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Schuhmachers Erzählung

Samstag, 27. September 2008, 08:09 Uhr
Gestern Abend hob sich erstmals in der neuen Spielzeit der Vorhang des Nordhäuser Theaters für eine große Oper. Nichts Geringeres als „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach hatten sich die Künstler um Intendant Lars Tietje vorgenommen. Für die nnz saß Olaf Schulze im Zuschauerraum.


Hoffmanns Erzählungen im Theater (Foto: R. Obst) Hoffmanns Erzählungen im Theater (Foto: R. Obst)

Gleich vorweg: es war wirklich große Oper, was den Premierenbesucher im nicht restlos ausverkauften Nordhäuser Theater geboten wurde. Langer stürmischer Applaus dankte nach knapp drei Stunden einem hervorragenden Ensemble, auf das die Rolandstadt mit Recht stolz sein darf.

Zur Historie: Ein französischer Schriftsteller schreibt ein Buch über einen deutschen romantischen Autor, das ein anderer Franzose zum Libretto umarbeitet, welches schließlich beim Maitré Jacques Offenbach landet, der eine faszinierende Musik dazu komponiert, aber nicht ganz fertig wird mit seinem Werk. Diesem Umstand verdankt „Hoffmanns Erzählungen“ zu einem der interessantesten Werke des Weltmusiktheaters geworden zu sein, denn der Ausgang ist offen und muss vom jeweiligen Regisseur bestimmt werden.

In Nordhausen verfolgt Sören Schuhmacher ein klares Konzept und wir erleben einen Hoffmann, der zu Beginn der Aufführung schon am Ende ist, in einer geschlossenen Abteilung versorgt und mit Medikamenten ruhig gestellt wird. Angestachelt durch Leidensgenossen und seine Sehnsucht nach der schönen Stella erinnert sich Hoffmann an die drei großen tragischen Liebesgeschichten seines Lebens. Geschickt und sicher führt Schuhmacher seine Akteure durch die nun einsetzende bunte Handlung, die vom sehr spartanischen, aber funktionalen Bühnenbild Norbert Bellens und den Kostümen Katrin Kaths bestens unterstützt wird. Und er hat eine Truppe beisammen, die es ihm leicht macht, mit seiner Konzeption erfolgreich zu sein.

Allen voran Hugo Mallet, ein perfekter Darsteller des bedauernswerten Hoffmann mit beeindruckender Stimme, der so viele Facetten in seinen Liebeswerbungen aufweist, dass es für den Zuschauer eine Freude ist, ihm zu folgen. Auch wenn es für den „Helden“ Hoffmann eher desaströs ist, wie ihm seine Umwelt mitspielt. Starker Gegenpart dabei in den unterschiedlichen Rollen des Bösen ist Gavin Taylor, der lustvoll an Hoffmanns Vernichtung arbeitet und auch dank seiner volltönenden Stimme eine enorme Präsenz erreicht. Anja Daniela Wagner als ständige Begleiterin des liebestollen Deutschen spielt großartig die immer wieder hoffnungsvolle Frau und Muse, deren kleine, feine Hoffnungen sich am Ende alle zerschlagen.

Die drei Angebeteten aus Hofmanns Erzählungen können unterschiedlicher nicht sein. Die mechanische Puppe Olympia (von Sandra Schütt überzeugend dargestellt) ist die erste, die Hoffmann erfolglos begehrt. Sabine Blanchard glänzt als todgeweihte Antonia und beeindruckt ihr Publikum einmal mehr mit ihrer unglaublichen Stimmkraft. Brigitte Roth schließlich geht auf in der Rolle der Kurtisane Giulietta, die den Männern den Kopf verdreht.

Aber auch die anderen Solisten in den kleineren Rollen fügen sich nahtlos in die Inszenierung ein und tragen ihren Teil zu einer gelungenen Premiere ebenso bei wie der starke Chor und ein sicher und leicht musizierendes Loh-Orchester unter dem neuen GMD Markus L. Frank.

Für Hoffmann gibt es am Ende keine Rettung, für das Nordhäuser Theater aber ist dieser Abend ein hoffnungsvoller Auftakt in die neue Spielzeit.
Olaf Schulze
Autor: nnz

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