nnz-online

Heimatgeflüster - Geschichten der besonderen Art (4)

Freitag, 08. Dezember 2000, 18:26 Uhr
Heute: Daniela Fischer - städtische Angestellte
Einen wunderschönen Tag werte Leser. Wie ihr aus der Überschrift entnommen habt, bin ich Angestellte der Stadtverwaltung im einfachen Dienst und lebe somit in gesicherter Armut. In so einer Situation ist es um so wichtiger etwas zu besitzen. Und ich habe sie, die reiche Erbtante in den alten Bundesländern. Tante Elsbeth ist nicht nur sehr reich, sondern hält auch viel auf Etikette. Daher traf es mich wie ein Blitz, als ich am Mittwoch auf den Kalender schaute und sah: Nikolaus ist heute und noch kein Geschenk an Tantchen auf dem Weg.
Also in der Mittagspause zu Rossmann, ein Fläschchen Tosca von 4711 gekauft und ab zur Post, Eilpäckchen aufgeben. In der Schalterhalle zwei längere Schlangen, der Rest geschlossen, angestellt und gewartet bis man dran ist. Im Hinterkopf immer die Mahnung "überziehe ja deine Mittagspause nicht". Nach einer Viertelstunde hatte ich es geschafft. Auge in Auge mit der Postangestellten reichte ich meinen Flacon hinüber und stammelte: "Nikolaus". Etwas unsicher schaute mich die ältere Frau hinterm Schalter an, zuckte mit den Schultern, sagte "Danke schön" und schon verschwand mein Fläschchen ganz unauffällig in ihrer Handtasche. Völlig irritiert schaute ich sie an. Meine Gefühlswelt pendelte zwischen Eisberg und Vulkan. Dann siegte der Vulkan und ich brüllte: "Sie blöde Ziege, dies ist nicht für sie, sondern für meine Tante." Wie aus der Pistole geschossen kam die Frage: "Sieht diese Flasche vielleicht wie ein Paket aus? Sind Sie nicht in der Lage ein ordentliches Paket aufzugeben?"
So in die Enge getrieben stammelte ich entschuldigend: "Da haben Sie sicher recht, aber ich habe keine Zeit und würden Sie mir bitte helfen, ein versandfähiges Paket herzustellen?" Mütterlich grinste die Dame mich jetzt an und sagte honigsüß: "Aber natürlich helfe ich Ihnen. Schauen Sie, dort gibt es Packpapier zu kaufen, dort gibt es Klebeband und hier haben wir auch noch nette Mietbehälter. Und wenn Sie dann alles schön verschnürt haben, stellen Sie sich bitte wieder in der Reihe an und wenn Sie dann wieder ganz vorn sind werde ich Ihren Beförderungsauftrag entgegennehmen." Da hatten wir es. Erbtante, Arbeitgeber, Postangestellte und keine Lösung in Sicht. Also gepackt was das Zeug hielt, den netten Leuten in der Schlange die Lage geschildert, zweimal vorgedrängelt, Paket abgegeben, zur Stechuhr gerannt und es gerade noch geschafft.
Ach Tantchen ich liebe dich, aber du Post und du Gottschalk mit Aktie Gelb kannst mich mal gern haben. Nehmt euch mal ein Beispiel an jedem kleinen Geschenkartikelladen, da wird man höflichst an der Kasse gefragt, ob das Gekaufte nicht nett verpackt werden soll. Das ist Standard und bis dahin ist es für die Post noch ein weiter Weg.
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de