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Briefe aus Bad Füssing (2)

Sonntag, 01. September 2002, 13:30 Uhr
Nordhausen (nnz). Die Zeit des Wahlkampfes macht die Städte und Gemeinden bunter. Die Kandidaten schauen auf uns - den Wähler - herab. Sie wollen jedoch verkünden: Wir sind unter euch. In Bayern wie in Nordhausen.


Blau-weiß - so kommen die Kandidaten auch in dem beschaulichen Kurort Bad Füssing in der Nähe von Passau daher. Der Kandidat schlechthin, der Kanzler aller Deutschen werden will, ist präsent. Mitten in der Kurallee, der Promenade, der Beethovenstraße. Die Seitenstraßen sind den anderen Kandidaten seiner christlich-sozialen Union vorbehalten. Ab und zu sind auch die Sozialdemokraten oder die ökologischen Demokraten präsent. Sie alle blicken freundlich auf’s Wahlvolk. Sie laden ein, das entscheidende Kreuz hinter ihrem Namen zu setzen. Das zweite Kreuz natürlich hinter der richtigen Partei.

Nun ist dem Foto der Kandidaten auch im Wahlkreis 190 vielleicht der entscheidende Fotoschuß in einem Studio vorausgegangen. Andreas Kniepert, Manfred Grund oder Eckhard Ohl haben sich den Profi-Ablichtern gestellt. Was da herausgekommen ist, lässt den Otto-Normal-Wähler einigermaßen erschrecken. Die beste Foto-Figur macht noch der Herr Kniepert von der Liberalen, den im Landkreis Nordhausen kaum jemand kennt. Sein Gesicht wirkt gerade noch natürlich. Die nnz vergibt die Note 2. Bei Manfred Grund setzten die Wahlkampfstrategen vermutlich noch auf seinen Bekanntheitsgrad, Grund präsentiert sein Konterfei ja bereits im dritten Wahlkampf. Hierfür gibt es gerade noch eine 3.

Eckhard Ohl ist neu in diesem Wahlkreis. Kein Einheimischer. Dafür sind die Wähler jedoch umso neugieriger auf das offizielle Foto. Das aber ist wohl kaum „die Widerspieglung der objektiven Realität“, wie es ein gewisser Uljanow - alias Lenin - einmal Anfang des vorigen Jahrhunderts definierte. Wie eine Maske kommt der Bürgermeister aus Schlotheim daher, Spötter anderer Parteien sprechen gar von mumienhafter Gestalt. Wohl jedes Zeitungsfoto, jedes Polaroid hätte es wohl besser getan. Vielleicht steckt aber auch sozialdemokratische Absicht hinter der Art der Präsentation. Denn im Nachbar-Wahlkreis sind die Strategen mit der Dauerbundestagsabgeordneten Gisela Schröder ebenso umgegangen. Da trieft das Makeup förmlich von den Plakaten. Hoffentlich wählt man nicht das, was unnatürlich daherkommt, muß sich die Basis da nur wünschen. Für diese Fehlleistung kann es nur die Note 5 geben.

Doch es gibt ja Gott-sei-Dank nicht nur die Vor-Ort-Kandidaten. Da haben wir zum Beispiel den Edmund und die Angela auf den großen Bildern. Der Kanzler ist da schon ziemlich einsam. Er ist dafür der Macher: Mal spät abends im Büro, mal im Auto (ein VW?), richtig markig sitzt er da und sinnt über den Aufschwung unseres Landes nach. Bei dem Schröder sieht man tatsächlich Falten im Gesicht. 58 Lebens- und vier Kanzlerjahre hinterlassen ihre Spuren. Gut und richtig so. Selbst ein Politiker ist keine Maske. Note 2.

Doch die Organisatoren des sozialdemokratischen Wahlkampfes haben bereits zu Beginn einen taktischen Fehler gemacht. Selbst eine Regierungspartei kann die Großplakate nicht überall aufstellen, auch wenn die Sicht- und Blickmöglichkeit auf den Kanzler noch so ideal ist. In mindestens einem Fall musste der Großaufsteller blitzschnell wieder entfernt werden. Man hatte schlicht und ergreifend vergessen, den Besitzer des Grundstückes um Erlaubnis zu fragen. Das, so glaube ich, wäre nicht einmal der sozialistischen PDS passiert. Deren Plakate haben ich im blau-weißen Bayern bis jetzt vermisst.
Viele Grüße - Ihr Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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