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Kollwitz, Hagelstange und Nordhausen

Montag, 21. Oktober 2002, 11:23 Uhr
Nordhausen (nnz). Was haben ein Schriftsteller, eine Bildhauerin und die Rolandstadt gemeinsam? Diese Frage soll in einer Woche beantwortet werden. Vorab dazu ein Beitrag von Heidelore Kneffel.


Kollwitz Wie es der blaue Kulturkalender der Stadt Nordhausen ausweist, findet am Montag, 28.10.2002, im Museum Flohburg eine Lesung "Rudolf Hagelstange über Käthe Kollwitz" statt. Zu hören sind mehrere Veröffentlichungen des Schriftstellers, die er über die Kollwitz verfasste. Die Lesung wird von Heidelore Kneffel gestaltet.


Käthe Kollwitz, die vom August 1943 bis zum 20. Juli 1944 in Nordhausen Unterkunft bei der Familie der Margret Böning erhalten hatte, schrieb vom Haus Vor dem Hagentor 2 so manchen Brief an ihre Kinder, an Verwandte, Freunde, Bekannte u. a. Diese sind in verschiedenen Publikationen veröffentlicht worden. In Nordhausen erschienen Teile daraus in "Der Nordhäuser Roland", einer Reihe des Deutschen Kulturbundes, Kreisverband Nordhausen. In der März-Ausgabe von 1959 stehen zehn Auszüge aus Kollwitz-Briefen, die in Nordhausen geschrieben wurden.

Die greise Käthe Kollwitz war auf Bitten und Drängen der Nordhäuser Künstlerin Margret Böning, Tochter des Arztes Dr. Karl Schultes, eines überzeugten Sozialdemokraten, in das Haus an der Stadtmauer gezogen. In Berlin erfolgten die Luftangriffe in immer kürzeren Abständen, so dass die Künstlerin in die ehemals Freie Reichsstadt am Harz kam, da diese sicherer schien.

In einem der Nordhäuser Briefe von K. K. lesen wir: „ ... ich bin bis Nordhausen geflohen, zusammen mit meiner Schwester, deren Tochter und Clara Stern. Hier lebe ich bei einer reizenden jungen Frau, die ich vor ein paar Wochen nur erst brieflich kannte. ... Hier in Nordhausen gibt es keine Flak, aber es gibt Nächte, in denen man stundenlang das schwere Gedröhn von Hunderten von amerikanischen Fliegern in der Luft hört. ... Aber hier, trotzdem massenhaft Flüchtlinge hier sind und unser Haus dickvoll besetzt, ist es ein Paradies gegen Berlin.“

Neben diesen Briefdokumenten liegen noch andere Zeugnisse über den Kollwitz-Aufenthalt in Nordhausen vor. Das knapp einjährige Leben der Kollwitz in der Südharzstadt wird auch in dem zweibändigen Romanwerk von dem aus Nordhausen stammenden Schriftsteller Rudolf Hagelstange literarisch verarbeitet. 1981 erschien "Das Haus oder Balsers Aufstieg", 1983 "Der Niedergang. Von Balsers Haus zum Käthe-Kollwitz-Haus". Balser ist Karl Schultes senior und derjenige, der das Haus 1909 in Nordhausen erbauen ließ.

Hagelstange wurde auch als Verfasser zahlreicher Essays bekannt. Oft stellt er darin Persönlichkeiten vor. Diese Sammlung wurde unter dem Titel "Menschen und Gesichter" veröffentlicht und enthält den Beitrag: "Mutter Kollwitz" (Käthe Kollwitz). Hagelstange schreibt darin: "Als ich der Kollwitz begegnete, war der Punkt schon gesetzt hinter ihr künstlerisches Lebenswerk. ... die großen Bombengeschwader begannen die "Coventrierung" der deutschen Städte, als ich, für einen Urlaub nach Nordhausen kommend, das Haus am Hagentor betrat und es verwandelt wiederfand ... Da saß nun die Kollwitz, weißhaarig, still, den Stock neben dem Korbstuhl, auf der schönen Terrasse, von der man gegen die alte Stadtmauer sah ..."

Am 21.01.1946 erschien in der Thüringischen Volkszeitung ein Artikel von Rudolf Hagelstange: "Käthe Kollwitz und Nordhausen/Die Beziehung unserer Vaterstadt zu einer großen Künstlerin". Darin heißt es: "... es ist ein in doppelter Beziehung sinnfältiger Vorgang, daß die Kollwitz gerade hier Aufnahme und liebevolle Pflege fand. Denn einmal war in diesem Hause ihr Name auch in den Jahren der Verfemung mit denen eines Barlach, Nolde, Feininger usw. lebendig geblieben, und zum anderen schlug das Leben in den letzten Jahren eine menschliche Brücke, die um so schneller zustande kam, als sie geistig eben schon vorhanden war. ... Warme Anteilnahme für alle menschliche Not und Sorge, hier künstlerisch und dort tätig sich äußernd, war beiden gemeinsam."

Die Kollwitz sitzt in Nordhäuserin für Margret Böning auch Modell, und nach den Skizzen und aus der Erinnerung entsteht aus Bronze der Kopf der greisen Künstlerin. Diese Plastik wurde im Juli 1946 während der II. Nordhäuser Kunstausstellung zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Außerdem entsteht eine Reliefplatte, die den Kopf der Künstlerin zeigt und darauf verweist, dass die Kollwitz in Nordhausen lebte.

In der Stadt erinnert das Haus Vor dem Hagentor 2 an den Aufenthalt der Kollwitz, eine Schrifttafel verweist darauf. Nach dem Krieg wurde die Promenadenstraße in Käthe-Kollwitz-Straße umbenannt, und 1969 erhielt die Schule in der Wilhelm-Nebelung-Straße ihren Namen. Eine im Schulhof nahe der Straße stehende Plastik von Anke Besser-Güth stellt die Kollwitz dar und der von ihr zur Maxime erhobene Goethespruch „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“ ist auf einer Rundmauer zu lesen. Eine der Schule gehörende Originalgrafik befindet sich als Leihgabe im Kunsthaus Meyenburg und zeigt die Eltern der Kollwitz.

Käthe Kollwitz verließ Nordhausen am 20. Juli 1944 und zog nach Moritzburg bei Dresden auf den Rüdenhof. Von dort schrieb sie in die Südharzstadt an Margret Böning: „An Dich und das fröhliche Tellerwaschen in Deiner Küche denke ich wie an das verlorene Paradies.“ In Moritzburg starb die „alte müde Käthe“, wie sie sich selbst bezeichnete, am 22. April 1945.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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