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Richter Kropp: Es war die Schwalbe

Mittwoch, 07. Januar 2009, 10:27 Uhr
„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“ – so lautet einer der Schlüsselsätze in William Shakespeares Drama „Romeo und Julia.“ In Roßleben könnte man eher sagen: „Es war die Schwalbe…“ Und die flog bis in den Gerichtssaal von Richter Christian Kropp.


Jedenfalls bei Familie B. (Name geändert). Als Vater und Mutter B. am Abend des 26.04.2008 zusammen saßen, fehlt der Sohnemann. Kai (14) hatte die Schwalbe des Vaters, ein Motorrad aus DDR-Zeit, kurzerhand zu einer Spritztour nach Wiehe genommen. Eine einmalige Tat des Jungen aus gutem Elternhause. Fahren ohne Fahrerlaubnis heißt dieses Delikt im Juristendeutsch und wird bei Erwachsenen mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr sanktioniert.

Vor Jugendrichter Christian Kropp vom Sondershäuser Amtsgericht saß Kai B. aber als Jugendlicher, für den ganz andere Sanktionen gelten. Von Erziehung und Zuchtmitteln spricht das Jugendgerichtsgesetz eher. Für den Richter sind aber auch die Motive und Anlässe entscheidend, aus denen heraus junge Leute ihre Taten begehen.

„Ich bin verliebt und hatte Sehnsucht nach meiner Freundin“, so die verblüffende Antwort von Kai auf die Frage des Richters. Verliebt in Roßleben sah dann so aus, dass der Junge die Schwalbe seines Vaters für diese Spritztour entwendete, um zur Freundin nach Wiehe zu kommen.

Genug Anlass für den Jugendrichter, das Verfahren gegen eine Arbeitsauflage einzustellen. Der Junge hat nun binnen kurzer Frist 20 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Da keine Vorstrafen vorhanden waren und Kai ein Geständnis abgelegt hatte, konnte diese Entscheidung noch einmal so ergehen. „Eine Straftat, die in den ländlichen Regionen des Kyffhäuserkreise häufiger vorkommt“, so Jugendrichter Christian Kropp gegenüber der Presse. Das vorgebrachte Motiv sei hingegen seltener vor Gericht zu hören.

So bleibt zu hoffen, dass im Gegensatz zum Drama von William Shakespeare die Beziehung weiterhin glücklich verläuft und es auch zu keinen weiteren Straftaten kommt. Denn ansonsten dürfte Kai B. nicht auf einen so verständnisvollen Richter hoffen.
Autor: nnz/kn

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