Ein gutes Gefühl
Freitag, 20. Februar 2009, 09:31 Uhr
Zwei Frauen aus dem Landratsamt in Nordhausen sind Tag für Tag unterwegs. Sie müssen die Einhaltung der Bestimmungen des Tierschutzes im Landkreis kontrollieren und dabei selbst ein dickes Fell haben. Jessica Piper war mit den Frauen unterwegs...
Bevor sie losfahren, ziehen Anja Wilhelm und Heike Ludwig ihre hohen, warmen Winterstiefel an. Hier drin ist es immer schön warm. Aber draußen brauchen wir die Stiefel wieder, sagt Heike Ludwig. Sie nimmt von ihrer Kollegin die kleine Digitalkamera und steckt sie in die Jackentasche. Oft halten sie ihre Beobachtungen im Bild fest. Und schriftlich. Anja Wilhelm schiebt die Protokollbögen ins Klemmbrett, steckt es in ihre Umhängetasche.
Die beiden sind oft draußen. Das ist unsere Statistik aus dem letzten Jahr, zeigt Heike Ludwig einen dicken, zusammengehefteten Stapel. Im September waren wir zum Beispiel fast 50mal draußen, im Dezember 35mal. So um Weihnachten erhalten wir besonders viele Hinweise. Anja Wilhelm und Heike Ludwig arbeiten im Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Landratsamtes Nordhausen. Eine ihrer Hauptaufgaben ist der Tierschutz. In Privathaushalten, gewerblichen Zuchten, landwirtschaftlichen Betrieben, Zoos, bei Tierveranstaltungen wie ein Zirkus oder bei Tiertransporten schauen sie nach, ob die gesetzlichen Vorschriften zum Tierschutz eingehalten werden.
Notiert (Foto: Piper/pln)
Vorbei kommen die Tierärztin und die Veterinäringenieurin meistens unangekündigt. Würden wir uns vorher anmelden, fänden wir wohl meist nicht die tatsächlichen Haltungsbedingungen der Tiere vor, meint Heike Ludwig. Es vergeht eigentlich keine Woche, in der wir keine Hinweise bekommen, oft auch anonym. Wir gehen jedem Hinweis nach. So auch in diesem Fall. Dem Anzeigenden war aufgefallen, dass ein Hund, der draußen auf einem Grundstück lebt, keine Schützhütte und keinen wärmegeschützten Liegeplatz hat. Das aber ist eine gesetzliche Vorgabe, auf die die amtlichen Tierschützer pochen können.
Heute fahren wir zur Nachkontrolle, unangemeldet, sagt Heike Ludwig. Der große Hund mit dem wuscheligen dunklen Fell wartet schon an der Zauntür und bellt die beiden Frauen an. Er ist noch jung und ungestüm und freut sich über den Besuch. Sein Herrchen öffnet gleich die Haustür, nimmt den Hund an die Leine und zeigt sich kooperativ. Eine Hundehütte habe er bestellt, nur sei diese eine Nummer zu klein geliefert worden, sagt er und zeigt auf einen Pappkarton im Hausflur, in dem die gelieferte Hütte verpackt ist. Die neue sei schon unterwegs. Anja Wilhelm und Heike Ludwig schauen sich auf dem Grundstück um. Der Besitzer hat seit ihrem letzten Besuch vor zwei Wochen die Haltungsbedingungen für den Hund verbessert.
Anja Wilhelm holt ihr Klemmbrett hervor und schreibt das Protokoll. Währenddessen geben sie Tipps, wie sich der junge Hund erziehen lässt. Positiv überrascht sind die beiden amtlichen Tierschützerinnen, als der Besitzer und seine Frau erzählen, dass der Hund bald in die Hundeschule gehen soll. Anja Wilhelm liest zum Ende ihres Besuchs das Protokoll vor, der Besitzer unterschreibt und bekommt einen Durchschlag. Die Mitarbeiterinnen des Veterinäramtes werden bald wieder hinfahren und nachsehen, ob die Forderungen eingehalten werden.
In diesem Fall war der Hundebesitzer sehr kooperativ, aber das ist nicht immer so. Wir kommen ja fast nur unangekündigt und da sind die Leute natürlich überrascht und oft sehr abweisend. Deshalb erklären wir die Situation, dann werden sie meist verständnisvoller, erzählen die beiden. Häufig ist den Tierhaltern nicht bewusst, dass sie gesetzliche Anforderungen nicht erfüllen. Werden Mängel vorgefunden, ist der Erfindungsreichtum an Ausreden der betroffenen Besitzer sehr groß, es gibt fast keine Entschuldigung, die wir noch nicht gehört haben. In dem heute kontrollierten Fall haben die beiden Frauen aber eine eindeutige gesetzliche Vorschrift in der Hand: Hunde, die im Freien leben, brauchen zum Beispiel eine Schutzhütte.
Auch für Zwinger gibt es Mindestgrößen. Für die Hundehaltung in der Wohnung gibt es so etwas nicht. Es wäre also zum Beispiel kein Verstoß, einen großen Hund in einer Ein-Raum-Wohnung zu halten. Denn in der Wohnung lebt ja auch ein Mensch und wenn der dort wohnt, kann es der Hund auch, sagt Tierärztin Anja Wilhelm. Das Gesetz ist eben nicht rassespezifisch. Es gibt gesetzlich keine Unterschiede zwischen klein und groß, bewegungsfreudig oder träge , beklagt auch Heike Ludwig. Und ohne Gesetz haben die beiden keine Handhabe.
Die amtlichen Tierschützer arbeiten gut mit den Tierschutzvereinen zusammen, aber häufig werden sie auch miteinander verwechselt. Tierschutzvereine können nach ihrem Ermessen Forderungen stellen, wir müssen uns an Tierschutz- und Verwaltungsrecht halten, nüchtern und objektiv ermitteln und die Fakten abgleichen, stellen die beiden klar. Ihre Nachforschungen gleichen oft schon Detektivarbeit. Wir verlassen uns nicht allein auf die Aussagen der Tierhalter. Wir bohren in ganz verschiedenen Richtungen nach. Frustriert sind die amtlichen Tierschützerinnen, die beide selbst zuhause Hunde und Katzen haben, manchmal schon, nicht mehr Handlungsspielraum zu haben.
Man muss schon ein ziemlich dickes Fell kriegen im Tierschutz. An manchen Tagen ärgere ich mich, dass ich nicht das erreicht habe, was ich eigentlich für das Tier wollte. Aber es gibt auch viele Tage, an denen wir etwas erreichen. Viele Leute sind bereit, etwas zu ändern, so dass es den Tieren besser geht. Und das gibt ein gutes Gefühl, sagt Anja Wilhelm und lächelt.
Jessica Piper
Autor: nnzBevor sie losfahren, ziehen Anja Wilhelm und Heike Ludwig ihre hohen, warmen Winterstiefel an. Hier drin ist es immer schön warm. Aber draußen brauchen wir die Stiefel wieder, sagt Heike Ludwig. Sie nimmt von ihrer Kollegin die kleine Digitalkamera und steckt sie in die Jackentasche. Oft halten sie ihre Beobachtungen im Bild fest. Und schriftlich. Anja Wilhelm schiebt die Protokollbögen ins Klemmbrett, steckt es in ihre Umhängetasche.
Die beiden sind oft draußen. Das ist unsere Statistik aus dem letzten Jahr, zeigt Heike Ludwig einen dicken, zusammengehefteten Stapel. Im September waren wir zum Beispiel fast 50mal draußen, im Dezember 35mal. So um Weihnachten erhalten wir besonders viele Hinweise. Anja Wilhelm und Heike Ludwig arbeiten im Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Landratsamtes Nordhausen. Eine ihrer Hauptaufgaben ist der Tierschutz. In Privathaushalten, gewerblichen Zuchten, landwirtschaftlichen Betrieben, Zoos, bei Tierveranstaltungen wie ein Zirkus oder bei Tiertransporten schauen sie nach, ob die gesetzlichen Vorschriften zum Tierschutz eingehalten werden.
Notiert (Foto: Piper/pln)
Vorbei kommen die Tierärztin und die Veterinäringenieurin meistens unangekündigt. Würden wir uns vorher anmelden, fänden wir wohl meist nicht die tatsächlichen Haltungsbedingungen der Tiere vor, meint Heike Ludwig. Es vergeht eigentlich keine Woche, in der wir keine Hinweise bekommen, oft auch anonym. Wir gehen jedem Hinweis nach. So auch in diesem Fall. Dem Anzeigenden war aufgefallen, dass ein Hund, der draußen auf einem Grundstück lebt, keine Schützhütte und keinen wärmegeschützten Liegeplatz hat. Das aber ist eine gesetzliche Vorgabe, auf die die amtlichen Tierschützer pochen können. Heute fahren wir zur Nachkontrolle, unangemeldet, sagt Heike Ludwig. Der große Hund mit dem wuscheligen dunklen Fell wartet schon an der Zauntür und bellt die beiden Frauen an. Er ist noch jung und ungestüm und freut sich über den Besuch. Sein Herrchen öffnet gleich die Haustür, nimmt den Hund an die Leine und zeigt sich kooperativ. Eine Hundehütte habe er bestellt, nur sei diese eine Nummer zu klein geliefert worden, sagt er und zeigt auf einen Pappkarton im Hausflur, in dem die gelieferte Hütte verpackt ist. Die neue sei schon unterwegs. Anja Wilhelm und Heike Ludwig schauen sich auf dem Grundstück um. Der Besitzer hat seit ihrem letzten Besuch vor zwei Wochen die Haltungsbedingungen für den Hund verbessert.
Anja Wilhelm holt ihr Klemmbrett hervor und schreibt das Protokoll. Währenddessen geben sie Tipps, wie sich der junge Hund erziehen lässt. Positiv überrascht sind die beiden amtlichen Tierschützerinnen, als der Besitzer und seine Frau erzählen, dass der Hund bald in die Hundeschule gehen soll. Anja Wilhelm liest zum Ende ihres Besuchs das Protokoll vor, der Besitzer unterschreibt und bekommt einen Durchschlag. Die Mitarbeiterinnen des Veterinäramtes werden bald wieder hinfahren und nachsehen, ob die Forderungen eingehalten werden.
In diesem Fall war der Hundebesitzer sehr kooperativ, aber das ist nicht immer so. Wir kommen ja fast nur unangekündigt und da sind die Leute natürlich überrascht und oft sehr abweisend. Deshalb erklären wir die Situation, dann werden sie meist verständnisvoller, erzählen die beiden. Häufig ist den Tierhaltern nicht bewusst, dass sie gesetzliche Anforderungen nicht erfüllen. Werden Mängel vorgefunden, ist der Erfindungsreichtum an Ausreden der betroffenen Besitzer sehr groß, es gibt fast keine Entschuldigung, die wir noch nicht gehört haben. In dem heute kontrollierten Fall haben die beiden Frauen aber eine eindeutige gesetzliche Vorschrift in der Hand: Hunde, die im Freien leben, brauchen zum Beispiel eine Schutzhütte.
Auch für Zwinger gibt es Mindestgrößen. Für die Hundehaltung in der Wohnung gibt es so etwas nicht. Es wäre also zum Beispiel kein Verstoß, einen großen Hund in einer Ein-Raum-Wohnung zu halten. Denn in der Wohnung lebt ja auch ein Mensch und wenn der dort wohnt, kann es der Hund auch, sagt Tierärztin Anja Wilhelm. Das Gesetz ist eben nicht rassespezifisch. Es gibt gesetzlich keine Unterschiede zwischen klein und groß, bewegungsfreudig oder träge , beklagt auch Heike Ludwig. Und ohne Gesetz haben die beiden keine Handhabe.
Die amtlichen Tierschützer arbeiten gut mit den Tierschutzvereinen zusammen, aber häufig werden sie auch miteinander verwechselt. Tierschutzvereine können nach ihrem Ermessen Forderungen stellen, wir müssen uns an Tierschutz- und Verwaltungsrecht halten, nüchtern und objektiv ermitteln und die Fakten abgleichen, stellen die beiden klar. Ihre Nachforschungen gleichen oft schon Detektivarbeit. Wir verlassen uns nicht allein auf die Aussagen der Tierhalter. Wir bohren in ganz verschiedenen Richtungen nach. Frustriert sind die amtlichen Tierschützerinnen, die beide selbst zuhause Hunde und Katzen haben, manchmal schon, nicht mehr Handlungsspielraum zu haben.
Man muss schon ein ziemlich dickes Fell kriegen im Tierschutz. An manchen Tagen ärgere ich mich, dass ich nicht das erreicht habe, was ich eigentlich für das Tier wollte. Aber es gibt auch viele Tage, an denen wir etwas erreichen. Viele Leute sind bereit, etwas zu ändern, so dass es den Tieren besser geht. Und das gibt ein gutes Gefühl, sagt Anja Wilhelm und lächelt.
Jessica Piper

