignorieren, das dann zu nah am akzeptieren tangiert (so was gab's immer schon, paar Idioten können wir nicht überzeugen, die gehören... oder doch dazu?).

Ein Weltladen ist so etwas wie ein Sensor dafür, sein Umsatz ein Signal in die Welt, wie ernst wir die nachhaltigere gerechtere Gesellschaft anstreben. Hier wird das Handeln für andere mit dem eigenen Vorteil ökonomisch radikal verknüpft, vergleichbar mit der Mikrokreditbewegung und andern ökonomischen Aufbrüchen, die Benachteiligte nicht entmündigen und hospitalisieren, sondern ernst nehmen.

Damit nicht genug: die mindestens drei Täter wünsche ich mir als Lernende. Ein Jahr der ihnen zustehenden Strafe sollen sie unter Auflagen mitmachen müssen (!), fair-trade-Produkte an den recht(schaffen)en Mann und die entsprechende Frau zu bringen. Wenn der Umsatz stimmt, dann solls ihr Schade nicht sein. Sie dürfen eines der vorgeschlagenen Projekte in einem anderen Land unterstützen. Wenn sie das nicht wollen, dann werden sie wohl den Geldwert anders erarbeiten müssen. Auch dazu fiele mir was ein...!

Sie werden so lange an dem halbhoch am Haus anzubringenden (das wünschen wir uns schon lange) Schild malen, bis es den stadtgestalterischen Ansprüchen gerecht wird und jede/r in die Barfüßerstraße Schauende liest: "EINE-WELT-HAUS" oder "Weltladen" oder ähnlich Sinnvolles. Werben mit dem abstoßenden, dem zerstörten und destruktiven (Selbst)Bild der Täter für das, was sie kaputtmachen wollten und statt dessen bestärken müssen. Ich zahle jedem Täter 50,--€, wenn er sich dazu freiwillig bereit erklärt.

Was wie eine Bagatellisierung klingen könnte (Vandalismus, evtl. 'jugendlicher' Leichtsinn und Übermut) traut auch dem verdummtesten Nationalisten Einsichten zu, wenn es um seinen Vorteil geht. Sozial geht nur national, sogar nur kommunal, denn weiter reicht der Horizont der meisten Menschen (außer im Urlaub) ja nicht. Doch Nordhausen hat große Möglichkeiten. Aus (Handels-) Traditionen und zukunftsweisenden Entwicklungen mit der FH z.B. ließen sich Potentiale erschließen, die regionale Interessen mit globalen Herausforderungen immer besser verknüpfen.

Ach, nun bin ich zu weit gegangen. Als wüsste ich schon, wer die Täter sind. Woher sie kommen und was sie wollten... doch es ist nur dem Vogel Strauß vorbehalten, den Kopf in den Sand zu stecken.
Peter Kube
Autor: nnz

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