Briefe aus Bad Füssing (4)
Dienstag, 03. September 2002, 08:30 Uhr
/Bad Füssing/Nordhausen (nnz). Hotel Falkenhof. 42 Zimmer, 12 Mitarbeiter. Eine junge Frau fiel mir sofort auf. Es war ihr Dialekt. Mir als Fremden vertraut, untypisch für Bayern. Typisch für die Beziehung zwischen neuen und alten Bundesländern...
Sie ist 32 Jahre jung, die Inka. Geboren in Sachsen-Anhalt, in Leuna. Mit der Wende ging es schnell bergab in ihrer Heimat. Dort, wo einst zu DDR-Zeiten mehr als 30.000 Menschen arbeiteten, wurde 25.000 nicht mehr gebraucht. Auch nebenan in Buna, Bitterfeld war das so. So lange wollte Inka nicht warten. Erst nach Bayern, dann nach Österreich, jetzt wieder in Bayern. Sie ist in diesem kleinen Hotel für den Service zuständig. Hat entsprechende Abschlüsse nachgeholt, mit Erfolg.
Ihre neue Heimat ist eine Gegend, die natürlich voll auf Kuren, auf Touristen eingestellt ist. Die hiesige regionale Tageszeitung, die Passauer Neue Presse (PNP), berichtet dementsprechend. Bei einem heutigen Besuch in der Lokalredaktion in Pocking wurde deutlich, welche Themen deren Berichterstattung in den kommenden Tagen bestimmen werden. Wahlkampf oder Pressegespräche diverser Kurverwaltungen. Die Hauptsaison geht zu Ende, da wird Bilanz gezogen. Und die Arbeitsmarktdaten für den August?
Die nehmen wir, wenn sie uns vorliegen, auf die zweite oder dritte Lokalseite, so Redaktionsleiterin Regina Ehm-Klier. Bei den derzeitigen Zahlen und Quoten kein Wunder. Im Dienststellenbereich Pocking des Passauer Arbeitsamtes wurde noch im Juli eine Quote von 6,3 Prozent ausgewiesen. Weniger als ein Drittel des Nordhäuser Durchschnitts. Bei meiner Frage nach der Rolle des zweiten Arbeitsmarktes runzelte man in der Lokalredaktion die Stirn. Der kommt hier überhaupt nicht vor!
Stattdessen ist nicht nur die Samstagsausgabe der PNP mit Stellenangeboten voll, einen zusätzlichen Stellenteil gibt es am Mittwoch jeder Woche. Angeboten werden natürlich vor allem Jobs im Gaststätten- und Hotelbereich, im davon profitierenden Dienstleistungssektor. Rund ein Fünftel der hier Beschäftigten haben ihre Heimat in den neuen Bundesländern in den zurückliegenden Jahren verlassen, haben hier eine neue gefunden. Vorwiegend Menschen in einem Alter wie Inka. Sie werden nicht wieder zurückkehren, sie haben sich hier eingerichtet. Ihre Arbeit, ihr Fleiß, ihre Freundlichkeit werden geschätzt, von den Klinikleitungen, Kurhäusern und den Gästen gleichermaßen. Ihre neuen Jobs haben die Menschen aus den neuen Bundesländern in allen Bereichen gefunden. Im Restaurant, im Talasso-Studio, hinter der Bar, aber auch im Direktionsbereich der großen Häuser wie der Johannes-Therme in Bad Füssing.
Wenn Inka ihre Schicht im Hotel beendet hat, dann macht sie gern ein Schwätzchen mit uns. Sie will wissen, wie es aussieht in ihren einstigen Heimat, wenigstens im Osten. Will sie zurück? Da winkt sie ab: Hier gibt es Arbeit, die auch noch viel besser bezahlt wird als im Harz, an der Ostsee oder im Thüringer Wald. Und wenn sie sich richtig anstrengt, dann hat die 32jährige sogar ihr einstigen Dialekt verloren.
Nicht nur dieser Umstand ist es, der mir Sorgen bereitet. Es ist vielmehr die Frage, wann junge Menschen endlich dort bleiben können, wo sie geboren sind und wo sie vielleicht gern bleiben würden, wenn es sich denn für sie lohnen würde. Ein Licht an diesem düsteren Horizont ist nicht auszumachen. Leider.
Viele Grüße - Ihr Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzSie ist 32 Jahre jung, die Inka. Geboren in Sachsen-Anhalt, in Leuna. Mit der Wende ging es schnell bergab in ihrer Heimat. Dort, wo einst zu DDR-Zeiten mehr als 30.000 Menschen arbeiteten, wurde 25.000 nicht mehr gebraucht. Auch nebenan in Buna, Bitterfeld war das so. So lange wollte Inka nicht warten. Erst nach Bayern, dann nach Österreich, jetzt wieder in Bayern. Sie ist in diesem kleinen Hotel für den Service zuständig. Hat entsprechende Abschlüsse nachgeholt, mit Erfolg.
Ihre neue Heimat ist eine Gegend, die natürlich voll auf Kuren, auf Touristen eingestellt ist. Die hiesige regionale Tageszeitung, die Passauer Neue Presse (PNP), berichtet dementsprechend. Bei einem heutigen Besuch in der Lokalredaktion in Pocking wurde deutlich, welche Themen deren Berichterstattung in den kommenden Tagen bestimmen werden. Wahlkampf oder Pressegespräche diverser Kurverwaltungen. Die Hauptsaison geht zu Ende, da wird Bilanz gezogen. Und die Arbeitsmarktdaten für den August?
Die nehmen wir, wenn sie uns vorliegen, auf die zweite oder dritte Lokalseite, so Redaktionsleiterin Regina Ehm-Klier. Bei den derzeitigen Zahlen und Quoten kein Wunder. Im Dienststellenbereich Pocking des Passauer Arbeitsamtes wurde noch im Juli eine Quote von 6,3 Prozent ausgewiesen. Weniger als ein Drittel des Nordhäuser Durchschnitts. Bei meiner Frage nach der Rolle des zweiten Arbeitsmarktes runzelte man in der Lokalredaktion die Stirn. Der kommt hier überhaupt nicht vor!
Stattdessen ist nicht nur die Samstagsausgabe der PNP mit Stellenangeboten voll, einen zusätzlichen Stellenteil gibt es am Mittwoch jeder Woche. Angeboten werden natürlich vor allem Jobs im Gaststätten- und Hotelbereich, im davon profitierenden Dienstleistungssektor. Rund ein Fünftel der hier Beschäftigten haben ihre Heimat in den neuen Bundesländern in den zurückliegenden Jahren verlassen, haben hier eine neue gefunden. Vorwiegend Menschen in einem Alter wie Inka. Sie werden nicht wieder zurückkehren, sie haben sich hier eingerichtet. Ihre Arbeit, ihr Fleiß, ihre Freundlichkeit werden geschätzt, von den Klinikleitungen, Kurhäusern und den Gästen gleichermaßen. Ihre neuen Jobs haben die Menschen aus den neuen Bundesländern in allen Bereichen gefunden. Im Restaurant, im Talasso-Studio, hinter der Bar, aber auch im Direktionsbereich der großen Häuser wie der Johannes-Therme in Bad Füssing.
Wenn Inka ihre Schicht im Hotel beendet hat, dann macht sie gern ein Schwätzchen mit uns. Sie will wissen, wie es aussieht in ihren einstigen Heimat, wenigstens im Osten. Will sie zurück? Da winkt sie ab: Hier gibt es Arbeit, die auch noch viel besser bezahlt wird als im Harz, an der Ostsee oder im Thüringer Wald. Und wenn sie sich richtig anstrengt, dann hat die 32jährige sogar ihr einstigen Dialekt verloren.
Nicht nur dieser Umstand ist es, der mir Sorgen bereitet. Es ist vielmehr die Frage, wann junge Menschen endlich dort bleiben können, wo sie geboren sind und wo sie vielleicht gern bleiben würden, wenn es sich denn für sie lohnen würde. Ein Licht an diesem düsteren Horizont ist nicht auszumachen. Leider.
Viele Grüße - Ihr Peter-Stefan Greiner
