nnz-online

nnz-Forum: Respekt

Sonntag, 28. Juni 2009, 16:33 Uhr
Noch einmal diskutieren Leser der nnz um die die Waldschlösschenbrücke in Dresden und eine Aberkennung des Titels „Weltkulturerbe“.


Respekt! Die Dresdnerinnen und Dresdner haben vor rund 20 Jahren mit dafür gekämpft, dass im Osten Deutschlands Demokratie gelebt werden kann. Mit ihrer Abstimmung zum Bau der „Waldschlösschenbrücke“ nahmen die Bürgerinnen und Bürger diese Errungenschaft und die damit verbundene Möglichkeit der Willensbekundung direkt wahr und entschieden sich mehrheitlich für diese enorm wichtige Querung der Elbe.

Einige Bürger waren damit aber nicht einverstanden und kämpften dagegen an. Selbst gerichtliche Entscheidungen wollten sie nicht akzeptieren und zauberten dann die „Hufeisennasenfledermaus“ hervor. Es mag sein, dass sich diese im Elbtal aufhält, aber offensichtlich fand man sie dort doch nicht. Entsprechende Gerichtsentscheidungen bestätigten jedenfalls die Baugenehmigung trotz Fledermaus, und so kam man letztendlich auf die glorreiche Idee, die Brücke mittels Hilfe der UNESCO zu verhindern.

Und diese Organisation ließ sich blindlings vor den Karren der „ewig Gestrigen“ spannen. Als „fast Dresdner“ und Kenner der Verhältnisse weiß ich, dass diese Brücke äußerst wichtig ist. Und spätestens dann, wenn ein Brückengegner mittels Rettungswagen vom Norden Dresdens (z.B. Flughafen …) schnellstens ins Universitätsklinikum gebracht werden muss, wird auch er die Brücke befürworten. Derzeit ist die Gefahr, dass ein Rettungsfahrzeug z.B. am Schiller platz (in der Nähe der Brücke „Blaues Wunder“) im Megastau steht, derart groß, dass das Krankenhaus potentiell zu spät erreicht wird. Wenn diese zukünftig schnelle Elbüberfahrt auch nur das Leben eines einzigen Menschen retten sollte, hat sich deren Bau aus meiner Sicht bereits rentiert. Den Bau der Waldschlösschenbrücke halte ich daher für wesentlich wichtiger, als den Erhalt des Titels „Weltkulturerbe“.

Ich denke, dass die UNESCO bei der Vergabe dieses Titels sowieso sehr inkonsequent ist. In Dresden regt man sich über die Brücke auf und löscht die Einstufung eines ganzen Gebietes, in Budapest (Uferzone der Donau) und in der Kulturlandschaft Wachau (Österreich) interessieren die dortigen, teilweise viel hässlicheren Donau-Brücken, überhaupt nicht. Wo bitte bleibt dort die Aberkennung des Titels?

Und bei meinem letzten Bulgarien-Urlaub, der zugegebener Maßen einige Jahre zurück liegt, sorgte die UNESCO auch nicht dafür, dass die Altstadt von Nessebar zu sehen war. Der Ort und die Fassaden der Häuser war(en) vor lauter Andenken, Nippes und gehäkelten Tischdecken nicht mehr zu erkennen. Dagegen lehnte sich aber keiner auf und die UNESCO merkte es dadurch nicht.

Aber zurück nach Dresden: Dort befindet sich im Gebiet des „Weltkulturerbes“ auch die noch berühmtere „Brühlsche Terrasse“, die im Verbund mit anderen Gebäuden (z.B. Frauenkirche, Schloss, Semperoper …) eine traumhafte Silhouette bildet. Wie hinein gezaubert ankerten dort immer die alten Raddampfer und rundeten dieses wunderbare Bild ab. Nun kam man vor einigen Jahren auf die Idee, noch mehr (zahlungskräftigen) Gästen das Elbtal zeigen zu müssen.

Um viel und vor allem schnell mehr Geld verdienen zu können, schaffte man noch schneller die neumodischen Dampfer-Imitationen „Gräfin Cosel“ und „August der Starke“ (im Volksmund auch -nach den Neubaugebieten- „Prohlis“ und „Gorbitz“ genannt) an. Diese Schiffe ankern nun vor diesem „Postkartenblick“ und verbannten dadurch zwei der alten, aber echten Raddampfer ins optische Abseits, d.h. weit vor die Carola-Brücke. Über diese Schandtat regt(e) sich bisher keiner der selbsternannten „Retter des Weltkulturerbes“ auf und daher legte die UNESCO auch diesbezüglich kein Veto ein.

Nun ist das ja auch nicht mehr nötig. Der Titel ist „pfutsch“. Aber liebe Dresdner Bürgerinnen und Bürger, seid nicht traurig! Ich jedenfalls bekunde meinen Respekt, weil ihr der Erpressung durch Brückengegner, Tunnelbefürworter und UNESCO nicht nachgabt. Der Strom des Geldes von der UNESCO ist zwar durch die Aberkennung des Titels abgerissen, euer Elbstom aber wird weiter fließen! Und der Besucherstrom eurer wunderschönen Stadt wird nie abreißen, da bin ich mir sehr sicher.

Zum Abschluss noch ein paar Worte an die Befürworter der Tunnelvariante: Ein Tunnel müsste wegen der flachen Umgebung bei Hochwasser mit Sicherheit geschlossen werden, und die Tunneleingänge müssten ebenfalls relativ weit über der Elbe liegen. Nach meiner Meinung und Überzeugung würde dies das Gesamtbild an dieser Stelle des Elbtals auch nicht gerade verbessern.

Dann doch lieber die noch nicht fertige, aber jetzt schon weltberühmte „Waldschlösschenbrücke“. Ich persönlich glaube, dass die Brückengegner (und Tunnelbefürworter) sogar ein „Eigentor“ geschossen haben. Die „ganze Welt“ blickt nun nach Dresden und wird neugierig werden auf die Brücke des Anstoßes. Touristen werden in die schönste Großstadt Europas reisen, werden mit Dampfern und Bussen dort hin pilgern und den Geldstrom noch mehr fließen lassen. Spätestens dann wird man merken, dass die UNESCO zwar einen vielleicht wichtigen Titel vergibt, den man ohne so ein „Skandälchen“ aber gar nicht bewusst wahrnehmen würde.

Fragen Sie sich selbst! Kennen Sie ohne im Lexikon oder Internet nachschauen zu müssen die anderen „Weltkulturerbe-Stätten“? Sollten Sie Brückengegner sein und die Frage mit „NEIN“ beantworten müssen, sollten Sie ganz schnell Brückenbefürworter werden!
Jörg Brandt – seit 25 Jahren mit Dresden eng verbunden
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de