nnz-online

Der Heizpilz

Donnerstag, 03. September 2009, 16:21 Uhr
Heute meldet sich bei unser Leser Eric Sommer zu Wort, der eine amüsante, aber auch sehr nachdenklich machende Geschichte zum Heizpilz schrieb. Auch im Kyffhäuserkreis tauchen diese Geräte jetzt öfter auf..

Wenn sich der Goldgelbe Kuhschellenknollenröhrling und der Grüne Knollenziegenseitling und all seine Kollegen der Gattung "Herbstpilze" stumm durch die modernde Bodenschicht der deutschen Laubwälder quälen, dann ist es wieder so weit, dann werden sie wieder hinausgetragen aus den muffigen Kellern der aufstrebenden Altstadtteile kleiner Großstädte und großer Kleinstädte, dann sprießen sie den Waldpilzen gleich auf dem aus fernen Ländern auf nepalesischen Billigfrachtern über weite Weltmeere verschifften und durch polnische Fachkräfte sachgerecht verlegten chinesischen Granitpflastersteinen der engen Gassen historischer Kneipenviertel.

Während die mit Millionenaufwand und Unsummen staatlicher Zuschüsse sanierten, hochgradig wärmegedämmten Gebäude nun fast ohne Energie auskommen, stehen vor ihren Türen in Gestalt gasbetriebener Heizpilze unglaubliche Energieschleudern, die mit fossilen Brennstoffen die Atmosphäre heizen, um für die darunter sitzenden Menschen etwas Atmosphäre zu schaffen. Unermüdlich produzieren sie Kohlendioxid und blasen heiße Luft zwischen die engen Häuserschluchten. Die Menschen wollen sich nicht, ihren Vorfahren gleich, in höhlenartigen Kaschemmen verkriechen, um heißen Tee oder süßen Grog zu schlürfen. Sie wollen eins sein mit der Natur und ganzjährig ihr gekühltes Bier genießen. Also sitzen sie draußen bei 15 Grad, bei fünf Grad und auch bei null Grad.

Dem Heizpilz ist es recht, der Heizpilzindustrie auch und den Gaslieferanten ohnehin. Längst überschwemmen Heizpilzbilligangebote die Baumärkte, längst hat der Heizpilz sein Nischendasein verlassen und unaufhaltsam dringt er vor auf die Terrassen der Reihenhäuser und die Balkone der Wohnblocks. Clevere Marketingstrategen haben den Volksheizpilz erfunden und unter dem Slogan "Nie mehr Schnee schippen" hat längst die Produktdiversifikation eingesetzt. Mittelklasseheizpilze können jetzt ohne Gesundheitsrisiko bis minus 30 Grad verwendet werden. Der Trend geht zum Zweitheizpilz und der neueste Schrei sind Heizpilze mit Kühlaggregat. Diese haben den Vorteil, dass man sie bis in den Sommer hinein nutzen kann.

Für Umweltbewusste gibt es den Kombiheizpilz nun auch mit Wärmepumpe und in der Energieeffizienzklasse A. Aus keinem Lebensbereich ist er mehr wegzudenken. Selbst aus dem Rauchverbot in Gaststätten zog der Heizpilz seinen Gewinn und wärmt seitdem die schlecht durchbluteten Glieder unverbesserlicher Nikotinsüchtiger vor den Kneipen und Imbissstuben. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Politik feststellt, dass man der Plage nur noch mit einer Heizpilzsteuer Herr werden kann und dass Heizpilze einen Katalysator, einen Feinstaubfilter und eine jährliche Inspektion durch den örtlichen Schornsteinfeger brauchen.
©ES
Autor: khh

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de