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Glücksbringer an der Fassade

Freitag, 10. Juli 2009, 16:13 Uhr
Gerade für die Bewohner von Nordhausen-Ost mögen Schwalben nicht als gefährdete Vögel erscheinen. In der Ostrower Straße und Am Rossmannsbach lebt die größte Schwalbenkolonie des Stadtgebiets. In die Ecken der Balkone und Fenster haben viele Vögel ihre kugeligen Nester gebaut.

Schwalbennest (Foto: Piper) Schwalbennest (Foto: Piper)

„So viele Schwalben auf einmal sieht man selten. Das Umfeld scheint für die Tiere dort sehr gut zu sein. Schwalben sind sehr standorttreue Tiere, wenn ihnen die Wohngegend erst einmal gefällt, dann kommen sie jedes Jahr wieder zurück“, sagt Rolf Schiffler von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. „Viele Bewohner dulden und umsorgen die Vögel. Sie haben sich mit den Sommergästen arrangiert. Das begrüßen wir sehr.“

Nicht ohne Grund. Denn insgesamt sieht die Situation für die Schwalben in Deutschland nicht gerade rosig aus. Von den fast 80 Schwalbenarten sind in Deutschland vier Arten verbreitet. Am bekanntesten und häufigsten sind die Mehl- und die Rauchschwalbe. Nach einer Zusammenstellung der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie hat die Rauchschwalbe noch circa 1 bis 1,4 Millionen Brutplätze in ganz Deutschland, die Mehlschwalbe nur noch etwa 830.000 bis 1,2 Millionen.

Wie der aktuelle Bestand in Thüringen aussieht, erfassen Ehrenamtliche derzeit für die Schwalben wie auch für andere so genannte planungsrelevante Vogelarten. Daten dazu liegen zufolge der Landesanstalt frühestens Ende des Jahres vor. Der Bestand insgesamt hat sich laut einer Broschüre zur Situation einheimischer Vögel 2008, die unter anderem das Bundesamt für Naturschutz herausgegeben hat, bei beiden Arten in den vergangen Jahren leicht erholt. Doch Rauch- und Mehlschwalbe stehen auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Arten. Schwalben sind über das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung in Deutschland geschützt. Darüber hinaus sind alle heimischen Vögel Europas per EU-Gesetz geschützt.

Schwalben sind so genannte Kulturfolger. Denn die Gebäude von Menschen sind für Rauch- und Mehlschwalben willkommene Brutplätze. Einerseits bauen sie ihre Nester in Gebäuden, gern in Stallungen. Durch den Rückgang bzw. die Veränderungen der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten sind hier viele Nistmöglichkeiten weggefallen. Andererseits bauen Schwalben ihre Nester außen am Gebäude, häufig unter Dachvorsprüngen. Dabei verschmutzen vor allem die Jungtiere durch ihren Kot die Hauswand.

Eigentümer, die gerade ihre Fassade neu gemacht haben, wollen daher oft verhindern, dass sich Schwalben niederlassen. Doch es ist gesetzlich verboten, ein Schwalbennest zu entfernen – erst recht, wenn die Vögel bereits brüten oder schon Junge geschlüpft sind. Denn das Bundesnaturschutzgesetz verbietet nicht nur das Fangen, Verletzen oder Töten von Alt- und Jungtieren, sondern auch die Zerstörung der Nester während der Fortpflanzung und Aufzucht, aber auch in der Wanderungs- und Überwinterungszeit, wenn die Zugvögel in den Süden geflogen sind. Wer dennoch ein Nest beispielsweise abschlägt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die geahndet wird.

„Soweit muss es aber nicht kommen, wenn sich Betroffene im Vorfeld informieren und beraten lassen. Vielfach finden sich Lösungen, die den Schwalben und ihren menschlichen „Vermietern“ helfen, die gemeinsame Zeit angenehm zur beiderseitigen Freude zu verbringen“, sagt Matthias Piontek von der Unteren Naturschutzbehörde. „Gerade den Verschmutzungen kann man mit relativ einfachen Mitteln wirkungsvoll begegnen. So ist ein rund 20 bis 25 Zentimeter breites Kotbrett unter dem Nest ein günstiges und gutes Mittel, Hauswand, Fensterbretter oder auch Balkone sauber zu halten“ pflichtet ihm Rolf Schiffler bei.

Schwalben als Nachbarn bieten außerdem viele Vorteile. Früher galten sie nicht nur als Vorboten des Sommers, sondern auch als Glücksbringer, die Gebäude angeblich vor Feuer schützen sollten. „Und wo Schwalben herumfliegen, gibt es garantiert weniger Mücken oder andere Insekten, die uns stören. Jede geschlüpfte Schwalbe ist ein lebender Mückenschutz. Diesen Service bietet uns die Natur kostenlos.

Schwalben fangen ihre Beuteinsekten im Flug. Je nach Wetterlage fliegen die Insekten in höheren oder niedrigen Lufthöhen. Daher kommt auch die Volksweisheit, dass es regnen wird, wenn die Schwalben niedrig fliegen. Denn bei feuchter, kalter Witterung fliegen auch die Insekten tief“, erklärt Rolf Schiffler, der mit seinen Kollegen der Unteren Naturschutzbehörde gern Hauseigentümer und Mieter rund um alle Fragen zu Schwalben berät.
Autor: nnz

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