nnz-online

Martini 1989 und eine offene Grenze

Dienstag, 10. November 2009, 07:11 Uhr
„... haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über bestehende Grenzübergangspunkte auszureisen. Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. ...“ Gedanken von nnz-Autor Hans-Georg Backhaus.


So lautete die Antwort von SED-Politbüro-Mitglied und Pressesprecher seiner Partei Günter Schabowski auf die Frage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrmann, als dieser heute vor genau 20 Jahren nach dem Stand eines neuen Reisegesetzes fragte. Entscheidend aber war die legendäre Antwort auf die Nachfrage von Ehrmann, ab wann das denn gelte? Darauf Schabowski: „Nach meiner Kenntnis ab sofort, unverzüglich.“ Diese Nachricht verbreitetet sich wie ein Lauffeuer. Heute wissen wir, dass alles geordneter verlaufen sollte. Doch für Geschichte gibt es keine Generalprobe. Sie ereignet sich und es gibt kein zurück.

Doch was geschah vor 20 Jahren in Nordhausen? Zunächst war der 9. November in beiden deutschen Staaten der Gedenktag an die Judenpogrome der Nazis, vielen noch als so genannte „Reichskristallnacht“ in Erinnerung. Jeder mag diesen 9. November 1989 anders erlebt und in Erinnerung haben. An diesem Abend sah ich zunächst in der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens „Aktuelle Kamera“ einen Beitrag über die legendäre Pressekonferenz mit Günter Schabowski.

Die Tragweite dieser Meldung war mir damals nicht sofort bewusst. Erst einige Stunden später, als die zweite Ausgabe der „Tagesschau“ lief und Szenen von Menschenmassen zeigte, die in Berlin von Ost nach West die Mauer passierten, dämmerte es: Die Grenze ist offen! Wir diskutierten an diesem Abend recht nüchtern über das, was das Fernsehen zeigte. So verlief der 9. November 1989 bei uns.

Am nächsten Tag, es war Freitag, begab ich mich wie gewohnt zur Arbeit. Mein Betrieb war der VEB Nordstahl in der Straße der Genossenschaften. Doch an diesem Morgen war einiges anders. Wir begannen nicht gleich mit der Arbeit, sondern diskutierten über das, was am Abend zuvor und in der Nacht sich an den Grenzen abgespielt hatte.

Manch einer verließ den Betrieb, um sich beim Nordhäuser Volkspolizei-Kreisamt am Pferdemarkt ein Visum für eine Westreise zu holen. Einige kamen nach einigen Stunden strahlend zurück: Sie hatten den begehrten Stempel im Personalausweis, andere blieben dem Betrieb gleich fern und machten sich mit ihren Angehörigen sofort auf die Reise gen Westen. Ich hatte es nicht so eilig.

Doch der 10. November hat für die Nordhäuser eine ganz besondere Bedeutung: Da ist Martini! Gemeinsam mit meiner Frau und unseren drei Kindern ging es – einer langen Tradition folgend - gegen 16.45 Uhr zunächst in Richtung Dom und anschließend zur St.-Blasii-Kirche. Unweit davon befand sich das VPKA – dort standen Hunderte von Menschen geduldig nach dem Visumseintrag an.

Wir waren im Vergleich dazu ein relativ kleines Häuflein, vielleicht 150 oder 200 Kinder mit ihren Eltern aus den evangelischen und katholischen Kirchgemeinden. Viele hatten ihre Laternen dabei. Unsere Blicke waren auf das spärlich beleuchtete Rednerpult gerichtet. Dort standen Propst Joachim Jaeger, der katholische Dechant von der Domgemeinde Arno Wand und Pfarrer Günter Donath.

In den Ansprachen würdigten sie das Werk des großen Reformators Martin Luther und erinnerten zugleich an das segensreiche Wirken des Heiligen Martin, der der Überlieferung nach seinen warmen Mantel mit einem Bettler geteilt hat. Die überraschende Grenzöffnung wurde an diesem Abend auch angesprochen, spielte aber in den Ansprachen noch nicht die große Rolle – soweit ich mich erinnern kann.

Dieser 10. November 1989 war für mich zudem zu einem Nachdenktag geworden. Ein Kollege wollte mich im Anschluss an die Martins-Feier noch überreden, mit zum VPKA zu kommen. Er meinte, das mit der Grenzöffnung wäre bestimmt bald wieder vorbei. Doch das konnte ich mit nun gar nicht vorstellen, wehrte ab. Meine Gedanken gingen in das Jahr 1988 zurück.

Damals hatte ich erstmals eine Reise in einer dringenden Familienangelegenheit beantragt. Die wurde aber abgelehnt, ohne Begründung. Ab dem 10. November hätte ich fahren können. Nun wollte ich (noch) nicht. In den folgenden Tagen berichteten meine Kinder von den Fahrten ihrer Mitschüler nach den Westen.

Täglich drängelten sie: „Wann fahren wir denn endlich? Wir sind fast die einzigen von der Schule, die noch nicht im Westen waren.“ Erst 10 Tage nach Öffnung der Grenze gaben wir dem Drängen unserer Kinder nach und fuhren an einem Samstag mit einem völlig überfüllten Zug nach Herzberg – zu Verwandten.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de