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Die Kraft des Wassers

Dienstag, 27. August 2002, 19:09 Uhr
Nordhausen (nnz). Was passiert, wenn uns im Südharz eine Hochwasserkatastrophe trifft, eine Frage, die viele Menschen derzeit bewegt. Beispielsweise das Hochwasser um Silvester 1925 im Harz und um Niedersachswerfen zeigt auf, mit welcher Wucht und verheerenden Folgen auch uns im Südharz solche Gefahren drohen und welche Schäden angerichtet werden können. Dazu eine weitere Betrachtung in der nnz.


Um Silvester 1925 führte die Behre (damals: „Bähre“) bei Ilfeld und Niedersachswerfen eine zerstörerische Flutwelle. Schon im Harz selbst nahm sie bei der Haltestelle der „Harzquerbahn“ (Nordhausen - Wernigerode) „Eisfelder Talmühle“ den Bahndamm in einer Länge von etwa 100 Meter mit fort und machte die Strecke unbefahrbar. Die Züge der „Harzquerbahn“ konnten nur noch bis Ilfeld fahren, denn stellenweise standen die Bahnstrecke und die weiten Wiesenflächen unter Wasser, einem großen See gleichend, in dem sich Berge und Wälder widerspiegelten. Selbst der Zwergbach, die „Schoppe“, von Rothesütte in dem lieblichen Schoppetal herabkommend, war „wild“ geworden, hatte sein Ufer zerrissen und Kies, Geröll, Steine, Bäume usw. in solchen Mengen mit herabgeschleppt, daß eine einst ertragreiche Wiese meterhoch davon bedeckt war.

Die Gastwirtschaft „Netzkater“ war stark bedroht: durch Hof, Ställe und Keller fluteten Wassermassen, verteilten sich über die nach Hasselfelde führende Landstraße und machten sie für Fußgänger unbenutzbar. Im bekannten „Bähretal“, das als „das kleine Bodetal“ bekannt ist, bot sich ein schauerlich schönes Schauspiel dar. Donnernd jagten die Wassermassen über die Steinblöcke hinunter, weiße Gischtmassen bildend, die hoch emporspritzten. In dem Sägewerk „Talbrauerei“ erlag das Maschinenhaus dem Ansturm der tobenden Massen.

Auf ihrem weiteren Laufe nahm die Bähre rücksichtslos mit, was sich in ihren Weg stellte. Zäune, Bäume, Pfosten, Mauerstücke riß sie los, zerfurchte die Fußwege, entwurzelte Sträucher und rollte Nutz- und Brennholz und Steinblöcke vor sich her. Den übermütigsten Streich aber leistete sie sich zwischen Ilfeld und Niedersachswerfen in der Gegend der sog. „Rosenstegbrücke“. Sie unterwühlte die äußerst stark befahrene Landstraße Nordhausen - Ilfeld und riß aus dem Fahrdamm ein Stück von etwa 50 Meter Länge und 4 Meter Tiefe heraus und nötigte so zur völligen Sperrung der Straße. Hinter Niedersachswerfen stürzte ein eiserner Mast der Überlandzentrale um; durch die Stromunterbrechung wurde der Silvesterabend erheblich gestört.

Verschiedenen Anwohnern drangen die Fluten in Keller und Ställe, richteten Schaden an und zwangen zur Wegschaffung des Viehs. Die größte Kraftprobe aber beging die Bähre weiter stromab am Fuße des „Mühlberges“. Dort brachte sie die große Eisenbetonfahrbrücke zum Zusammenbruch. Wie nach einer Sprengung ragen die einzelnen Brückenteile aus den Wassern empor als Zeugen für die ungeheure Druckkraft der Strömung. In stärkster Strömung wälzten sich die lehmgelben Fluten gurgelnd und wogend vorbei. Wie spielten die Wellen mit den entwurzelten schweren Bäumen, wie ließen sie Hölzer aller Art lustig auf ihren Schaumkämmen tanzen.

Menschenleben waren 1925 um Silvester nicht zu beklagen gewesen, dagegen sind Sachwerte besonders in der Bode namentlich bei Quedlinburg, im Werte von Millionen Mark vernichtet worden. Das Wort des Dichters scheint angesichts der gegenwärtigen Flut immer wieder Recht zu behalten: „Denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand!“
Gefunden und aufgeschrieben von Tim Schäfer
Autor: nnz

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