nnz-online

NNZ-SERIE „WENDE-ZEITEN“ (Teil 10)

Donnerstag, 17. September 2009, 07:01 Uhr
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus beschreibt in diesem zehnten Teil den Kampf der Kräfte und das Ringen um Gewaltlosigkeit.


Es war nur allzu verständlich, dass euphorischer Jubel und Aufbruchstimmung während dieser Tage und Wochen vorherrschten. Doch galt es parallel dazu, die Lösung der Tagesprobleme auf die Agenda zu setzen. Dazu brauchte es ein demokratisches Forum, dass einerseits dafür sorgen sollte, den Willen des Volkes umzusetzen und andererseits Desorientierung und Chaos im Kreis Nordhausen verhinderte. Die gemeinsamen Bemühungen zwischen den etablierten Kräften und den Bürgerbewegungen waren nicht vergebens. Doch noch bevor im Kreis Nordhausen ein Runder Tisch aus der Taufe gehoben werden konnte, fand ein richtungsweisendes Treffen statt, das in der Öffentlichkeit kaum bekannt wurde.

Der Kalender zeigte den 26. Oktober 1989 an. In der Kantine des Rates des Kreises Nordhausen (jetzt wieder Gaststätte „Ratskeller“) hatten sich am frühen Abend Menschen unterschiedlichster politischer Couleur versammelt: Vertreter des Staatsapparates, der SED-Kreisleitung, der Blockparteien, der Evangelischen Kirche und der Bürgerbewegung Neues Forum. Dazu eingeladen hatten der Vorsitzende des Rates des Kreises Nordhausen, Klaus Hummitzsch, und der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Nordhausen, Udo Mann. Sie handelten damit gegen die Weisung der SED-Führung in Berlin, die jegliche Treffen und Gespräche mit Oppositionsgruppen zuvor untersagt hatte.

In dieser nächtlichen Gesprächsrunde, die von ernsthaften, richtungsweisenden und in großer Offenheit geführten Diskussionen geprägt war, wurden die Grundlagen für einen friedvollen Verlauf künftiger Aktionen im Kreis Nordhausen gelegt. Gleichzeitig war es der Beginn einer Sicherheitspartnerschaft zwischen den Einwohnern des Kreises, der Bürgerrechtsbewegung, den etablierten Kräften und den Angehörigen der Deutschen Volkpolizei des Kreises Nordhausen – einzigartig für eine Revolution, aber unabdingbar für einen friedlichen Wandel im Südharzkreis.

Dieses Treffen war aber auf massiven Druck der Nordhäuser Oppositionsgruppen zustande gekommen, die u.a. mit einem Generalstreik drohten, wenn nicht alsbald ihre berechtigten Forderungen nach Auflösung der Betriebskampfgruppen, der Zurückdrängung des Einflusses der SED in den Betrieben, der Entmachtung der Stasi und freie Nutzung der örtlichen Presse erfolgen sollte. Zugleich war die Zusammenkunft auch der Risikobereitschaft und Einsicht der beiden Vertreter der Staats- und Parteimacht des Kreises Nordhausen, Klaus Hummitzsch und Udo Mann, zu verdanken.

Der Gesprächsrunde gehörten weiter an: das Mitglied des Sekretariats der SED-Kreisleitung Bernd Kramer, der Propst der Propstei Südharz, Joachim Jaeger, die Pfarrer Rudolf Rüther aus Nordhausen und Ulrich Hering aus Neustadt/Harz, der Kreiskatechet i.R. und CDU-Mitglied Herbert Gerhardt, der Referent für Kirchenfragen beim Rat des Kreises, Lothar Stein, der Betriebsleiter des VEG Tierzucht Nordhausen, Dr. Johann Franz, der Ärztliche Direktor des Maxim-Zetkin-Krankenhauses, Prof. Dr. Joachim Reichel sowie die Mitglieder der Bürgerbewegungen des Kreises Nordhausen Gisela Hartmann, Jutta Wehmann, Anneliese Weicker, Erdmute-Maria Neubert, Dagmar Jendricke, Marianne Hitzing, Thomas Pape, Mathias Thürp, Peter Söldner, Andre Schulz und Wolfgang Hentze.

Bürgerrechtler verhindern Verbrennung

Die neuen Bürgerrechtsbewegungen erregten mitunter auch durch spektakuläre Aktionen öffentliches Interesse und gewannen damit an Akzeptanz unter der Bevölkerung. Als eine der letzten Bastionen des alten System galt die bis in die ersten Tage des Dezembers 1989 noch tätige Stasi, die von der neuen Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow (SED) am 17. November 1989 in das Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt wurde.

So erreichte in den Abendstunden des 4. Dezember 1989 Mitglieder des Demokratischen Aufbruchs und des Neuen Forums die Nachricht aus Erfurt, die Stasi/Nasi-Dienststellen hätten Anweisung erhalten, geheime Unterlagen zu vernichten bzw. abzutransportieren. Am selben Tag waren durch Nordhäuser Bürger abgestellte Fahrzeuge am Taschenberg (in der Nähe befand sich das Wehrkreiskommando) beobachtet worden, die offenbar in der Nacht zum Einsatz kommen sollten.

Bürgerrechtler schlugen darauf hin Alarm und informierten eiligst weitere Mitstreiter anderer Gruppierungen und kirchliche Initiativgruppen. Alles strömte in Richtung Kurt-Fischer-Straße (heute wieder Ludolfingerstraße) zum Gebäude der Kreisdienststelle der Stasi/Nasi. Dort begehrten sie Einlass, der ihnen zunächst verwehrt wurde. Schließlich wurden ihnen die Türen geöffnet. Durch beherztes Handeln der Bürgerrechtler konnte somit verhindert werden, dass Dokumente der Stasi in größeren Mengen ein Raub der Flammen wurden.

Bürgerrechtsgruppierungen gab es nicht nur in Nordhausen. In der Bergarbeitergemeinde Sollstedt etablierte sich die Bürgerinitiative Sollstedt (BIS) unter Vorsitz von Jürgen Hohberg, der bis heute das Amt des Bürgermeisters inne hat. Ortsgruppen des Demokratischen Aufbruchs bzw. des Neuen Forums entstanden zudem in Heringen, Obergebra, Wülfingerode und Neustadt/Harz. Die DA-Ortsgruppe im Harzkurort wurde von Pfarrer Ulrich Hering geleitet und zählte zeitweise weit über 20 Mitglieder.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de