NNZ-SERIE WENDE-ZEITEN (Teil 9)
Montag, 14. September 2009, 07:00 Uhr
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus wendet sich in diesem neunten Teil einem Zettel in der Jackentasche zu. Oder: Das Wunder des 9. November.
Die Ereignisse in der DDR überstürzten sich. Auf einem Plenum des Zentralkomitees der SED am 18. Oktober 1989 wurde Erich Honecker als Partei- und Staatschef abgesetzt. Nachfolger wurde Egon Krenz. Unmittelbar nach seiner Wahl sprach Krenz im Fernsehen zu den Bürgern der DDR. Hier verwendete er in mehreren Passagen erstmals das Wort Wende. Die Ansprache ging später als so genannte Wende-Rede in die Geschichte ein. Zur größten Protestveranstaltung in Ost-Berlin kam es am 4. November. Künstler hatten dazu aufgerufen und weit über eine Million Menschen nahmen daran teil.
Am 7. November trat die gesamte Regierung unter Ministerpräsident Willi Stoph zurück. An diesem Tag hatten sich wieder ca. 35.000 Menschen auf dem August-Bebel-Platz zur Kundgebung eingefunden, die u. a. den Rücktritt der Regierung bejubelten. Nur einen Tag später folgte geschlossen das Politbüro des ZK der SED, jenes Organ, das das eigentliche Machtzentrum in der DDR gebildet hatte. Ein neues Politbüro wurde gewählt. U.a. gehörte Günter Schabowski wieder diesem Gremium an und fungierte zugleich als dessen Pressesprecher.
Auf einer tags darauf einberufenen und zunächst belanglosen Pressekonferenz, die sich bereits ihrem Ende zuneigte, fragte der italienische Journalist Riccardo Ehrman, der offensichtlich über Insiderwissen verfügte, nach dem Stand der Ausarbeitung eines neuen Reisegesetzes. Schabowski schien auf diese Frage nicht vorbereitetet gewesen zu sei. Sichtlich verunsichert griff er in seine Jackentasche, holte einen Zettel heraus und überraschte die anwesenden Vertreter der internationalen Presse – sich noch fragend umsehend - mit folgender Nachricht:
Ich habe da noch etwas, aber das ist sicher schon bekannt? - Nach reiflicher Abwägung haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über bestehende Grenzübergangspunkte auszureisen... Und fuhr fort: Privatreisen ins Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Auf die Nachfrage des selben Journalisten, ab wann das denn gelte, antwortete Schabowski etwas zögerlich: Ab sofort, unverzüglich. Die Nachricht des Jahrhunderts verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Doch eigentlich war alles anders geplant: Die Bekanntmachung des neuen Reisegesetzes war nämlich mit einem Sperrvermerk versehen. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) sollte diese Meldung erst am folgen Tag – also am 10. November 1989 um 4.00 Uhr morgens - verbreiten. Gerhard Lauter, zu dieser Zeit Abteilungsleiter im DDR-Innenministerium, hatte gemeinsam mit weiteren Kollegen die Aufgabe erhalten, binnen weniger Stunden ein neues Reisegesetz zu erarbeiten, nachdem ein bereits erstellter Entwurf in der Öffentlichkeit auf massive Ablehnung gestoßen war.
Der Auftrag dazu kam von DDR-Innenminister Friedrich Dickel. Der wiederum hatte ihn vom SED-Politbüro erhalten. Doch die verständliche Neugier eines Journalisten am Ende einer Pressekonferenz und ein unüberlegter Griff eines Pressesprechers in seine Jackentasche ließen den Gang der Geschichte (wieder einmal) völlig anders verlaufen als ursprünglich geplant. Und so bescherte dieser Abend der Welt, insbesondere aber dem deutschen Volk, ein neues Wunder - das Wunder des 9. November.
Die Mauer wurde geöffnet, Schlagbäume gingen auf. Deutsche aus Ost und West begegneten sich in dieser Nacht und an den folgenden Tagen und feierten Freudenfeste. Alle Hände voll zu tun hatten tags darauf republikweit die Volkspolizei-Kreisämter. Das Nordhäuser VPKA am Kornmarkt blieb da nicht verschont. Den Bürgern wurde in ihre Personalaisweise ein Stempeleintrag mit dem Vermerk Halbjahresvisum zur mehrmaligen Ausreise gedrückt. Schlangen bildeten sich ebenso vor den Filialen der Staatsbank, warteten doch auf jeden Westreisewilligen 15 DM Reisegeld. Noch mehr gab es im anderen Teil Deutschlands. Jeder DDR-Bürger wurde hier mit 100 DM Begrüßungsgeld empfangen.
Die bundesdeutschen Behörden hatten in Windeseile operative Auszahlstellen eingerichtet. Wichtigste Ziele der Südharzer in den ersten Wochen der Grenzöffnung waren die Ortschaften Walkenried, Hohegeiß, Tettenborn sowie die Städte Bad Sachsa, Bad Lauterberg, Duderstadt und Herzberg. Jubel und Freude, Aufgeschlossenheit und Herzlichkeit überwogen überall. Vielerorts luden eingerichtete Tee- und Kaffeestuben zur Begegnung ein. Firmen aus dem Südharzer Raum bauten faktisch über Nacht auf der Westseite - zunächst provisorisch – Straßen und Wege in Richtung Grenze aus.
Die Deutsche Reichsbahn bat die Bundesbahn um Züge, denn auf den grenznahen Bahnhöfen – auch auf dem Nordhäuser - wimmelte es von Menschen, die geduldig darauf warteten, erstmals gen Westen reisen zu dürfen. Auf Autobahnen und Fernverkehrsstraßen rollen – mitunter nur im Schritttempo - endlose Fahrzeugkolonnen in jene Richtung, die über Jahrzehnte für die Mehrheit der DDR-Bürger versperrt gewesen war.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnzDie Ereignisse in der DDR überstürzten sich. Auf einem Plenum des Zentralkomitees der SED am 18. Oktober 1989 wurde Erich Honecker als Partei- und Staatschef abgesetzt. Nachfolger wurde Egon Krenz. Unmittelbar nach seiner Wahl sprach Krenz im Fernsehen zu den Bürgern der DDR. Hier verwendete er in mehreren Passagen erstmals das Wort Wende. Die Ansprache ging später als so genannte Wende-Rede in die Geschichte ein. Zur größten Protestveranstaltung in Ost-Berlin kam es am 4. November. Künstler hatten dazu aufgerufen und weit über eine Million Menschen nahmen daran teil.
Am 7. November trat die gesamte Regierung unter Ministerpräsident Willi Stoph zurück. An diesem Tag hatten sich wieder ca. 35.000 Menschen auf dem August-Bebel-Platz zur Kundgebung eingefunden, die u. a. den Rücktritt der Regierung bejubelten. Nur einen Tag später folgte geschlossen das Politbüro des ZK der SED, jenes Organ, das das eigentliche Machtzentrum in der DDR gebildet hatte. Ein neues Politbüro wurde gewählt. U.a. gehörte Günter Schabowski wieder diesem Gremium an und fungierte zugleich als dessen Pressesprecher.
Auf einer tags darauf einberufenen und zunächst belanglosen Pressekonferenz, die sich bereits ihrem Ende zuneigte, fragte der italienische Journalist Riccardo Ehrman, der offensichtlich über Insiderwissen verfügte, nach dem Stand der Ausarbeitung eines neuen Reisegesetzes. Schabowski schien auf diese Frage nicht vorbereitetet gewesen zu sei. Sichtlich verunsichert griff er in seine Jackentasche, holte einen Zettel heraus und überraschte die anwesenden Vertreter der internationalen Presse – sich noch fragend umsehend - mit folgender Nachricht:
Ich habe da noch etwas, aber das ist sicher schon bekannt? - Nach reiflicher Abwägung haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über bestehende Grenzübergangspunkte auszureisen... Und fuhr fort: Privatreisen ins Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Auf die Nachfrage des selben Journalisten, ab wann das denn gelte, antwortete Schabowski etwas zögerlich: Ab sofort, unverzüglich. Die Nachricht des Jahrhunderts verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Doch eigentlich war alles anders geplant: Die Bekanntmachung des neuen Reisegesetzes war nämlich mit einem Sperrvermerk versehen. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) sollte diese Meldung erst am folgen Tag – also am 10. November 1989 um 4.00 Uhr morgens - verbreiten. Gerhard Lauter, zu dieser Zeit Abteilungsleiter im DDR-Innenministerium, hatte gemeinsam mit weiteren Kollegen die Aufgabe erhalten, binnen weniger Stunden ein neues Reisegesetz zu erarbeiten, nachdem ein bereits erstellter Entwurf in der Öffentlichkeit auf massive Ablehnung gestoßen war.
Der Auftrag dazu kam von DDR-Innenminister Friedrich Dickel. Der wiederum hatte ihn vom SED-Politbüro erhalten. Doch die verständliche Neugier eines Journalisten am Ende einer Pressekonferenz und ein unüberlegter Griff eines Pressesprechers in seine Jackentasche ließen den Gang der Geschichte (wieder einmal) völlig anders verlaufen als ursprünglich geplant. Und so bescherte dieser Abend der Welt, insbesondere aber dem deutschen Volk, ein neues Wunder - das Wunder des 9. November.
Die Mauer wurde geöffnet, Schlagbäume gingen auf. Deutsche aus Ost und West begegneten sich in dieser Nacht und an den folgenden Tagen und feierten Freudenfeste. Alle Hände voll zu tun hatten tags darauf republikweit die Volkspolizei-Kreisämter. Das Nordhäuser VPKA am Kornmarkt blieb da nicht verschont. Den Bürgern wurde in ihre Personalaisweise ein Stempeleintrag mit dem Vermerk Halbjahresvisum zur mehrmaligen Ausreise gedrückt. Schlangen bildeten sich ebenso vor den Filialen der Staatsbank, warteten doch auf jeden Westreisewilligen 15 DM Reisegeld. Noch mehr gab es im anderen Teil Deutschlands. Jeder DDR-Bürger wurde hier mit 100 DM Begrüßungsgeld empfangen.
Die bundesdeutschen Behörden hatten in Windeseile operative Auszahlstellen eingerichtet. Wichtigste Ziele der Südharzer in den ersten Wochen der Grenzöffnung waren die Ortschaften Walkenried, Hohegeiß, Tettenborn sowie die Städte Bad Sachsa, Bad Lauterberg, Duderstadt und Herzberg. Jubel und Freude, Aufgeschlossenheit und Herzlichkeit überwogen überall. Vielerorts luden eingerichtete Tee- und Kaffeestuben zur Begegnung ein. Firmen aus dem Südharzer Raum bauten faktisch über Nacht auf der Westseite - zunächst provisorisch – Straßen und Wege in Richtung Grenze aus.
Die Deutsche Reichsbahn bat die Bundesbahn um Züge, denn auf den grenznahen Bahnhöfen – auch auf dem Nordhäuser - wimmelte es von Menschen, die geduldig darauf warteten, erstmals gen Westen reisen zu dürfen. Auf Autobahnen und Fernverkehrsstraßen rollen – mitunter nur im Schritttempo - endlose Fahrzeugkolonnen in jene Richtung, die über Jahrzehnte für die Mehrheit der DDR-Bürger versperrt gewesen war.
Hans-Georg Backhaus

