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NNZ-SERIE: WENDE-ZEITEN (Teil 8)

Donnerstag, 10. September 2009, 07:01 Uhr
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus beschreibt in diesem achten Teil die Kraft von Andachten, Gebeten, Demos und Kerzen.


Auch in der Südharz-Region waren Anzeichen eines Aufbruchs u.a. auch in Folge der massiven Wahlfälschungen deutlich spürbar. So fanden sich vielerorts Menschen zusammen, die nach Auswegen aus der verfahrenen Situation suchten, die sich Gedanken drüber machten, wie die DDR zu einem wahrhaft demokratischen und sozialistischen deutschen Staat werden könne. Sie wollten „eine DDR zum wohlfühlen“, wie es der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer (Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, später Wechsel zur SPD) einmal formulierte.

In der Nordhäuser Riemannstraße 13 trafen sich im Frühsommer 1989 eine Handvoll Leute: Thomas und Detlef Müller, Pfarrer Ulrich Hering aus Neustadt/Harz und Gastgeberin Erdmute-Maria Neubert mit ihrer Tochter Elisabeth Distel. Dort saßen sie oft bis spät in die Nacht hinein und redeten über Gott und die Welt, Vor allem aber über dieses Land. Sie diskutierten und stritten und dachten nach, was in der DDR verändert werden müsste, und vor allem wie und mit wem. Bei ihren Zusammenkünften mussten sie stets auf der Hut vor den Informanten der Staatssicherheit sein.

Als guter Freund und Ratgeber erwies sich für die kleine Gruppe der Bruder von Erdmute Neubert, der Soziologe und Theologe Erhart Neubert aus Berlin. Er weilte des öfteren in der Rolandstadt. Durch seine Tätigkeit als evangelischer Studentenpfarrer Ende der 1970er-/Anfang der 1980er Jahre hatte er gute Kontakte zu den schon seit mehreren Jahren bestehenden Friedensgruppen in Weimar und Jena, deren Mitglieder vor allem Studenten waren, und zur Gruppe Böhlener Plattform. Diese Verbindungen wurden im Sommer 1989 beträchtlich intensiviert. Der kleinen Nordhäuser Oppositionsgruppe kam dies insofern zugute, als fortan Meinungen und Informationen regelmäßig untereinander ausgetauscht werden konnten. Da bei Telefongesprächen aber immer die Gefahr des Abhörens durch die Stasi bestand, wendeten die Bürgerrechtsgruppen oft eine verschlüsselte Sprache an.

Gründung des Neuen Forums und des Demokratischen Aufbruchs
Doch derlei Treffen und Aktionen waren keinesfalls die einzigen Vorwendeaktivitäten. Mutige Pfarrer, vor allem evangelische (die katholische Kirche hielt sich lange Zeit sehr zurück), luden republikweit zu Andachten in ihre Gotteshäuser ein. Zu den bekanntesten zählten zweifellos Pfarrer Christian Führer von der Leipziger Nikolaikirche und der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, der aus Protest gegen die Stationierung atomarer Raketen der NATO und des Warschauer Paktes in einer spektakulären Aktion 1983 gemeinsam mit Freunden ein Schwert symbolisch zu einer Pflugschar umgeschmiedet hatte.

Und in der nördlichsten Stadt des Bezirkes Erfurt gab es Aktionen im Rahmen der jährlich stattfindenden kirchlichen Friedensdekade, wenn auch zunächst weniger spektakulär. Waren es anfangs noch wenige, die die Andachten und Gesprächsabende besuchten, so wuchs deren Zahl schon bald sprunghaft an. Man traf sich zum gemeinsamen Gebet, Gesang und Gespräch. Wichtigste Orte der Begegnung waren die Altendorfer Kirche und die Frauenberg-Kirche. Viele, die nun kamen, hatten seit Jahren kein Gotteshaus mehr von innen gesehen.

Doch aus der Gemeinschaft heraus wuchsen Mut, Kraft und der Wille, die Sprachlosigkeit zu überwinden. In der Folgezeit wurden die Andachten mehr und mehr zu Foren der Klage und Anklage. Menschen aus dem gesamten Kreis nutzten die Zusammenkünfte in beiden Kirchen zum intensiven Gedankenaustausch und informierten die Anwesenden oft über erschreckende Geschehnisse in anderen Teilen der Republik. Doch sannen sie auch nach Möglichkeiten, mit Vertretern des Staatsapparates, der SED und Reformkräften der Blockparteien ins Gespräch zu kommen, zumal erkennbar war, dass sich der Konflikt zwischen Volk und Staatsmacht zuzuspitzen drohte. Am 10. Oktober 1989 wurde eine Sprechergruppe gewählt, welche die Belange der Bürger gegenüber den staatlichen Instanzen vertreten sollte. Es galt als Gebot der Stunde, dass das Einklagen von Grundrechten und Freiheiten und gesellschaftlichen Veränderungen nur friedvoll zu erfolgen hatte. Doch um dies zu erreichen, bedurfte es einer gebündelten Kraft des Volkes.

Es war deshalb nur folgerichtig, das schon wenig später die Gründung von Ortsgruppen des Neuen Forums (am 22. Oktober 1989) und des Demokratischen Aufbruchs (am 31.10.1989) in der Rolandstadt vollzogen wurde. An der Spitze der neuen Bürgerbewegungen standen Thomas Pape, Volker Erb, Mathias Thürp, Gisela Hartmann, Dietlinde Rüther, Erdmute-Maria Neubert, Jutta Wehmann, Dagmar Jendricke, Winfried Theuerkauf, Dr. Klaus Gebhardt, Thomas Müller sowie Propst Joachim Jaeger und die beiden Pfarrer Rudolf Rüther und Peter Kube.

Erster Höhepunkt für die Bürgerbewegungen in Nordhausen war der 24. Oktober 1989. Mehrere hundert Menschen demonstrierten im Anschluss an den Fürbittgottesdienst in der Altendorfer Kirche durch die Altstadt, vorbei am Volkspolizei-Kreisamt zum Rat des Kreises, Markt 15. Viele hielten als Symbol der Friedfertigkeit Kerzen in den Händen und sangen „We shall overcome“ (Wir werden es überwinden). Obwohl die Demonstration nicht angemeldet war, griff die Polizei nicht ein. Schon eine Woche später waren es einige Tausend, die durch das Nordhäuser Stadtzentrum zogen. Der August-Bebel-Platz und die Halle der Freundschaft auf dem Petersberg wurden fortan immer dienstags und donnerstags zu Stätten der Demokratie.

Von diesen Orten aus taten die Sprecher des Neuen Forums, des Demokratischen Aufbruchs, der Sozial-Demokratischen Partei in der DDR (SDP) und Einzelpersonen – hier machte besonders der 80-jährige Alfred Heise mit bemerkenswerten Wortmeldungen auf sich aufmerksam - unüberhörbar ihre Fragen und Forderungen an die Verantwortlichen der Stadt, des Kreises, der SED-Kreisleitung, der Kreisdienststelle der Staatssicherheit sowie der Blockparteien kund. Der von Leipzig ausgehende Ruf Wir sind das Volk! rüttelte das ganze Land auf und schallte von nun an auch über Straßen und Plätze des Kreises Nordhausen. Die Zeit des Betens und Klagens in Kirchen und Gemeindehäusern war vorbei, angebrochen war die Zeit der Demos und Kundgebungen.

Die Rolandstadt machte da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil! Nordhausen gehörte zu den Kreisstädten, an denen selbst die DDR-Medien nicht vorbei kamen. So berichtete die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ mehrmals über die machtvollen Kundgebungen auf dem August-Bebel-Platz. Nicht selten demonstrierten hier weit über 30.000 Menschen – ein gutes Viertel der Einwohner des Kreises Nordhausen.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

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