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nnz-Serie: Wende-Zeiten (2)

Donnerstag, 20. August 2009, 07:00 Uhr
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus hat nicht nur die Ereignisse des Jahres 1989 aufgearbeitet, sondern blickt in diesem zweiten Teil VEB, FORUM-Schecks und diverse Parolen zurück.


Meine Hand für mein Produkt (Foto: Bundesarchiv) Meine Hand für mein Produkt (Foto: Bundesarchiv) Die politische Bevormundung war in der DDR alltägliche Praxis. In allen Bereichen des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens sowie im Bildungswesen war sie mal mehr, mal weniger deutlich spürbar. Dem Macht- und Führungsanspruch der SED und den damit verbundenen Zwang zur Anpassung aber auch dem Angebot zur Mitgestaltung der sozialistischen Gesellschaft konnten (und wollten) sich die Menschen in der DDR auf Dauer nicht entziehen.

Die volkseigenen Betriebe, Genossenschaften, staatlichen Ämter und Bildungseinrichtungen waren für die Werktätigen nicht schlechthin nur Arbeitsstätten, sie waren auch Lebensmittelpunkt. Man kümmerte sich hier um Wohnungsprobleme, Kultur, Bildung und Sport, ja selbst um Autoanmeldungen oder Telefonanschlüsse. Derlei Rundumfürsorge wurde gern in Anspruch genommen, war sie doch recht bequem und meistens kostenlos. Und sie ließ in bei den Menschen das wohlige Gefühl von Geborgenheit im sozialistischen Staat aufkommen.

Bis etwa Mitte der 1970er Jahre konnte die DDR ansehnliche wirtschaftliche Erfolge verbuchen. Doch dieser Aufschwung endete abrupt etwa Mitte der 1970er Jahre. Die Hauptursachen lagen zum einen in der Errichtung der Mauer in Berlin am 13. August 1961 und der darauf folgende stetige Ausbau der Grenzanlagen zur Bundesrepublik und Westberlin, zum anderen in den Auswirkungen aufgrund der Zerschlagung des letzten Sektors privaten Wirtschaftens in der DDR.

Die bis dato noch existierenden privaten und halbstaatlichen Betriebe wurden kurzerhand in volkseigene umgewandelt, die Eigentümer zwar entschädigt, offener oder versteckter Widerstand jedoch im Keim erstickt. Gerade diese Unternehmen aber waren es, die über nahezu zwei ein halb Jahrzehnte für ein akzeptables Angebot an Konsumgütern und wichtigen Zulieferteilen gesorgt hatten, mit denen sich die großen VEB nicht oder nicht mehr abgaben.

Die Bereitstellung von Konsumgütern in ausreichender Menge und Qualität bereitete in der Folgezeit enorme Schwierigkeiten. Zudem wurde die Energiesituation von Jahr zu Jahr prekärer. Es fehlte an technischen Konsumgütern, hochwertige Textilien waren oft nur in den überteuerten Exquisit-Läden erhältlich. Die Wartezeiten auf eine Auto wurden immer länger. Die Mangelwirtschaft hatte zur Folge, dass sich einerseits Unzufriedenheit breit machte, andererseits sich die Menschen auch zu helfen wussten und das Jäger- und Sammler-Prinzip sich zu Nutze machten, was bedeutete, dass immer öfter Ware gegen Ware getauscht wurde.

Geld spielte eine untergeordnete Rolle, es sei denn, man verfügte über DM oder FORUM - Schecks (gegen DM erworbene Zahlungsmittel für DDR-Bürger zum Erwerb von Waren aus den INTERSHOP - Läden). Aus dem Wenigen etwas mehr und daraus wiederum möglichst viel zu machen, war zur Lebensmaxime geworden. Der nahezu grenzenlose Einfallsreichtum der Produktionsarbeiter, Materialwirtschaftler, der technischen Intelligenz und der Menschen aus anderen Berufsgruppen rettete so manchen tags die Produktion in den volkseigenen Betrieben und Kombinaten sowie in den Einrichtungen des Handels und des Verkehrs vor den Zusammenbruch. Ohne die so genannte sozialistische Werkshilfe ging in den 1980er Jahren fast nichts mehr.

Mit Losungen wie „Meine Hand für mein Produkt“, „Arbeite mit – plane mit – regiere mit!“ oder „Mit Klugheit und Elan – alles für den Plan“ versuchte man die Werktätigen für ein stärkeres persönliches Engagement in ihren Betrieben zu gewinnen. Parallel dazu boten Quartals- und Jahresend-Prämien immerhin bescheidene Anreize zum Mittun. Zeitweilig waren so auch Erfolge zu verzeichnen, aber eben nicht auf Dauer. Das Ringen um die tägliche Planerfüllung oder gar Überbietung der Planaufgaben wurde zum täglichen Kampf im wahrsten Sinne des Wortes, so dass niemand verwundert darüber war, dass eines Tages eine neue Losung in den Werkhallen prangte: „Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden“.

Real denkende Betriebsdirektoren, vereinzelt auch SED-Parteifunktionäre, Verantwortliche aus den Fachministerien und dem Staatsapparat betrachteten die wachsende wirtschaftliche Misere mit großer Sorge. Um die von den Kreis- und Bezirksleitungen der SED abverlangte Erfüllung oder gar Übererfüllung der Pläne melden zu können, unternahmen nicht wenige von ihnen vielfältige Versuche, um zu retten was noch zu retten war. Dabei wurden mitunter neue Wege beschritten: Betriebsdirektoren kontrollierten verstärkt die Einhaltung der Arbeitszeiten und forderten ungeschönte Produktionsabrechnungen.

Neuererbewegung (Foto: Bundesarchiv) Neuererbewegung (Foto: Bundesarchiv)

Sie riefen vielerorts Beratergruppen, bestehend aus Angehörigen der technischen Intelligenz und Neuerern (Einreicher von Verbesserungsvorschlägen) ins Leben, die vom Ausbildungsgrat her und aus ihren Erfahrungen heraus unkonventionelle Vorschläge unterbreiteten und Lösungen anboten, um Produktionsausfälle möglichst nicht eintreten zu lassen oder sie zumindest in Grenzen zu halten. Bei fehlendem Material mühte man sich um rasche Entscheidungen bei der Einsetzung von Austauschstoffen.

Völlig zu recht machte deshalb in den letzten Jahren der DDR hier und da die Bezeichnung von den „kleinen Gorbatschows“ die Runde. Doch all diese Aktivitäten, so anerkennenswert sie in Einzelfällen auch waren, vermochten die immensen Probleme der DDR-Volkswirtschaft nicht aus der Welt zu schaffen.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

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