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Historische Waldwirtschaft wieder entdeckt

Montag, 14. September 2009, 12:01 Uhr
„Das ist eine Erfolgsquote von fast 100 Prozent. Im Moment sieht das hier sehr viel versprechend aus.“ Rolf Schiffler von der Unteren Naturschutzbehörde und André Richter vom Südharzer Tourismusverband freuen sich. Die Testphase ihres Projekts „Schneitelwirtschaft“ ist positiv gelaufen.

schneitelwirtschaft (Foto: lra) schneitelwirtschaft (Foto: lra)


Mit dem Begriff Schneitelwirtschaft können heute nicht mehr viele etwas anfangen. „Selbst gestandene Förster wussten nicht genau, was das ist. Das zeigt schon, dass es in Thüringen etwas Besonderes ist, dass die Schneitelwirtschaft bei uns praktiziert wurde“, sagt André Richter. „Schneitelwirtschaft ist eine historische Waldnutzungsform. Früher kappten die Leute bestimmte Baumarten wie Weiden oder Hainbuchen in Mannshöhe, verfütterten die jungen Triebe und nutzten größere Äste als Brennholz. Dann trieben die Bauern ihr Vieh, zum Beispiel Schweine, Kühe und Ziegen, in diese Waldgebiete. Deshalb wurden die Bäume auch in Mannshöhe geköpft, damit das Vieh die nachwachsenden jungen Triebe nicht gleich wieder fraß“, erklärt André Richter. Was aber geschieht mit dem Baum, wenn diese althergebrachte Form der „Waldgärtnerei“ nicht mehr angewendet wird? „Wenn die Triebe der Baumkrone aber immer weiter wachsen, werden sie irgendwann zu schwer. Der Baum bricht auseinander und das bedeutet dann meist das Ende des Baumes.“ Damit dies nicht geschieht, wird die Schneitelwirtschaft nun gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde und in Absprache mit den Waldeigentümern und dem Forstamt wieder belebt. Dabei geht es nicht nur darum, eine kulturhistorische Nutzungsform zu zeigen. „Die Schneitelbuchen bilden unter anderem aufgrund ihrer zahlreichen Baumhöhlen, Spalten und Risse viele natürliche Lebensräume für seltene Tiere wie Höhlenbrüter, Fledermäuse und Siebenschläfer“, sagt Rolf Schiffler von der Naturschutzbehörde im Landratsamt.

Auf drei Flächen, die der Stadt Nordhausen bzw. dem Bund gehören sowie einer Privatfläche, wurden im vergangenen Dezember die ersten rund 35 Hainbuchen nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder geköpft. Jetzt haben André Richter und Rolf Schiffler vor Ort nachgeschaut, wie sich die Hainbuchen seitdem entwickelt haben. Der Anblick überzeugt die beiden: Fast alle Bäume haben schon wieder kräftig ausgetrieben. „Das feuchte Frühjahr war da von Vorteil“, so André Richter. Nun suchen sie gemeinsam mit Landschaftspfleger Axel Becker an jedem der drei Standorte die nächsten gut 20 Kandidaten aus. „Die Bäume werden dann witterungsbedingt im Winter geköpft. Das heißt es darf nicht kälter als minus 5 Grad sein, sonst ist die Gefahr zu groß, dass die Bäume Schaden nehmen“, sagt Axel Becker. „Ermöglicht wird dieses Projekt durch ein Förderprogramm des Landes, NALAB, das gezielt für Nichtlandwirte gedacht ist“, so Rolf Schiffler. „Dadurch können wir das Projekt auch in den kommenden vier Jahren fortführen.“

Hintergrund dieser neuen Maßnahme der Landschaftspflege ist in erster Linie der Naturpark. Für den ist André Richter beim Tourismusverband e.V., der Träger des Naturparks werden soll, zuständig. „Den Hinweis auf Schneitelwirtschaft habe ich im Pflege- und Entwicklungsplan des Naturschutzgebietes Rüdigsdorfer Schweiz, einem der Standorte der Hainbuchen, gefunden“, sagt André Richter. „Derzeit befindet sich der Naturpark in Gründung, aber wir beginnen schon längst, das Projekt mit Leben zu füllen.“ Wichtig für einen Naturpark sind unter anderem Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit. An den Standorten der Schneitelwirtschaft sind dementsprechend Hinweistafeln geplant, die die kulturhistorische Waldnutzung erklären. Fragt man André Richter zum Stand der Dinge beim Naturpark Südharz, reagiert er derzeit optimistisch – auch unabhängig vom Ausgang der derzeitigen Verhandlungen in Erfurt. „Den Naturpark haben alle in ihrem Programm. Wenn es klappt, dass wir Ende des Jahres in das verwaltungsrechtliche Verfahren einsteigen, dann könnte der Naturpark Mitte 2010 ausgewiesen sein. Die naturschutzfachliche Arbeit ist getan. Über die Hälfte der angestrebten 30.000 Hektar Fläche sind Naturschutz-, Landschaftsschutzgebiete – eine Voraussetzung für Naturparke.“ Die wieder entdeckte Schneitelwirtschaft der Hainbuchen soll dann einer von vielen Bausteinen werden, der Einheimische und Touristen in den Naturpark Südharz lockt.

Autor: nnz

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