nnz-Betrachtung: Wer ist wir?
Dienstag, 27. Januar 2009, 08:03 Uhr
Mitunter hat man das Gefühl, dass Politiker in einer eigenen, ihrer eigenen Welt leben. Wer interessiert diverse Talkshows begutachtet, der wird sich diesem Eindruck nicht entziehen können. Doch ist diese Entfremdung von der Realität nur bei den angeblichen Spitzen dieser Kaste zu beobachten?
Die Antwort muss leider lauten: Wohl kaum. Die Entfremdung hat längst die Niederungen der Politik, sprich das Kommunale erreicht. Sie ist nicht nur so allgegenwärtig, weil kommunale Politiker nicht unbedingt für Auftritte in Talkshows, nicht einmal in diversen Camps tauglich sind. Das muss sie ärgern, denn auch sie stehen vermutlich liebend gern im Mittelpunkt, selbst wenn sie das vehement von sich weisen.
Ein Beispiel dafür war der diesjährige Neujahrsempfang der Nordhäuser Rathausspitze. Dort wurde per Beamer die Neujahrsbotschaft von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) medial unterstützt. Diese Bilder (50? oder 70?) sollten das Geschehen in Nordhausen im Jahr 2008 dokumentieren. Wer da als Unbedarfter diese Bildchen sah, der konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es neben einigen Zehntausenden Statisten eigentlich nur drei Menschen gibt, die für die Stadt etwas bewegen. Frau Rinke, ihr Bürgermeister Matthias Jendricke und ihre Dezernentin Inge Klaan. Rinke mal vor einem Haus, mal mit Kindern, dann wieder mit Politikern anderer Größenordnung. Mal in Nordhausen, mal in Erfurt, mal in Berlin. Öfter mit einer Schere in der Hand.
Ihr Stellvertreter ist da vor allem mobiler: Vor seinem Lieblingsfeuerwehrauto, vor blau-weißen Ordnungsamtsflitzern, in einer Seifenkiste. Nur der Ritt auf den Elefanten fehlte. Vermutlich besitzt die Stadtverwaltung – trotz mehrerer ständiger Fotografen – dieses Foto nicht. Frau Klaan darf dann auch schon mal auf ein paar Bildern über die Leinwand huschen, meist jedoch in Begleitung.
Das ist die Stadt Nordhausen! Und weil dieses Gefühl, die Stadt zu sein, so geil sein muss, wird das natürlich nicht nur in Bildern, sondern auch im Sprachgebrauch dargeboten. Wir als Stadt Nordhausen, hört man immer öfter aus den Mündern der Oberen und liest man in ihren Verlautbarungen, die von der Pressestelle übermittelt werden. Das mag – formal juristisch korrekt sein – klingt jedoch fürchterlich. Noch schlimmer: Das Trio an der Rathausspitze meint das wahrscheinlich wirklich so: Wir als Stadt Nordhausen klingt wie: Wir im Rathaus, wir sind Nordhausen! Der Rest? Nun ja, der muß verwaltet werden.
Ich sage jedoch: Auch ich bin Nordhausen!. So, wie die Zehntausenden, die hier zusammenleben wollen oder auch nur müssen. Die Summe der Einzelnen macht für mich ein Gemeinwesen aus, nicht der Anspruch dreier Personen, für den Rest sprechen zu wollen. Selbst, wenn das alles korrekt sein sollte. Die Stadt Nordhausen der drei Kommunalpolitiker verselbständigt sich, der Weg zur Rede in der dritten Person Singular oder Plural ist dann mitunter auch nicht mehr weit.
Wir als Stadt Nordhausen sind dafür... klingt genauso, als wenn Frau Merkel oder Herr Müntefering verlauten lassen, dass ganz Deutschland hinter dieser oder jener politischen Entscheidung stehe. Das alles macht die mittlerweile aufgebaute Distanz zwischen den Führenden und den Geführten, zwischen Wählern und Gewählten nicht geringer. Vielleicht ist ja die gerade gewollt?
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzDie Antwort muss leider lauten: Wohl kaum. Die Entfremdung hat längst die Niederungen der Politik, sprich das Kommunale erreicht. Sie ist nicht nur so allgegenwärtig, weil kommunale Politiker nicht unbedingt für Auftritte in Talkshows, nicht einmal in diversen Camps tauglich sind. Das muss sie ärgern, denn auch sie stehen vermutlich liebend gern im Mittelpunkt, selbst wenn sie das vehement von sich weisen.
Ein Beispiel dafür war der diesjährige Neujahrsempfang der Nordhäuser Rathausspitze. Dort wurde per Beamer die Neujahrsbotschaft von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) medial unterstützt. Diese Bilder (50? oder 70?) sollten das Geschehen in Nordhausen im Jahr 2008 dokumentieren. Wer da als Unbedarfter diese Bildchen sah, der konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es neben einigen Zehntausenden Statisten eigentlich nur drei Menschen gibt, die für die Stadt etwas bewegen. Frau Rinke, ihr Bürgermeister Matthias Jendricke und ihre Dezernentin Inge Klaan. Rinke mal vor einem Haus, mal mit Kindern, dann wieder mit Politikern anderer Größenordnung. Mal in Nordhausen, mal in Erfurt, mal in Berlin. Öfter mit einer Schere in der Hand.
Ihr Stellvertreter ist da vor allem mobiler: Vor seinem Lieblingsfeuerwehrauto, vor blau-weißen Ordnungsamtsflitzern, in einer Seifenkiste. Nur der Ritt auf den Elefanten fehlte. Vermutlich besitzt die Stadtverwaltung – trotz mehrerer ständiger Fotografen – dieses Foto nicht. Frau Klaan darf dann auch schon mal auf ein paar Bildern über die Leinwand huschen, meist jedoch in Begleitung.
Das ist die Stadt Nordhausen! Und weil dieses Gefühl, die Stadt zu sein, so geil sein muss, wird das natürlich nicht nur in Bildern, sondern auch im Sprachgebrauch dargeboten. Wir als Stadt Nordhausen, hört man immer öfter aus den Mündern der Oberen und liest man in ihren Verlautbarungen, die von der Pressestelle übermittelt werden. Das mag – formal juristisch korrekt sein – klingt jedoch fürchterlich. Noch schlimmer: Das Trio an der Rathausspitze meint das wahrscheinlich wirklich so: Wir als Stadt Nordhausen klingt wie: Wir im Rathaus, wir sind Nordhausen! Der Rest? Nun ja, der muß verwaltet werden.
Ich sage jedoch: Auch ich bin Nordhausen!. So, wie die Zehntausenden, die hier zusammenleben wollen oder auch nur müssen. Die Summe der Einzelnen macht für mich ein Gemeinwesen aus, nicht der Anspruch dreier Personen, für den Rest sprechen zu wollen. Selbst, wenn das alles korrekt sein sollte. Die Stadt Nordhausen der drei Kommunalpolitiker verselbständigt sich, der Weg zur Rede in der dritten Person Singular oder Plural ist dann mitunter auch nicht mehr weit.
Wir als Stadt Nordhausen sind dafür... klingt genauso, als wenn Frau Merkel oder Herr Müntefering verlauten lassen, dass ganz Deutschland hinter dieser oder jener politischen Entscheidung stehe. Das alles macht die mittlerweile aufgebaute Distanz zwischen den Führenden und den Geführten, zwischen Wählern und Gewählten nicht geringer. Vielleicht ist ja die gerade gewollt?
Peter-Stefan Greiner
