Hilfe hat eine lange Tradition
Dienstag, 20. August 2002, 11:34 Uhr
Nordhausen (nnz). Deutschland im Sommer 2002: Teile einzelner Bundesländer versanken - wie viele europäische Regionen auch - nach äußerst ergiebigen und lang anhaltenden Regenfällen im Wasser. Schon immer haben Menschen aus dem Südharz geholfen. Dazu eine historische Abhandlung von Mathias Deutsch.
Angesichts katastrophaler Schäden und Verluste riefen bzw. rufen bis heute noch zahlreiche Hilfsorganisationen immer wieder zu Geldspenden für die Hochwasseropfer auf. Auch im Landkreis Nordhausen dürften sich schon viele Bürger an diesen Aktionen beteiligt haben. Das man damit eine lange Tradition der Unterstützung für in Not geratene Menschen fortsetzt, ist wohl den wenigsten bekannt. Sie reicht nicht nur bis 1997 zurück, als an der Oder weite Landstriche überschwemmt wurden und auch Spendengelder aus der Südharzregion beim Wiederaufbau halfen. Vielmehr lassen sich anhand der Quellen, die u. a. im Nordhäuser Stadtarchiv lagern, bedeutend ältere Nachweise erbringen! Das folgende Beispiel soll das belegen.
Vor nunmehr 172 Jahren, im März 1830, traten die Elbe und Saale aufgrund plötzlicher Schneeschmelze und ergiebiger Regenfälle über ihre Ufer. So kam es u. a. an der Elbe im Raum Torgau und Wittenberg sowie an der Saale bei Bernburg und Calbe zu großflächigen Überschwemmungen. Zudem verursachte das Hochwasser vieler kleinerer Flüsse vor allem nordöstlich des Harzes teilweise bedeutende Überschwemmungen. Durch die Fluten des Flusses Eine wurde beispielsweise Aschersleben samt umliegender Orte schwer betroffen. In einer öffentlichen Zeitungsbekanntmachung des damaligen Regierungspräsidenten der Preußischen Provinz Sachsen, von Bismarck, vom 21. März 1830 hieß es zum Gesamtausmaß der Schäden:
Ueber 400 Wohn= und Wirthschaftsgebäude sind stark beschädigt, oder ganz zertrümmert, einige Hundert Stücke Vieh aller Gattungen umgekommen, große Vorräthe an Lebensmitteln, Getreide, Futter, Mobilien, Wirthschafts= und Hausgeräthe verdorben oder fortgeschwemmt, und blühende Fluren durch Versandung und Ueberschwemmung vernichtet worden.. Anschließend rief der Regierungspräsident auch die Bewohner des preußischen Landkreises Nordhausen zur Hilfeleistung auf (vgl. Nordhäusisches wöchentliches Nachrichts=Blatt, 17tes Stück, den 26. April 1830).
Diesem Aufruf schloß sich der damalige Landrat des Landkreises Nordhausen, von Arnstedt, an (vgl. ebenda). In einer entsprechenden Bekanntmachung vom 20. April 1830 gab er seiner Hoffnung Ausdruck, daß der hiesige Kreis seinen bereits mehrmals gezeigten Wohltätigkeitssinn auch jetzt bethätigen möge.. Die einzelnen Ortsbehörden wies der Landrat an, sich der angeordneten Sammlung von freywilligen Beyträgen auf das Angelegenheitlichste zu unterziehen und die eingegangenen Gelder spätestens bey der Steuer=Ablieferung für den Monat Juni c. durch den Orts=Erheber an die hiesige Königliche Kreiskasse mit einzusenden .... Ferner wurden die Pfarrer vom Landrat ersucht, freywillige Gaben anzunehmen, und solche an die Herren Superintendenten abzuliefern.. Diese sollten danach die Spenden ebenfalls an die Kreiskasse in Nordhausen weiterleiten.
Im Verlauf der folgenden Wochen müssen im damaligen Landkreis Nordhausen - entsprechend der Anweisung des Landrates - umfangreiche Spendenaktionen durchgeführt worden sein. Dazu gehörten sowohl Kollekten in den Kirchen als auch sog. Haustürsammlungen.
Das Ergebnis der Sammlungen für die durch Überschwemmung Verunglückten in der Provinz Sachsen konnte am 2. August 1830 im 31. Stück des Nordhäusischen wöchentlichen Nachrichts=Blattes veröffentlicht werden (s. Abb.). Insgesamt belief sich das Spendenaufkommen im Landkreis Nordhausen auf 128 Taler, 21 Groschen und 9 Pfennig - ein für die damaligen Verhältnisse bedeutender Betrag! So spendeten die Bürger der Stadt Nordhausen 57 Taler, 12 Groschen und 3 Pfennig. In Bleicherode kamen 3 Taler, in Ellrich 4 Taler und in Sollstedt 3 Taler, 15 Groschen zusammen. Da es hier nicht möglich ist, die in allen Dörfern des Kreises eingesammelten Gelder aufzuführen, sollen nur einige Beispiele genannt werden.
Einen vergleichsweise hohen Beitrag gaben die Orte Wülfingerode (4 T., 2 Gr., 6 Pf.), Klettenberg (1 T., 24 Gr.), Limlingerode (1 T., 12 Gr. 9 Pf.), Kehmstedt (1 T., 2 Gr., 5 Pf.) und Herreden (1 T., 3 Gr., 1 Pf.). Ferner konnte eine bedeutende Spende in Höhe von 12 Talern, 3 Groschen und 7 Pfennigen vom Superintendent Stilke aus Kleinwerter überwiesen werden. Das Geld hatte man in seinem Kirchenkreis gesammelt. Aber auch in anderen Dörfern des Kreises wurde, obwohl dort die Summen nicht so hoch ausfielen, sicher nicht mit weniger Bereitwilligkeit und Herzlichkeit Geld für die Hochwasseropfer gespendet (z. B. in Friedrichslohra (12 Gr.), Obergebra (14 Gr., 8 Pf.), Hörningen (26 Gr., 5 Pf.), Salza (11 Gr., 9 Pf.) und Wolkramshausen (2 Gr., 6 Pf.). Daneben gingen bei der Kreiskasse des Landkreises Nordhausen noch Spenden von zwei Unbenannten (je 2 Taler) anonym ein.
Schlußbemerkung: Wie das Beispiel der Spendenaktion von 1830 zeigt, empfanden es viele Einwohner bzw. Gemeinden des Landkreises Nordhausen schon vor 172 Jahren als Pflicht, anderen zu helfen. Auch mit geringen Geldspenden sollte ein kleiner Beitrag zur Linderung fremder Not geleistet werden. Das Ziel des Artikels wäre erreicht, wenn zahlreiche Leser diese gute und lange Tradition der Hilfsbereitschaft im Landkreis Nordhausen fortsetzen würden. Entsprechende Bankverbindungen, um die Hochwasseropfer zu unterstützen, sind bei vielen Hilfsorganisationen erhältlich.
Mathias Deutsch M.A., Umweltakademie Nordthüringen
Autor: nnzAngesichts katastrophaler Schäden und Verluste riefen bzw. rufen bis heute noch zahlreiche Hilfsorganisationen immer wieder zu Geldspenden für die Hochwasseropfer auf. Auch im Landkreis Nordhausen dürften sich schon viele Bürger an diesen Aktionen beteiligt haben. Das man damit eine lange Tradition der Unterstützung für in Not geratene Menschen fortsetzt, ist wohl den wenigsten bekannt. Sie reicht nicht nur bis 1997 zurück, als an der Oder weite Landstriche überschwemmt wurden und auch Spendengelder aus der Südharzregion beim Wiederaufbau halfen. Vielmehr lassen sich anhand der Quellen, die u. a. im Nordhäuser Stadtarchiv lagern, bedeutend ältere Nachweise erbringen! Das folgende Beispiel soll das belegen.
Vor nunmehr 172 Jahren, im März 1830, traten die Elbe und Saale aufgrund plötzlicher Schneeschmelze und ergiebiger Regenfälle über ihre Ufer. So kam es u. a. an der Elbe im Raum Torgau und Wittenberg sowie an der Saale bei Bernburg und Calbe zu großflächigen Überschwemmungen. Zudem verursachte das Hochwasser vieler kleinerer Flüsse vor allem nordöstlich des Harzes teilweise bedeutende Überschwemmungen. Durch die Fluten des Flusses Eine wurde beispielsweise Aschersleben samt umliegender Orte schwer betroffen. In einer öffentlichen Zeitungsbekanntmachung des damaligen Regierungspräsidenten der Preußischen Provinz Sachsen, von Bismarck, vom 21. März 1830 hieß es zum Gesamtausmaß der Schäden:
Ueber 400 Wohn= und Wirthschaftsgebäude sind stark beschädigt, oder ganz zertrümmert, einige Hundert Stücke Vieh aller Gattungen umgekommen, große Vorräthe an Lebensmitteln, Getreide, Futter, Mobilien, Wirthschafts= und Hausgeräthe verdorben oder fortgeschwemmt, und blühende Fluren durch Versandung und Ueberschwemmung vernichtet worden.. Anschließend rief der Regierungspräsident auch die Bewohner des preußischen Landkreises Nordhausen zur Hilfeleistung auf (vgl. Nordhäusisches wöchentliches Nachrichts=Blatt, 17tes Stück, den 26. April 1830).
Diesem Aufruf schloß sich der damalige Landrat des Landkreises Nordhausen, von Arnstedt, an (vgl. ebenda). In einer entsprechenden Bekanntmachung vom 20. April 1830 gab er seiner Hoffnung Ausdruck, daß der hiesige Kreis seinen bereits mehrmals gezeigten Wohltätigkeitssinn auch jetzt bethätigen möge.. Die einzelnen Ortsbehörden wies der Landrat an, sich der angeordneten Sammlung von freywilligen Beyträgen auf das Angelegenheitlichste zu unterziehen und die eingegangenen Gelder spätestens bey der Steuer=Ablieferung für den Monat Juni c. durch den Orts=Erheber an die hiesige Königliche Kreiskasse mit einzusenden .... Ferner wurden die Pfarrer vom Landrat ersucht, freywillige Gaben anzunehmen, und solche an die Herren Superintendenten abzuliefern.. Diese sollten danach die Spenden ebenfalls an die Kreiskasse in Nordhausen weiterleiten.
Im Verlauf der folgenden Wochen müssen im damaligen Landkreis Nordhausen - entsprechend der Anweisung des Landrates - umfangreiche Spendenaktionen durchgeführt worden sein. Dazu gehörten sowohl Kollekten in den Kirchen als auch sog. Haustürsammlungen.
Das Ergebnis der Sammlungen für die durch Überschwemmung Verunglückten in der Provinz Sachsen konnte am 2. August 1830 im 31. Stück des Nordhäusischen wöchentlichen Nachrichts=Blattes veröffentlicht werden (s. Abb.). Insgesamt belief sich das Spendenaufkommen im Landkreis Nordhausen auf 128 Taler, 21 Groschen und 9 Pfennig - ein für die damaligen Verhältnisse bedeutender Betrag! So spendeten die Bürger der Stadt Nordhausen 57 Taler, 12 Groschen und 3 Pfennig. In Bleicherode kamen 3 Taler, in Ellrich 4 Taler und in Sollstedt 3 Taler, 15 Groschen zusammen. Da es hier nicht möglich ist, die in allen Dörfern des Kreises eingesammelten Gelder aufzuführen, sollen nur einige Beispiele genannt werden.
Einen vergleichsweise hohen Beitrag gaben die Orte Wülfingerode (4 T., 2 Gr., 6 Pf.), Klettenberg (1 T., 24 Gr.), Limlingerode (1 T., 12 Gr. 9 Pf.), Kehmstedt (1 T., 2 Gr., 5 Pf.) und Herreden (1 T., 3 Gr., 1 Pf.). Ferner konnte eine bedeutende Spende in Höhe von 12 Talern, 3 Groschen und 7 Pfennigen vom Superintendent Stilke aus Kleinwerter überwiesen werden. Das Geld hatte man in seinem Kirchenkreis gesammelt. Aber auch in anderen Dörfern des Kreises wurde, obwohl dort die Summen nicht so hoch ausfielen, sicher nicht mit weniger Bereitwilligkeit und Herzlichkeit Geld für die Hochwasseropfer gespendet (z. B. in Friedrichslohra (12 Gr.), Obergebra (14 Gr., 8 Pf.), Hörningen (26 Gr., 5 Pf.), Salza (11 Gr., 9 Pf.) und Wolkramshausen (2 Gr., 6 Pf.). Daneben gingen bei der Kreiskasse des Landkreises Nordhausen noch Spenden von zwei Unbenannten (je 2 Taler) anonym ein.
Schlußbemerkung: Wie das Beispiel der Spendenaktion von 1830 zeigt, empfanden es viele Einwohner bzw. Gemeinden des Landkreises Nordhausen schon vor 172 Jahren als Pflicht, anderen zu helfen. Auch mit geringen Geldspenden sollte ein kleiner Beitrag zur Linderung fremder Not geleistet werden. Das Ziel des Artikels wäre erreicht, wenn zahlreiche Leser diese gute und lange Tradition der Hilfsbereitschaft im Landkreis Nordhausen fortsetzen würden. Entsprechende Bankverbindungen, um die Hochwasseropfer zu unterstützen, sind bei vielen Hilfsorganisationen erhältlich.
Mathias Deutsch M.A., Umweltakademie Nordthüringen
