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Bier künftig im Tetrapack?

Dienstag, 09. Juli 2002, 10:35 Uhr
Nordhausen (nnz). Das sogenannte Dosenpfand wird voraussichtlich zum nächsten Jahr in Deutschland einschlagen. Nicht nur die Kunden müssen sich umstellen. Die neue Verordnung verursacht vielen Unternehmen im Landkreis Nordhausen jetzt schon Kopfzerbrechen.


Ausgedient? Im Jahr 1929 wurde in der jetzigen Bochumer Straße 35 ein Geschäft eröffnet, das den Nordhäusern auch nach 73 Jahren unter dem Namen „Bötel“ bekannt ist. Hier kann man nicht nur Kautabak, Brötchen oder Tennisschläger kaufen, sondern auch Getränke. Bier in Büchsen, Brause in Glasflaschen. „Ich weiß immer noch nicht, was da ab dem nächsten Jahr auf uns zukommen wird“, schildert Heinrich Bötel die derzeitige Situation. Auch sein Partner, die Edeka, hat bislang noch keine Informationen weitergegeben. Einen teuren Rücknahmeautomat kann sich der Geschäftsinhaber nicht leisten, Platz für die Rücknahme der Pfanddosen oder -flaschen ist nicht vorhanden. Für Heinrich Bötel ist das Chaos vielleicht schon vorprogrammiert.

Für Arndt Forberger, einem Geschäftsführer der Nordhäuser Stadtwerke, ist eher Spannung angesagt. Viel Unsicherheit liege vor allem in der Um- und Durchsetzung der Verordnung. Halbherzig und nicht zu Ende gedacht sei das Regelwerk, meinte Forberger gegenüber der nnz. Hoffung hegt der kommunale Entsorger hinsichtlich des Gangs der Getränkehersteller und des Einzelhandels vor das Bundesverwaltungsgericht. Sollten die Unternehmen dort jedoch mit ihren Klagen durchfallen, dann kommt es dicke. Die Glasindustrie könnte Schwierigkeiten bekommen, denn die Giganten im deutschen und europäischen Einzelhandel, unter ihnen vor allem die Discountketten wie Aldi oder Lidl finden Wege, um der ersten Stufe der Verpackungsverordnung zu entgehen. Da gebe es bereits Überlegungen, Bier, Cola oder andere Getränke in sogenannte PET-Flaschen abzufüllen. Die fallen kurioserweise nicht unter den „Pfanderlaß“ von Jürgen Trittin.

Arndt Forberger geht davon aus, dass ab Januar 2002 etwa ein Viertel weniger Glas und Blech in den Containern sein wird. Im schlimmsten Szenario würde die Hälfte der jetzigen Containerstandorte in Nordhausen wegfallen. Um ein Konservenglas dann zu entsorgen, müssten die Bürger weitere Wege in Kauf nehmen. Wer da eine Senkung der Abfallgebühren erhofft, der hat sich allerdings getäuscht. Die festen Kosten der Entsorger bleiben gleich. Die Erlöse gehen jedoch zurück. Das duale System oder andere Recycler zahlen ja nur für das, was sie erhalten.

Das wird auf jeden Fall weniger sein, bestätigt die Geschäftsleiterin der Firma Südharz-Recycling, Christine Andres. Das Unternehmen betreibt am Strohmühlenweg eine Sortieranlage. Monatlich kullern hier 400 bis 450 Tonnen Glas und Dosen über die Transportbänder. Über die finanziellen Auswirkungen auf das Unternehmen wollte sich Andres heute noch nicht äußern. Fest steht allerdings auch für sie: „Ob mit dieser Verordnung eine Senkung der Mehrwegquote erreicht wird, halte ich für fraglich und problematisch.“ Und das Argument der Umweltschützer, die weggeworfenen Dosen würden die Umwelt verschmutzen kann nicht gelten. Nach Statistiken, die zum Beispiel den Nordhäuser Stadtwerken vorliegen, machen Einwegflaschen und -büchsen mal gerade zwei läppische Prozent des weggeworfenen Unrats aus. Aber vielleicht wird das alles, was im Januar in Kraft treten soll, ja auch noch einmal novelliert? Vielleicht wird es ja auch ab dem 22. September keinen grünen Umweltminister in Berlin mehr geben?
Autor: nnz

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