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„Jako, der lange Holländer“

Freitag, 30. Oktober 2009, 07:27 Uhr
Es war eine schlichte Tüte aus Packpapier, die die Töchter bei den persönlichen Sachen des verstorbenen Vaters fanden. Die braune Hülle trug die Aufschrift „Harzungen“ und die Ziffern „54196“ – eine Nummer, die Jacobus Sanger als KZ-Häftling hatte tragen müssen. Enthalten waren Dokumente aus der Zeit der Lagerhaft und vor allem die gestreifte Häftlingskleidung aus dem Mittelbau-Außenlager Harzungen....


Ausstellung in Gedenkstätte (Foto: Dora Archiv) Ausstellung in Gedenkstätte (Foto: Dora Archiv) Diese und weitere Teile aus dem Nachlass werden nun ab Montag, dem 2. November, in einer kleinen Sonderausstellung im Foyer des Museums der Gedenkstätte gezeigt. Offenbar hatte Jacobus Sanger die Erinnerungsstücke lange Jahre sorgfältig verpackt in der Papiertüte aufbewahrt. Mit seinen Töchtern hatte er allerdings nie offen über seine KZ-Haft gesprochen. Nur durch Andeutungen erfuhren sie nach und nach vom Grauen, dass ihr Vater als junger Mann erleiden musste. Erst im Alter von 70 Jahren verfasste Sanger einen Erinnerungsbericht, der für die Familie in kleiner Auflage gedruckt wurde.

1923 als Sohn niederländischer Eltern in Indonesien geboren, wuchs Jacobus Simon Sanger in Holland auf. Seit 1942 studierte er in Enschede. Nach der Besetzung durch deutsche Truppen half er, deutsche Juden und abgeschossene alliierte Flieger über die belgische Grenze zu schleusen. Dies wurde jedoch verraten, und Sanger setzte er sich selbst nach Belgien ab. Auch dort blieb er im Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv, wurde mit seiner Gruppe erneut denunziert, verhaftet und im Gestapogefängnis brutal gefoltert.

Im Mai 1944 deportierte die Gestapo Sanger in das KZ Buchenwald und wenig später über das Lager Dora nach Harzungen. Dort leistete er zunächst schwere Zwangsarbeit beim Stollenvortrieb. Da er sich bei seiner KZ-Einweisung fälschlich als Medizinstudent ausgegeben hat, gelangte er bald als Pfleger ins Krankenrevier des Außenlagers. Im April 1945 überstand „Jako, der lange Holländer“, wie er damals genannt wurde, den Todesmarsch von Harzungen nach Bergen-Belsen.

Ende April 1945 kehrte Sanger in die Niederlande zurück. Er beendete sein Studium und heiratete eine Belgierin. Mit ihr und den beiden Töchtern emigriert er 1954 in die USA. Als Generaldirektor der Europa-Niederlassung eines großen amerikanischen Konzerns kehrte er mit Familie 1963 nach Belgien zurück. Seine ehemalige KZ-Kleidung behielt Jacobus Sanger bis zu seinem Tod im Januar 2003 in seinem Besitz.

Im Frühjahr 2008 übergaben seine beiden Töchter die braune Papiertüte samt Inhalt an die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Hier werden nun ab kommenden Montag verschiedene Stücke des Nachlasses erstmals in der Öffentlichkeit präsentiert. Im Anschluss an die Eröffnung der kleinen Ausstellung am 2. November um 18 Uhr findet im Kinosaal des Museums der Vortrag von Dr. Jens-Christian Wagner zur „Nachgeschichte“ Mittelbau-Doras statt.

Der Leiter der Gedenkstätte referiert zum Thema: "’Die Blutspur führt nach Bonn’. Die DDR-Geschichte der Mahn- und Gedenkstätte Mittelbau-Dora und die Erinnerung an das Lager in Ost und West“.
Autor: nnz

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