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Wir brauchen einen Plan

Donnerstag, 26. November 2009, 17:56 Uhr
Die Gesellschaft, auch die im Landkreis Nordhausen, altert. Und das bringt Probleme mit sich. Für die Gesellschaft allgemein, die Politik, vor allem aber für die älter werdenden Menschen selbst. Heute wurde in Nordhausen ein Plan beraten, denn fast ein Drittel der Menschen im Landkreis Nordhausen sind 60 und älter...

Prof. Dr. Wilhelm Frieling-Sonnenberg (Foto: J. Piper) Prof. Dr. Wilhelm Frieling-Sonnenberg (Foto: J. Piper)

Für ein eindeutiges „Ja“ zur ambulanten Pflege zuhause sprach sich bei der heutigen Fachtagung zur Seniorenplanung Prof. Dr. Wilhelm Frieling-Sonnenberg (Bild) aus. Der Studiendekan des Bereichs Gesundheits- und Sozialwesen der Fachhochschule Nordhausen mit dem Fachgebiet Gerontologie, also der Wissenschaft des Alterns, hat selbst jahrelang ein Pflegeheim geleitet und sieht auch viele stationäre Einrichtungen, die hochwertige Arbeit leisten. Insgesamt argumentierte der Professor bei der Fachtagung des Fachbereichs Jugend und Soziales heute Nachmittag im Landratsamt jedoch für das Schlagwort „ambulant vor stationär“.

Auch eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung zu Hause sei möglich, so Prof. Frieling-Sonnenberg, sofern neue Wege gegangen und dafür die passenden Strukturen geschaffen werden. Hier setze er auch ein stärkeres Engagement motivierter Kommunen, die beispielsweise in Kooperation mit Wohnungsbaugesellschaften nahe Beratungs-, Betreuungs- und Pflegeangebote vor Ort einrichten – um so auch zu ermöglichen, dass ambulante Pflegekräfte nicht so viel Zeit im Auto verbringen, Zeit, die sie auch den Patienten widmen könnten.

Gerade in der kleinteiligen Stadtteilplanung könne das Knowhow von Pflegediensten gewinnbringend genutzt werden. Mit dem Ziel einer „ganzheitlichen Versorgung“ könne es vermieden werden, dass ältere Pflegebedürftige „aus ihrer Biographie herausgenommen“ werden, ihr gewohntes Umfeld also für eine vollstationäre Pflege aufgeben müssen. Dabei wirke sich zum Beispiel gerade bei Demenzerkrankten eine „vertraute Umgebung gesundheitsstabilisierend aus“, so der Wissenschaftler. Denn der Bruch in der sozialen Umgebung verstärke oft psychische Erkrankungen, auf die die Pflegeheime fachlich auch nicht ausreichend vorbereitet seien. Zudem sieht Prof. Frieling-Sonnenberg stationäre Einrichtungen finanziell nicht ausreichend ausgestattet. „Wenn wir die Entwicklung, so wie sie jetzt ist, vorantreiben, knallt uns die gesamte Heimlandschaft irgendwann um den Kopf“, so der Gerontologe.

Ähnlich wie der Fachmann wünschen sich auch die Einwohner des Landkreises Nordhausen im Alter überwiegend eine Betreuung in den eigenen vier Wänden. Laut einer repräsentativen Befragung von über 1.500 Menschen ab 50 bis über 75 Jahre aus dem Jahr 2006, wollen mehr als zwei Drittel von ihrer Familie unterstützt werden. Nicht einmal jeder Zehnte würde bei einer Beeinträchtigung in ein Pflegeheim gehen wollen. Dieses Bild verschiebt sich erst mit zunehmender Pflegebedürftigkeit. Bei Pflegestufe 3 gibt etwa jeder zweite Befragte an, er würde eine stationäre Betreuung vorziehen. Fast zwei von drei Befragten nennen als Grund dafür, dass sie niemanden zur Last fallen wollten. 45 Prozent haben Angst vor einer Vereinsamung, 40 Prozent nennen berufstätige Angehörige als Grund für den Gang ins Pflegeheim.

In den kommenden Jahren wird die Zahl der Älteren und Pflegebedürftigen im Landkreis steigen, wie Christine Wagner, Fachbereichsleiterin Jugend und Soziales, erläuterte. 2020, also in gut einem Jahrzehnt, werden nach den jüngsten Prognosen noch rund 79.000 Menschen im Landkreis Nordhausen leben, 34 Prozent davon über 60 Jahre alt. Heute sind von den rund 91.000 Einwohnern 29 Prozent über 60 Jahre alt. Als weiteres Problem komme die wachsende Altersarmut hinzu.

Noch zur Stunde diskutieren die Teilnehmer der Tagung, wie Angebote für die wachsende Zahl der Senioren zukünftig gestaltet werden können. Ziel des Landratsamtes ist es, in diesem Partizipationsprozess, auch durch die Ergebnisse der heutigen zweiten Fachtagung möglichst viele Stimmen und Ansichten in die Seniorenplanung einfließen zu lassen. Der erste Seniorenplan des Landkreises Nordhausen wird im kommenden Jahr mit Experten, Verwaltung und politischen Gremien diskutiert und soll dann auch nach der ersten Fassung weiter fortgeschrieben werden.

„Senioren sollen auch zukünftig in gesicherten Existenzen leben können“, ohne Angst, nicht die passende Hilfe zu bekommen, wenn sie etwas nicht mehr alleine können, so Fachbereichsleiterin Christine Wagner. Der Seniorenplan soll dazu beitragen, dass „jeder sagen kann, hier im Landkreis lebe ich gerne, hier fühle ich mich wohl“.
Autor: nnz

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