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nnz-Betrachtung: Die letzte Zigarette

Samstag, 07. September 2002, 15:12 Uhr
Nordhausen (nnz). Der Tag X wird kommen, in diesem Monat: Aus für einen Nordhäuser Traditionsbetrieb, die Hoffnung auf Weiterbeschäftigung schon lange zerschlagen. In diesem Monat wird das Kapitel der Nordhäuser Tabakindustrie endgültig zugeschlagen.


Es geht dem Osten schlecht. Nur zu gut können viele Ostdeutsche davon berichten, wie es in ihrer Seele, vor allem aber in ihrer Brieftasche aussieht. Drastische Einsparungen, Massenentlassungen und Firmenpleiten stehen fast jeden Tag auf der Tagesordnung. Keiner weiß, wohin das noch führen wird. Politische Versprechungen aus längst vergangenen Tagen zerplatzen schon zu lange wie Seifenblasen. Die Hoffnung auf Besserung, die Erwartungen in einen politischen und damit wirtschaftlichen Umschwung zerfressen den Geist der Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft. Sei es in der großen Republik oder in der kleinsten Gemeinde irgendwo in den neuen Bundesländern. Das Prinzip ist das Gleiche: Arbeit gibt es keine, Firmen werden insolvent, geschlossen und regionale Abwanderungen ganzer Generationen werden dadurch zur Regel!

Warum sollte es also in Nordhausen besser aussehen? Aus dem einstig kleinen thüringischen Städtchen mit einer einigermaßen florierenden Tabakindustrie ist über die Jahre hinweg ein angstbeladener Konfliktstandort geworden. Auch Reemtsma blieb davon nicht verschont, obwohl in den Jahren zuvor immer wieder als Beispiel des grandiosen Aufschwungs Ost deklariert. Zwar hat der erfolgreiche Zigarettenproduzent das ehemalige Werk „gerettet“, durch Förderzulagen versteht sich. Aber 2001 waren die berüchtigten zehn Jahre des Sonderzuschusses vorbei. Vorbei damit auch die Millionen des Steuerzahlers. Man hatte nunmehr keinerlei Interesse mehr an der Erhaltung dieses Industriezweiges. Dies zumindest haben die hohen Herren vom Hamburger Vorstand vergangenen Sommer eindeutig zu verstehen gegeben und fast beiläufig von Kosteneinsparungen geredet.

Von ehemals fast 300 Beschäftigten ging in den zurückliegenden Monaten ein Teil nach Hannover-Langenhagen und hat sich hoffentlich ein neues Leben aufbauen können. Viele aber blieben hier, suchten sich andere Berufe oder werden arbeitslos. Wie viele Arbeitslose kann eine Region verkraften, wie viele ein ganzes Land? Eines steht jedoch unwiderruflich fest: Die restlichen 75 Arbeiter bei Reemtsma Nordhausen machen in diesem Monat im Werk das Licht aus - für immer!?
Veit Fischer, nnz-Redaktion
Autor: nnz

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