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SSV: Totaler Ausverkauf?

Montag, 29. Juli 2002, 16:01 Uhr
Nordhausen (nnz). Was mit Beginn des Sommerschlussverkaufs Realität geworden ist, bahnte sich eigentlich schon seit Wochen an: Preissenkungen bei den Warenangeboten erreichen nahezu Rekordmarken. Was den Verbraucher freut, hat auch Kehrseiten. nnz zeigt sie auf.


„Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und der Diskussion um den Teuro haben sich viele Menschen mit Anschaffungen zurückgehalten“, sagt Ulrich Eggert, Geschäftsführer der Kölner Handelsberatung BBE: Die Kaufzurückhaltung führte teils zu beträchtlichen Umsatzeinbußen und die vorrätig gehaltene Ware blieb in den Lagern. Hinzu kam das bisher durchwachsene Wetter, das z.B. die Nachfrage nach sommerlicher Bekleidung dämpfte.

Nach den Preissenkungen der vergangenen Wochen - seinerzeit als Anreiz gedacht - wollen und müssen die Händler beim Sommerschlussverkauf jetzt noch eins drauf setzen. Der Handelsverband HDE spricht von teils „rekordverdächtigen Preisstürzen“. Die Kehrseite der Tief- und Tiefstpreise: Laut HDE verdienen die Händler mit dem Schlussverkaufsartikeln „keinen müden Euro“.

Auch Branchenexperten sehen das Rabattverhalten mit Sorge. „Die Preiskalkulationen sind aus der Not entstanden und werden nicht mehr als intelligentes Marketinginstrument eingesetzt“, sagt Hans-Christian Limmer von der Unternehmensberatung Roland Berger. Die Händler hätten riesige Warenbestände, die sie ohne Rabatt nicht los werden. Dabei nutzen die Ladeninhaber inzwischen alle Möglichkeiten, die ihnen seit dem Wegfall des Rabattgesetzes zur Verfügung stehen. So hat der Textilhändler Peek & Cloppenburg schon vor Wochen quer durch das Sortiment die Preise gesenkt. Auch bei Warenhäusern wie Karstadt oder Galeria Kaufhof gehören die Wühltische schon fast zur Standardeinrichtung.

Unangenehme Folgen könnte das für die Profite und das Image vieler Händler haben. „Gewähren die Unternehmen hohe Preisnachlässe, steigt zwar kurzfristig der Umsatz - Gewinn aber machen dabei nur wenige“, sagt Limmer. Negativ wirken sich die Billigphasen auch auf das Image vieler Händler aus. „Je hochwertiger sich ein Geschäft mit seiner Marke positioniert, desto mehr verwässern die hohen Rabatte das Qualitätsimage.“ Gerade die großen Kaufhausketten wie Karstadt oder Galeria Kaufhof, die ihr Häuser mit Millioneninvestitionen zu wahren Konsumtempeln ausbauen, laufen Gefahr, die Käufer mit einer Preiswackelpolitik zu verwirren.

Nach Ansicht der Experten führt die hohe Anzahl der Preisaktionen zu einer Abstumpfung der Verbraucher. Immer neue Ideen wie den „Weltmeister-Rabatt“ von Karstadt einen Tag nach dem Finale der Fußball-WM müssten sich die Händler einfallen lassen, um die Kunden noch anzuregen. „Rechnet der Käufer ständig mit einer neuen Aktion, wartet er auch prompt bis zu einer neuen Kampagne“, sagt der Handelsexperte Volker Dölle. Zudem werde selektiver gekauft. „Die Rabatte fördern die Schnäppchenjäger-Mentalität. Die Menschen gehen in das Geschäft, um ausschließlich den verbilligt angebotenen Artikel zu kaufen.“

Fantasie bei der Preisermäßigung müssen die Händler auch aus einem anderen Grund haben. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) verbietet beispielsweise, das gesamte Sortiment herabzusetzen oder Rabatte zu einer bestimmten Tageszeit zeitlich zu befristen. In den Schlussverkäufen dürfen nur Bekleidung und andere „Saisonwaren“ wie Schuhe und Lederwaren herabgesetzt werden (nnz berichtete gestern). Wer seine SSV-Aktion ausweitet, bekommt von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs sehr schnell eine Abmahnung ins Haus geschickt. Erinnerlich ist noch der Euro-Rabatt der Bekleidungskette C&A zu Beginn des Jahres, der ihr teuer zu stehen kam.

Dass diese Regelungen fallen müssen, darüber sind sich die Unternehmen und die Politik einig. Die beabsichtigte Reform des UWG ist allerdings bislang in den bürokratischen Mühlen hängen geblieben. Schon seit Monaten arbeitet eine Expertengruppe - dem Bundesjustizministerium zugeordnet - an der Reform. Ihre Arbeit geriet ins Stocken nachdem von der EU eine Verordnung angekündigt wurde. Die soll eine deutliche Liberalisierung von Sonderverkäufen und Rabattaktionen vorsehen.
Autor: nnz

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